Dienstag, 20.06.2017
Noch immer verdienen Frauen deutlich weniger als Männer. Ob sich das durch das Entgelttransparenzgesetz ändert, ist unklar.

Foto: Szepy/Thinkstock/Getty Images

Noch immer verdienen Frauen deutlich weniger als Männer. Ob sich das durch das Entgelttransparenzgesetz ändert, ist unklar.

Gehalt
Entgelttransparenzgesetz

Ein Bürokratiemonster als Tropfen auf den heißen Stein

Die Bundesregierung will die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen per Gesetz schließen. Doch die wesentlichen Ursachen ungleicher Bezahlung werden damit nicht beseitigt, schreibt Cornelia Nett in einem Gastkommentar.

Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. Das „Entgelttransparenzgesetz“ soll nun Abhilfe schaffen. Doch fast zwei Drittel der mittelständischen Betriebe hierzulande unterliegen der Regelung gar nicht, weil sie weniger als 200 Mitarbeiter beschäftigen. Das macht deutlich: Dieses von vielen als Bürokratiemonster wahrgenommene Gesetz ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dabei geht es im Grunde um die Frage, wie Frauen Karriere und Familie erfolgreich meistern können. Doch die wahren Gründe, warum Frauen weniger verdienen, bleiben von der Norm unberührt. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik müssten gemeinsam die Arbeitsbedingungen für Frauen (und Männer) verändern, um deren Potentiale optimal zu heben. Für die Politik gibt es noch einiges zu tun: den Ausbau von Ganztagsschulen und -kindergärten auf hohem Niveau zum Beispiel. Oder stärkere Anreize für Männer, Erziehungs- und Pflegezeiten oder Teilzeitmodelle in Anspruch zu nehmen – ohne fürchten zu müssen, dadurch einen Karriereknick zu erleiden.

Es fehlt nicht nur an den Rahmenbedingungen

Ob das durch mehr Bürokratie in Form eines neuen Gesetzes erreicht wird, bezweifle ich. Vielmehr sehe ich vor allem die Unternehmen selbst in der Pflicht: Sie müssen aktiv werden und Veränderung vorantreiben.

Gerade auch in kleinen und mittelgroßen Unternehmen sollte die Förderung von Diversity, Female Leadership und Chancengleichheit Bestandteil der Firmenkultur sein. Der Unternehmensleitung kommt dabei die entscheidende Rolle zu: Sie besitzt eine Vorbildfunktion und muss sich – authentisch und klar - zur Chancengleichheit bekennen. Gerade bei kleineren Unternehmen ist dieser „Tone from the Top“ besonders wirksam, da die Botschaften der Geschäftsleitung nicht erst durch viele Hierarchiestufen „tröpfeln“ müssen, bis sie bei den Mitarbeitern ankommen. Auch Mentoring- und Leadership-Programme, die Frauen gezielt auf Führungspositionen vorbereiten, haben sich in der Praxis bereits bewährt.

Denn es fehlt nicht nur an den Rahmenbedingungen, sondern oftmals auch an Anreizen für Frauen, Karriere zu machen und Führungsverantwortung zu übernehmen – Faktoren, die unsere Wirtschaft zweifellos zusätzlich stärken würden.

Autor

Dr. Cornelia Nett ist General Counsel bei Targo Commercial Finance. Sie ist zudem Gründerin und  Vorsitzende des Vereins Power of Two, der unter anderem Mentoring-Programme für Frauen anbietet.

Info

Einen „spürbaren Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit in der Arbeitswelt“ will das Netzwerk "Initiative Chefsache" mit seinem gleichnamigen Preis leisten. Der „Chefsache Award“ zeichnet Unternehmen und Organisationen aus, die besonderen Wert auf die Förderung von Frauen im Unternehmen legen und diese „Kultur der Chancengleichheit“ auch in den eigenen Führungsteams vorleben. Verliehen wird der Preis Anfang September. Einsendeschluss für die Nominierung von Kandidaten oder die Eigenbewerbung ist der 31. Juli. Besonders kleinere und mittlere Unternehmen seien aufgefordert, sich um den „Chefsache Award“ zu bewerben, heißt es auf der Website der Netzwerk-Initiative.