Freitag, 04.07.2014

Sherlock Holmes kauft ein

Falschdeklarationen stehen am Ende einer Kette, die bei einem Lieferanten beginnen kann. Ohne Kontrollen fehlt eine wirksame Handhabe.

Von Doris Hülsbömer

Sechzehn lange Jahre hatte das Dänische Bettenlager Zeit, um mit einem besseren Ergebnis zu punkten. In der im Mai veröffentlichten WWF-Untersuchung von Holzprodukten deutscher Einzelhändler ist die Umweltschutzorganisation bei 13 untersuchten Holzprodukten auf 8 falsch...

Notfallplan im Einkauf

Immer wieder sind Unternehmen mit mangelhaften Produktdeklarationen, Produkten oder Gefahren, die von ihren Produkten ausgehen, konfrontiert. Doch nicht jedes Unternehmen wählt die Vogel-Strauß-Politik. Der Rüsselsheimer Caterer Sodexo hatte Mitte Oktober 2012 Schulen mit verseuchten Tiefkühlerdbeeren beliefert und damit die bislang größte Epidemie an Magen-Darm-Erkrankungen ausgelöst. Vom Brechdurchfall waren 11.000 Schulkinder betroffen. Dieser Vorfall läutete eine generalstabsmäßige Bestandsaufnahme im Einkauf aus. Ein externer Dienstleister untersuchte den gesamten Einkaufsprozess, der TÜV legte mit einer Warenstromanalyse für verschiedene Betriebe nach. "Wir sind heute am proaktivsten am Markt - das sagen unsere Lieferanten", betont Susanne Sperlich, Direktorin Einkauf bei dem Caterer. Beim Wareneingang finden mikrobiologische Untersuchungen statt. Die Lieferantenverträge wurden überarbeitet, eine Risikoklassifizierung erarbeitet, verschiedene Produkte wie Frischei oder Sprossen gesperrt.

Eine weitere Neuerung ist, dass die Lieferanten für den Caterer Rückstellproben zur Verfügung stellen müssen, das heißt, von frischen Artikeln wird von jeder Charge eine Probe gezogen und für eventuelle Untersuchungen gekühlt. Von allen Lieferanten hat der Caterer Notfalltelefonnummern angefordert, für den Fall aller Fälle gibt es einen Notfallplan im Einkauf. Auch erhält Sodexo jederzeit einen ungehinderten Zutritt zum gesamten Betrieb des Zulieferers.

Dies handhabt Schöffel ähnlich. "Wir gehen unangemeldet zu unseren Lieferanten und fragen, wo ist Auftrag A, B, oder C? Damit stellen wir sicher, dass es niemals Subkontraktoren gibt, von denen wir nichts wussten", erklärt Georg Kaiser, Abteilungsleiter Beschaffung und Logistik. Vor Ort und im Haus kontrollieren eigene Mitarbeiter fortlaufend die Ware. Hinzu kommen diverse Zertifizierungen, unter anderem durch die Fair Wear Foundation. Dies bedeutet für den Outdoor-Bekleidungshersteller einen jährlichen Kostenblock von rund 500.000 Euro. Doch dies rechnet sich nicht nur in Bezug auf die Produktqualität, sondern auch in puncto Image, ist sich Georg Kaiser sicher.

Denn den Kosten stehen im theoretischen Fall andere Ausgaben gegenüber. "Der Unternehmer oder Verantwortliche steht für die Produkte, die er in den Verkehr bringt, in der Garantenpflicht", erklärt Elke Werner, Rechtsanwältin und Kooperationspartnerin bei Kerkhoff Legal. Das kann im schlimmsten Fall in eine Bewährungsstrafe münden. Und die Sensibilisierung schreitet voran. Nordrhein-Westfalen hat dem Bundesrat einen Gesetzesantrag zur strafrechtlichen Verantwortung von Unternehmen vorgelegt. Damit würde sich das mögliche Strafmaß verschärfen. Bußgelder seien nicht hinreichend präventiv, heißt es darin, "weil sie insbesondere für große Wirtschaftsunternehmen ein kalkulierbares Risiko bleiben".

Gemeinsame Sprache finden

Aber auch jetzt schon wird das Sprichwort "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" in manchen Einkaufsabteilungen täglich durchbuchstabiert. Ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Lieferanten sei zwingend notwendig, betonen Georg Kaiser und Susanne Sperlich unisono. Ohne dabei an einem differenzierten Kontrollsystem zu sparen. In die gleiche Richtung argumentiert Hornbach. Die Baumarktkette konnte bei der aktuellen WWF-Untersuchung mit korrekten Produktangaben punkten. "Bei uns gibt es für jedes Produkt eine eigene Prüfroutine", erklärt Andreas Back, der als Leiter Qualitätsmanagement, Umwelt und CSR für die Product Compliance zuständig ist. Bei Holzprodukten fragt Hornbach die Herkunft bei den Lieferanten nach und lässt die Angaben von akkreditierten und zertifizierten Partnerlabors prüfen.

"Es kann jedoch nur eine Risikominimierung geben", schränkt Bettina Roth, Qualitätsmanagerin bei dem Outdoor-Ausrüster Vaude ein. Und führt fort: "Man erlebt manchmal Dinge, da hat man bei allen Erfahrungen nicht damit gerechnet." Eine Gefahrenbaustelle seien Änderungen im Management der Zulieferer oder in den Produktionslinien. Nach der chinesischen Neujahrsfeier würden Mitarbeiter oftmals nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Das betreffe mitunter auch Führungskräfte.

Danach versuche man erstmal wieder dahin zu kommen, dass es wieder funktioniere. Ihre Strategie ist ein umfassendes Regelwerk: ein explizites Vertragswesen mit Listen von geregelten oder verbotenen Substanzen, Qualitätskontrolleure in Asien, die Implementierung des Code of Conduct der Fair Wear Foundation oder strengste Textiliengrenzwerte. Das wichtigste Asset, so ist ihre Erfahrung: "Eine gemeinsame Sprache mit den Lieferanten entwickeln". <<

doris.huelsboemer@marktundmittelstand.de