Montag, 02.11.2015

Fotoquelle: Moll Marzipan

Bei Moll Marzipan ist Supply Chain Finance keine Finanzierungsoption. Die persönlichen Beziehungen zu den Lieferanten werden eher für eine flüssige Lieferkette herangezogen, das ist im Mittelstand eine gängige Herangehensweise.

Einkauf
Einkauf und Finanzierung müssen zusammenarbeiten

Mittelstand zögert bei Supply Chain Finance

Mehr Liquidität, mehr Bonität: Eigentlich bietet Supply Chain Finance nur Vorteile. Warum es im Mittelstand oft kein Gehör findet.

Supply Chain Finance ist bei Siemens schon länger ganz normaler Bestandteil im Alltagsgeschäft. Über einen Finanzierungsdienstleister, in diesem Fall Orbian, läuft die Abwicklung und Bezahlung der Rechnungen an viele Lieferanten. Neu ist die Idee nicht: Mit Hilfe von Supply Chain Finance können Unternehmen ihre Finanzierungszeiträume in der Lieferkette überbrücken. Es entsteht eine Dreiecksbeziehung zwischen einkaufendem Unternehmen, Lieferant und Finanzierungsdienstleister. Der Dienstleister überweist wenige Tage nach Eingang einen diskontierten Rechnungsbetrag. Doch insbesondere bei mittelständischen Unternehmen kann das Instrument nicht so richtig Fuß fassen. „Wir machen keine Einkaufsfinanzierung“, wehrt Armin Seitz ab. „Zwar bekommen wir immer wieder Angebote, aber das ist so teuer, dass es für uns keine Relevanz hat.“ Der Geschäftsführer von Moll Marzipan finanziert stattdessen seine Einkäufe über Eigenmittel und Kreditlinien.

Orbian wollte die Gründe für die ablehnende Haltung im Mittelstand genauer erforschen. Denn die Konditionen mancher Anbieter rechnen sich durchaus, selbst bei dem derzeitigen Niedrigzinsumfeld. Die zusätzliche Liquidität ist ein weiteres Argument, das die Anbieter ins Feld führen. „Der Lieferant muss sich kein Working Capital bei der Bank beschaffen“, sagt Alexander Scheld, Partner bei Expense Reduction Analysts. Orbian stellte daher für eine Studie zum Thema Supply Chain Finance Daten zur Verfügung.

Durchgeführt wurde die Studie am Institute for Supply Chain Management der EBS Business School. David Wuttke präsentierte die Ergebnisse kürzlich auf dem 2. Supply Chain Tag im Frankfurter House of Logistics and Mobility, veranstaltet von Expense Reduction Analysts und der EBS Universität für Wirtschaft und Recht. Eines der Ergebnisse war so einfach wie offensichtlich: „Das Thema Optimierung des Working Capital muss auf der Agenda stehen“, sagte der EBS-Wissenschaftler. Er hat im Zuge seiner Forschungsarbeit über 40 Interviews mit Managern geführt und konnte die Daten von rund 1.700 Firmen nutzen.

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„Wer liefert was“ ist der führende B2B-Marktplatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf wlw.de, wlw.at und wlw.ch treffen monatlich 1,3 Millionen Einkäufer mit echtem Bedarf auf rund 540.000 Lieferanten, Hersteller, Händler und Dienstleister in rund 47.000 Kategorien.

Supply Chain Finance: Lieferanten ins Boot holen

Eine wichtige Rolle spielen auch zwischenmenschliche Aspekte, ein zweites Resultat seiner Studie. In einem Supply-Chain-Finance-Programm müssen Einkauf und Finanzierung zusammenarbeiten. Die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit kommt in vielen Firmen zu kurz. Meist kann das einkaufende Unternehmen das Programm durchsetzen, da es eine gewisse Marktmacht gegenüber dem Kunden hat. Doch nicht immer zieht der Lieferant mit. „Es ist in jedem Fall ein Hindernis, wenn die Vorteile für den Lieferanten nicht richtig dargestellt werden“, ergänzt Wuttke. Unter mittelständischen Unternehmen, die gerne in ihrer Finanzierung unabhängig sind oder auf persönliche Beziehungen bauen, ist die Skepsis jedoch noch groß. Paul Moody, Associate Principal bei dem Beratungsunternehmen REL, das zur Hackett-Gruppe gehört, sieht in Supply Chain Finance aber auch für den Mittelstand eine gute Möglichkeit, die Beziehungen zu den Lieferanten zu verstärken. Über EDI-Standards sei zudem die Anbindung relativ unkompliziert.

Guido Tewes ist schon einen Schritt weiter. Der Leiter des Corporate Treasury bei der M+W Group hat das Programm mit einem Lieferanten gestartet. Bei dem Anlagenbauer hat der Gesellschafter des Unternehmens die Einführung von Supply Chain Finance von vornherein sehr stark unterstützt und befürwortet. „Wir suchen seit einiger Zeit nach geeigneten Finanzierungsinstrumenten und haben mit Supply Chain Finance begonnen“, sagt Tewes. Er plant die Anbindung weiterer Lieferanten. Für den Finanzexperten spielt dabei eine große Rolle, dass er in der jetzigen Phase von deutlichen Cashüberschüssen auch mit diesem Programm auf andere Zeiten vorbereitet sein will.

Status „Bevorzugter Lieferant“ kommt gut an

Bei der M+W Group trägt Supply Chain Finance zu einer verbesserten Beziehung zu den Lieferanten bei, ist die Erfahrung von Tewes. Der Lieferant erhält den Status „Bevorzugter Lieferant“. Working Capital Management kann die Finanzierungskraft des Unternehmens von innen heraus steigern.  „Schuldenneutral und bankenunabhängig unterstützt die Lösung eine aktive Steuerung von Bilanzkennzahlen“, sagt Joanna Townsend, Vice President Working-Capital-Optimierung bei American Express. Damit ermöglicht die Lösung eine Verbesserung der Bilanzstruktur.

Bei Moll Marzipan dürften jedoch all diese Argumente keine Rolle spielen. Zwar kauft der Mittelständler große Mengen an Rohwaren wie Nüsse und Mandeln ein, doch seine Lieferanten würden nicht mitziehen. Sie hätten kein Interesse an einer Anbindung an ein Supply-Chain-Finance-Programm, erklärt Seitz. Damit scheitert das Vorhaben, denn es gibt weltweit nur wenige Anbaugebiete für die Rohwaren, die Seitz einkauft.

Info

Supply Chain Finance: Vor- und Nachteile

Bei der Überbrückung knapper Zahlungsziele kann Supply Chain Finance zusätzliche Liquidtät verschaffen. Die Lösung braucht Vorlauf und Lieferanten, die mitziehen. Je nach Marktmacht sind die Lieferanten unterschiedlich dazu bereit.

+ Verbesserung der Zahlungsziele für das einkaufende Unternehmen, im Durchschnitt auf 58 Tage
+ Einkaufendes Unternehmen benötigt für ein verbessertes Working Capital keine 
   Bankenfinanzierung
+ Lieferant erhält wenige Tage nach Rechnungsprüfung den diskontierten Betrag
+ Lieferant erhält Konditionen, die auf Kreditwürdigkeit des Kunden basieren

-  Gefahr, dass Lieferant den Diskontsatz, den er zahlen muss, auf Kunden abwälzt. Abhängig von
   der Wettbewerbssituation des Lieferanten.
-  Aufwand in der Koordination und Ansprache der Lieferanten
-  Kosten entstehen entweder für einkaufendes Unternehmen oder für Lieferanten, sind jedoch im
   Idealfall nicht höher als Skonti oder Finanzierungskosten.

Quelle: Markt und Mittelstand