Mittwoch, 31.05.2017

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Rohstoffabbau: Viele Ausgangsprodukte kommen nur in wenigen Ländern der Erde vor. Mittelständler sollten sich auf Beschaffungsrisiken frühzeitig einstellen.

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Interview mit Torsten Brandenburg

„Viele Mittelständler wissen nicht, was in ihren Produkten steckt“

Viele wichtige Rohstoffvorkommen konzentrieren sich auf wenige Länder – das kann zu Abhängigkeiten führen. Einerseits bestehen Risiken, andererseits wissen viele Mittelständler nicht, welche Rohstoffe sie verarbeiten, moniert Torsten Brandenburg von der Deutschen Rohstoffagentur.

Vor kurzem wurde die „DERA-Rohstoffliste 2016“ veröffentlicht. Wie ist die Lage auf den internationalen Rohstoffmärkten?
Grundsätzlich ist zu beobachten, dass die Angebotskonzentration und die Länderrisiken weiterhin sehr hoch sind. So verfügen etwa China, Brasilien, Südafrika und die Russische Föderation über hohe Marktanteile bei einzelnen Rohstoffen. 40 Prozent aller von uns untersuchten Rohstoffe weisen eine hohe Marktkonzentration auf.

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Torsten Brandenburg leitet den Arbeitsbereich Rohstoffwirtschaft bei der Deutschen Rohstoffagentur (DERA)

Sie stellen einerseits eine verstärkte Konzentration, andererseits aber auch einen Preisverfall fest – wie passt das zusammen?
In den Jahren bis 2013 wurde das Angebot bestimmter Rohstoffe massiv ausgebaut – aber nur von wenigen Anbietern. Deshalb die anhaltend hohe Konzentration, etwa in China. Der Preisverfall ist damit zu erklären, dass die erwartete Nachfrage in den vergangenen Jahren ausgeblieben ist. Zwar wurden einige Überkapazitäten vom Markt genommen, diese Mengen waren aber geringer als der Nachfragerückgang.

Konnten die deutschen Unternehmen von diesem Preisverfall profitieren?
Durchaus, vor allem die Maschinenbau- und Chemiebranche. Wir haben errechnet, dass deutsche Unternehmen für mineralische Rohstoffe und Energierohstoffe 2016 rund 40 Milliarden Euro weniger ausgeben mussten als noch zwei Jahre zuvor. Die Preise von fast allen Industriemetallen und Hochtechnologierohstoffen sind relativ stark gefallen.

Wie lange wird dieser Trend noch anhalten?
Wir beobachten schon seit einem Jahr, dass die Preise, etwa für Zink und Zinn, wieder anziehen. Der Grund dafür ist die derzeit robuste Weltkonjunktur. Außerdem fehlen zunehmend Produktionskapazitäten aus Bergbauprojekten, die vor einigen Jahren auf Eis gelegt wurden.

Seltene Erden haben sich zu einem begehrten Hightech-Rohstoff entwickelt, dessen Vorkommen aber China zu 90 Prozent kontrolliert. Wie sieht es aktuell aus?
Die Preise haben sich deutlich entspannt, nicht aber die Marktmacht Chinas. Derzeit liegen die Preise aus den genannten Gründen auf einem historisch günstigen Niveau. Mit ein Grund für den Nachfragerückgang ist die Tatsache, dass Unternehmen während der Hochpreisphase Seltene Erden substituiert oder eingespart haben.

War die Panikmache der deutschen Industrie folglich überzogen?
Das Hauptproblem ist nicht eine geologische Verknappung, sondern vielmehr politische oder wirtschaftliche Maßnahmen von einzelnen Staaten. China musste aufgrund von WTO-Klagen einige seiner Exportrestriktionen zwar teilweise fallen lassen. Aber das bedeutet noch keine Entwarnung.

Warum das?
China ist führend bei der Raffinadeproduktion von 23 der 26 wichtigsten Metalle. Und das Land will mehr Wertschöpfung aus seinen Rohstoffen erzielen – dafür baut es eine eigene Verarbeitungsindustrie auf. Die Zahlen zeigen, dass sich dieser Trend sogar verstärkt hat: Bei Gallium, Indium und Magnesium hat das Land seinen Marktanteil kontinuierlich ausgebaut und kontrolliert nun deutlich mehr als 70 Prozent des Marktes. Jedes Unternehmen, das Rohstoffe von dort bezieht, muss also lernen, mit China umzugehen.

Was können Unternehmen generell tun, um sich gegen Preisschwankungen oder ein knappes Angebot zu wappnen?
Sie sollten möglichst effizient wirtschaften, Recycling nutzen sowie frühzeitig Ausweich- und Diversifizierungsstrategien in der Beschaffung entwickeln.

Wie kann eine solche Strategie aussehen?

Es ist möglich, bestimmte Rohstoffe durch andere zu substituieren. Anstatt Platin kann etwa Palladium verwendet werden – und umgekehrt. Kupfer kann in einigen Fällen durch Aluminium ersetzt werden, allerdings muss man dabei immer die spezifischen Materialeigenschaften beachten.

Konzerne haben es da aufgrund ihrer Größe leichter. Wie können Mittelständler ihre Rohstoffversorgung absichern?

Für mittelständische Unternehmen ist es zunächst einmal sehr wichtig, sich darüber bewusst zu werden, welche Rohstoffe überhaupt in den Produkten stecken, die sie herstellen. Dort sehen wir noch einen deutlichen Nachholbedarf.

Woran liegt das?
Viele kleine und mittlere Unternehmen sitzen in der Mitte der Wertschöpfungskette und greifen auf Vorprodukte zurück, deren Zusammensetzung und deren Rohstoffmärkte sie nicht genau kennen.

Was kann ein Mittelständler tun, wenn er einen Problem-Rohstoff findet?

Dann sollte er sich bei seinem Rohstoffhändler regelmäßig und frühzeitig über die Verfügbarkeit informieren. Banken sichern ihnen zum Beispiel durch Hedging die Preise ab. Mit Zulieferern kann das Unternehmen Preisgleitklauseln vereinbaren und mit Endkunden beispielsweise festlegen, dass es höhere Preise an ihn weitergeben darf.

Autor

Zur Person
Dr. Torsten Brandenburg ist seit 2012 für die DERA tätig, seit Anfang 2016 leitet der promovierte Naturwissenschaftler den Arbeitsbereich Rohstoffwirtschaft. Brandenburg ist Mitautor der „DERA-Rohstoffliste“, die alle zwei Jahre erscheint.

Info

Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA)
Die DERA wurde 2010 in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gegründet, um der deutschen Wirtschaft in Rohstofffragen zur Seite zu stehen. Neben regelmäßig erscheinenden Publikationen, können sich Mittelständler auch individuell zu Preis- und Lieferrisiken beraten lassen. Die DERA führt auch Detailstudien zu zahlreichen mineralischen Rohstoffen durch, wenn ein gesamtwirtschaftliches Interesse vorliegt.