Donnerstag, 02.10.2014

Die DNA des Mittelstands

Was den Mittelstand auszeichnet - seine Stärken und seine Schwächen

Von Tobias Anslinger und Joachim Kary

"Rückgrat der deutschen Wirtschaft": Wer weiß nicht, was damit gemeint ist? Es ist der deutsche Mittelstand. Vor allem Wirtschaftstreibende bedienen sich gern dieses Bilds. Ein anderes solches ist der - in konjunkturell schwierigen Zeiten häufig verwendete...

Klein und groß

Wird der Blick vornehmlich auf das produzierende Gewerbe gerichtet, wenn der Begriff "Mittelstand" fällt, stellt sich jedoch die Frage, ob damit der Vielfalt dieses Phänomens vollständig Genüge getan wird. "Tatsächlich zählen heute auch Start-ups zum Mittelstand", erklärt Professorin Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn. Ihrer Einschätzung nach war der Mittelstand in Deutschland schon immer sehr heterogen, in den vergangenen Jahren hat sich das jedoch immer stärker ausdifferenziert. "Ob sich auch die Freiberufler oder Einpersonen-Unternehmen als Mittelständler verstehen, ist aber eine offene Frage", sagt Welter. Ein Blick auf die Zahlen zeigt auf jeden Fall, dass deren Zahl und damit auch deren Bedeutung in den vergangenen 20 Jahren zugenommen hat. Lag die Anzahl der Selbstständigen (ohne Land- und Forstwirtschaft und Fischerei) im Jahr 1994 bei 2,9 Millionen, so ist sie bis zum Jahr 2012 auf knapp 4,2 Millionen und damit um knapp 45 Prozent gestiegen. Die Zahl der kleinen und mittleren Unternehmen ist demgegenüber zwischen 1994 und 2011 um etwa 900.000 auf 3,6 Millionen Betriebe gestiegen, was einem Zuwachs von "nur" 30 Prozent entspricht. Es kann also durchaus von einem eingeleiteten Strukturwandel gesprochen werden.

Fest steht jedenfalls, dass die Deutschen privat geführten Unternehmen bzw. Familienbetrieben weit mehr vertrauen als börsennotierten Gesellschaften (77 Prozent zu 49 Prozent) - selbst wenn sich diese in puncto Transparenz und Öffnung nach außen oftmals viel strengeren, auch rechtlichen Anforderungen gegenübersehen als Mittelständler. "Den ehrbaren Kaufmann vermutet man eher im Mittelstand", sagt Edelman-CEO Susanne Marell. In keinem anderen Land weltweit ist das Vertrauen in privat geführte Unternehmen so hoch wie hierzulande. Das hat die Agentur Edelman in ihrem jährlich erhobenen "Trust Barometer" herausgefunden. "Ich bin mir nur nicht sicher, ob das den Mittelständlern auch so richtig bewusst ist", ergänzt Marell. Ihren Beobachtungen zufolge hat sich die immer schon hohe Reputation des Mittelstands in den vergangenen fünf bis sechs Jahren nochmals stärker herausgebildet. "Die Mittelständler profitieren auch vom Vertrauensverlust der Großen", sagt sie. Krisen und Skandale drücken die Konzerne in der öffentlichen Wahrnehmung weiter nach unten. Professorin Welter vom IfM Bonn sieht die Position des Mittelstands ebenfalls gefestigt: "Die Mittelständler sind gut über die Krise gekommen. Ihre Rolle in der Außenwahrnehmung - auch im Ausland - hat sich dadurch nochmals verstärkt." Professor Simon geht sogar noch einen Schritt weiter. Rückblickend sagt er: "Der Mittelstand ist heute stärker als noch vor 20 Jahren."