Freitag, 07.02.2014

Doppelte Führungskompetenz

Führungskräfte wollen heute beides: Karriere und Privatleben. Kein leichtes Unterfangen, wie Unternehmer berichten.

Familie und Beruf sollen besser vereinbar werden, das hat sich die Große Koalition auf die Fahne geschrieben. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will in ihrem neuen Job die Bundeswehr zu einem familienfreundlicheren Arbeitgeber machen. Familienministerin Manuela Schwesig von der...

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Notwendigkeit erkennen

Nicht nur Eltern fordern Teilzeit ein

Teilzeitbeschäftigungen haben in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen. Einer der Hauptgründe ist, dass Frauen wie Männer Beruf und Familie vereinbaren wollen. Pamela Boldt ist eine von ihnen. Sie arbeitet als Führungskraft 26 bis 35, manchmal auch 40 Stunden, sagt sie, aber das darf sie flexibel einteilen. "Das ist die Portion Freiheit, die Teilzeit bedeutet. So kann ich mich um meine Tochter kümmern." Doch neben dem Familienaspekt, so hebt sie hervor, lerne man Dinge ganzheitlicher zu betrachten, wenn man sich außerhalb der Firma engagiere. Daran würden Persönlichkeiten reifen, und das bringe Mehrwert für das Unternehmen. Sie registriert den Wunsch nach einer Teilzeittätigkeit auch bei ihren kinderlosen Kollegen. Geschäftsführer Matthias Finck sieht das ähnlich. Er arbeitet seit 2009 in Teilzeit, 20 Stunden in der Woche. Zunächst konnte er so noch einer anderen Beschäftigung nachgehen, dann hat er die Zeit für die Familie genutzt, und nun lehrt er an der Uni. "Es gibt also genug Gründe, einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen", betont er.

Pamela Boldt führt in Teilzeit im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung des Finanzdienstleisters EOS. Matthias Finck ist Geschäftsführer in Teilzeit der Internetagentur Effective Webwork.


Ohne klare Regeln geht es nicht

Fordern, kommunizieren und delegieren, empfehlen Expertinnen

Führen in Teilzeit funktioniert nur mit klaren Regeln, hebt Andrea von Schröder hervor. Sie berät viele Mütter und sagt: "Frauen müssen mutig sein und mehr fordern, aber sich auch an bestimmte Prinzipien halten." Sie sollten vor dem Mutterschutz klar kommunizieren, in welche Position sie zurück wollen. Sie berichtet, dass Frauen oft den Fehler machen, in die Elternzeit zu verschwinden. "Dann kommen sie wieder reingeschneit." Das aber gehe nicht, die Unternehmen müssten damit kalkulieren können. Frauen müssten ihre Karriere also verbindlich planen und während der Auszeit Fortbildungen machen. Ihre Mit-Geschäftsführerin Dorothee Brockmann fügt hinzu, dass es eine Frage der Selbstorganisation sei. Aufgaben und Prozesse sollten klar kommuniziert und delegiert werden. "Der Informationsfluss muss nahtlos funktionieren", rät sie Mittelständlerinnen.

Dorothee Brockmann (links) und Andrea von Schröder führen das Beratungsunternehmens Teamhochzwei, Hamburg.


Arbeitgebermarke stärken

Die Generation Y hat andere Ansprüche

In Teilzeit führen bedeutet, Verantwortung und Aufgaben abzugeben. Das geht aber nur über ein Führungskonzept, das Mitarbeiter auf eine Stufe holt und sie zu Beteiligten macht, erklärt der 69-jährige Mittelständler Johannes Rahe. Gerade leitende Angestellte müssten Führung mit übernehmen. Studien der vergangenen Jahre über die Generation Y hätten gezeigt, dass die heranwachsenden Führungskräfte mehr Verantwortung übernehmen wollen und diese auch einfordern. "Ein gutes Angebot der Teilzeitbeschäftigung für Führungskräfte erhöht Ihre Attraktivität als Arbeitgeber und sichert Ihnen eine hervorragende Position im 'War for Talents'", erklärt Geschäftsführer Steffan Lammers, der Führungskräfte in Teilzeit in seinem Unternehmen gezielt unterstützt.

Johannes Rahe (links) war 26 Jahre lang Geschäftsführer von Coolit. Steffan Lammers ist Geschäftsführer des IT-Dienstleistungsunternehmens focu.biz.


Anerkennung vorleben

Teilzeit ist nichts für Faule

Die Anerkennung von Teilzeit ist keine Selbstverständlichkeit. Lisa Hönck betont, die Kollegen müssten verstehen, "dass ich mich nicht nachmittags auf die faule Haut lege, wenn ich nicht da bin. Da kümmere ich mich als alleinerziehende Mutter um meine junge Tochter. Wenn die Akzeptanz vom Geschäftsführer vorgelebt wird, erlaubt sich niemand einen negativen Kommentar." Die Arbeitswelt heute ist dahingehend im Wandel. "Als ich 2001 in Elternzeit gegangen bin, war das mit Vorgesetzten und Kollegen nicht so angenehm", erzählt Volker Baisch. Das sei eine andere Zeit gewesen. Heute hingegen gebe es Modelle wie die Elternteilzeit mit einer Lohnersatzleistung. Wenn die Rahmenbedingungen stimmten, seien Väter dem gegenüber sehr affin, weiß er aus Erfahrung. Er betreut eine Webplattform, über die Unternehmen Coachings und Seminare zum Thema Väter und Teilzeit buchen können. "Wir haben eine zunehmende Nachfrage, sowohl seitens der Väter als auch der Unternehmen."

Lisa Hönck ist Head of Social Media Marketing bei Testroom. Volker Baisch ist Geschäftsführer der Väter gGmbh.


Netzwerk ist ein Muss

Teilzeit bedeutet, nicht immer da zu sein

Entscheidend dafür, dass der Spagat zwischen Karriere und Kind glückt, ist ein gutes Netzwerk, erklärt Kirsten Lenz, Geschäftsführerin in Teilzeit für die Onlineplattform Mutterschafft. Und sie bemängelt, dass es nach wie vor zu wenige Krippenplätze gebe. In Belgien hätten Frauen im Schnitt drei Kinder, und die Kindergartenplätze seien staatlich subventioniert. In Deutschland seien Kindergärten dagegen sehr teuer. Sie kenne viele Frauen, die nicht "für die Kindergartenkosten arbeiten gehen" wollten. Gerade im Mittelstand könnten aber bei Teilzeitbeschäftigungen nicht die Gehälter gezahlt werden, die der Höhe der Aufwendungen entsprechen würden. Da sei die Politik am Zug. "Es ist so ein Kraftakt, Karriere zu machen, und das kann es ja nicht sein."

Kirsten Lenz ist Geschäftsführerin der Onlineplattform Mutterschafft.de, einer Jobbörse und Personalvermittlung für Mütter und Unternehmen.