Mittwoch, 11.10.2017

Foto: Photobos/Thinkstock/Getty Images

In zahlreichen Branchen ist Schutzkleidung vorgeschrieben: In diesen Fällen darf der Chef auch Anweisungen geben, wie sich die Mitarbeiter zu kleiden haben. Aber das gilt nicht generell.

Personal
Vorschriften und Trends

Berufs- und Schutzkleidung: Das müssen Chefs wissen

Anzug im Büro, Latzhose in der Produktion - ganz so einfach ist es nicht. Und welche Arbeitsbekleidung muss der Arbeitgeber eigentlich zur Verfügung stellen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um Berufs- und Schutzkleidung.

Darf der Chef seinen Mitarbeitern die Kleidung vorschreiben?

Das kommt drauf an, sagt Franziska Klug, Rechtsanwältin bei der Berliner Kanzlei Betz Rakete Dombek: „Grundsätzlich kann ein Geschäftsführer Anweisungen geben, wie sich die Mitarbeiter zu kleiden haben – und wie nicht.“ Bisweilen müsse er dies sogar. Schließlich ist in zahlreichen Branchen Schutzkleidung vorgeschrieben. So muss ein Schweißer ebenso spezielle Schutzkleidung tragen wie ein Holzfäller oder ein Stahlkocher. Wenn es um die Unversehrtheit von Leib und Leben geht, ist der Geschäftsführer oder Vorgesetzte sogar verpflichtet sicherzustellen, dass die Mitarbeiter die Kleidung auch wirklich tragen. Bei Nichtbeachtung drohe nicht nur ein böses Erwachen, wenn es zu einem Unfall kommt und der Arbeitgeber haftet, sondern schon dann, wenn die Berufsgenossenschaft zum Beispiel ein Bußgeld verhängt.

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Etwas komplizierter ist es in Berufen, in denen eine Dienst- oder Berufskleidung getragen wird. Unter „Berufskleidung“ versteht man jene Kleidung, die in einem Beruf üblich – aber eben nicht vorgeschrieben – ist. Der Arztkittel kann das genauso sein wie der Nadelstreifenanzug des Investmentbankers. Dienstkleidung hingegen bezeichnet jene Kleidung, mit der ein Unternehmen seine Mitarbeiter im Sinne einer Corporate Identity (CI) kenntlich machen will – zum Beispiel mit Logos oder dem Firmennamen.

„Dort muss immer eine Billigkeitsprüfung erfolgen“, sagt Anwältin Klug. Es müsse geschaut werden, ob es wirklich einen objektiven Grund gebe, eine bestimmte Kleidung vorzuschreiben. Ob das in Bereichen ohne Kundenkontakt der Fall sei, bezweifelt sie. Will die Unternehmensleitung Dienstkleidung vorschreiben, muss sie auf jeden Fall den Betriebsrat – wenn es einen gibt – in den Entscheidungsprozess einbinden. Ohne dessen Zustimmung dürfen nämlich keine Vorschriften zur Dienstkleidung gemacht werden.

Wer muss die Dienstkleidung bezahlen?

Auch hier muss unterschieden werden zwischen vorgeschriebener Schutzkleidung und Dienst- oder Berufskleidung. Bei Schutzkleidung muss in jedem Fall der Arbeitgeber die Kosten tragen. „Entweder muss er die Schutzkleidung stellen oder die Kosten dafür seinen Mitarbeitern erstatten“, sagt Klug. Das gelte im Übrigen auch für Schutzkleidung, die zwar nicht das Gesetz, aber der Arbeitgeber selbst vorschreibt. Möchte er seine Mitarbeiter zu besonderer Schutzausrüstung verpflichten, so muss er diese auch finanzieren. Bei Dienstkleidung gilt grundsätzlich dasselbe – so lange es nicht zum Beispiel im Arbeitsvertrag anders geregelt ist. „Eine abweichende Vereinbarung ist aber nur möglich, wenn die Mitarbeiter die Dienstkleidung auch privat tragen können“, schränkt Klug ein. Das sei immer dann nicht der Fall, wenn Firmenlogos zu sehen seien.

Zudem dürften Kleidungsvorschriften – auch wenn sie zum Beispiel die Qualität des Anzugs betreffen – den Arbeitnehmer nicht über Gebühr strapazieren, vor allem nicht finanziell. So dürfe etwa von Führungskräften ein höherwertiger und teurerer Anzug erwartet (und verlangt) werden als von einem Auszubildenden – schließlich verdienten sie auch deutlich mehr Geld.

Wozu ist der Arbeitgeber noch verpflichtet?

Schutzkleidung muss der Arbeitgeber nicht nur zur Verfügung stellen. Er muss sich außerdem auch um die Unterweisung der Beschäftigten in der Anwendung und um die Reinigung kümmern. Für Schutzkleidung, die gegen tödliche Gefahren schützt, muss er zusätzlich dafür sorgen, dass die Mitarbeiter in einer praktischen Unterweisung lernen, wie die Ausrüstung zu benutzen ist, sagt Karl-Heinz Noetel, Leiter der Stabsabteilung PSA (Persönliche Schutzausrüstung) und Kooperationen DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU). „Das ist keine Empfehlung unsererseits, das ist Gesetz“, sagt er warnend. Deshalb müssten solche Schulungen auch nachgewiesen werden.

Übrigens zählt, wie Anwältin Klug erklärt, bei Schutzkleidung auch immer die Zeit des Umziehens zur Arbeitszeit. Gleiches gelte bei vorgeschriebener Dienstkleidung – zumindest, wenn deren Tragen auf dem Arbeitsweg dem Mitarbeiter nicht zumutbar ist.

Wo ist geregelt, welche Schutzkleidung vorgeschrieben ist? Und wo kann sich der Unternehmer informieren?

Ein wichtiger Ansprechpartner ist der zuständige Unfallversicherungsträger, sagt Noetel. „Um zum Beispiel den Unternehmen eine Hilfestellung bei den umfangreichen Vorschriften und Regeln zu geben, entwickeln diese derzeit jeweils eigene Branchenregeln“, erklärt er. Darin wird alles branchenbezogen zentral zusammengefasst und übersichtlich dargestellt. Zudem bieten die Unfallversicherungsträger für ihre Mitgliedsfirmen kostenlose Seminare und Beratungen vor Ort an, in denen zum Beispiel die Regelungen erklärt und in der Praxis demonstriert werden. Gerade bei kleinen und mittleren Betrieben sei der Beratungsbedarf hoch, sagt Noetel: „Auf der DGUV-Website ist das Thema PSA das mit Abstand meistbesuchte.“ Dort informiert die Unfallversicherung rechtssicher unter anderem über Schutzkleidung.

Worauf muss der Arbeitgeber bei der Anschaffung von Schutzkleidung achten?

Zunächst gilt: Die Schutzkleidung muss die einschlägigen Normen und Vorschriften erfüllen, betont Noetel. Doch auch der Tragekomfort sollte nicht zu kurz kommen. Unternehmen, die allzu stark auf den Preis achteten, liefen Gefahr, ihre Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern zu verletzen. „Es gibt Billigprodukte, die zwar die Sicherheitsanforderungen gerade so erfüllen, aber schon nach geringer Zeit für die Mitarbeiter zur Zumutung werden“, sagt er. Und das wiederum könne sich negativ auf die Leistungsfähigkeit der Angestellten auswirken – und damit die Qualität des Arbeitsergebnisses mindern.

Wie entwickelt sich die Schutzkleidung?

In den vergangenen 15 Jahren seien viele neue Normen erstellt oder revidiert worden, erklärt Peter Heffels, ebenfalls Spezialist für Schutzkleidung bei der BG Bau. Etliche Vorschriften seien auch verschärft worden. „Bei Warnkleidung muss die fluoreszierende Farbe des Hintergrundmaterials nunmehr auch nach der Reinigung geprüft werden und nicht mehr nur im Neuzustand“, erklärt er. Das sei in der Norm EN ISO 20471 festgelegt „Und auch für das Reflexmaterial sind die Anforderungen strenger geworden.“ Zugleich stellt Heffels fest, dass Schutzkleidung immer multifunktioneller wird: So biete Warnschutzkleidung mittlerweile oft auch Regenschutz. „Der Trend zur Multifunktionalität wird sich fortsetzen“, prophezeit der Fachmann.

Wie wichtig ist das Design bei Schutzkleidung?

Laut Peter Heffels muss Schutzkleidung nicht nur funktional sein, sondern soll auch zunehmend schick aussehen, um so die Trageakzeptanz zu erhöhen. Zwar gebe es insbesondere bei Warnschutzkleidung penible Vorgaben, zum Beispiel wie groß mit fluoreszierender Farbe eingefärbte Flächen ausgeführt sein müssten. Grundsätzlich böten aber sowohl die Normen als auch die Kleidung selbst genügend Spielraum, um das Design an die Unternehmens-CI anzupassen oder auf den Träger zu individualisieren. So können zum Beispiel Firmenlogos oder Mitarbeiternamen auf der Schutzkleidung angebracht werden.

Was spricht dafür, eine Kleiderordnung im Unternehmen einzuführen?

„Viele Mitarbeiter suchen nach Orientierung, welche Kleidung im Unternehmen üblich beziehungsweise gewünscht ist“, sagt Friederike von der Marwitz, Trainerin für Businessetikette in Nürnberg. Gerade im Dienstleistungsbereich und wenn der Mitarbeiter direkten Kontakt zum Kunden habe, sollte das Unternehmen darauf achten, dass es eine klare und eindeutige Kleiderordnung gebe und diese auch innerbetrieblich kommuniziert werde. Schließlich seien die Mitarbeiter die Visitenkarte der Firma – und sollten sich entsprechend kleiden. Dazu gehöre auch heute noch der klassische Anzug bei Männern und das Kostüm bei Frauen.

Aber die Konventionen im Geschäftsverkehr ändern sich doch, oder?

Das stimme zwar, aber gerade Führungskräfte sollten sich lieber zurückhaltend und konservativ kleiden als avantgardistisch, rät Businesstrainierin von der Marwitz. Es gelte, „Contenance zu wahren“ und auch nicht zu sexy aufzutreten. Damit liegt sie auf einer Linie mit den Marktforschern von Yougov. Die hatten in einer Umfrage zu angemessener Bürokleidung herausgefunden: Keine Krawatten bei Männern und Sandalen bei Frauen sind bei hohen Temperaturen in Ordnung. Doch bauchfreie Tops, transparente Oberteile oder hautenge Kleidung hält die Mehrheit der Arbeitnehmer für unangemessen.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 10/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.