Dienstag, 30.08.2016
Wenn der Griff zum Handy am Arbeitsplatz zur Sucht wird, sinkt die Produktivität der Mitarbeiter massiv. Der Arbeitgeber darf seine Mitarbeiter abmahnen und kündigen, aber nicht zur Therapie zwingen.

Fotoquelle: OcusFocus/Thinkstock/Getty Images

Wenn der Griff zum Handy am Arbeitsplatz zur Sucht wird, sinkt die Produktivität der Mitarbeiter massiv. Der Arbeitgeber darf seine Mitarbeiter abmahnen und kündigen, aber nicht zur Therapie zwingen.

Personal
Smartphones bei der Arbeit

Die Sucht nach dem Handy

Heute schon während der Arbeit auf das Handy geschaut? Der Griff zum Smartphone kann zur Sucht führen. Ständige Unterbrechungen der Arbeit durch Smartphones bremsen die Produktivität aus. Außerdem droht eine Abmahnung durch den Arbeitgeber.

45 Millionen Menschen besitzen in Deutschland mittlerweile ein internetfähiges mobiles Endgerät, und die Nutzerzahl wächst weiter. Marktforscher rechnen für das Jahr 2019 mit mehr als 55 Millionen Nutzern, gab das Statistikportal Statista bekannt. Weltweit betrachtet, gab es im Jahr 2015 bereits 1,86 Milliarden Smartphone-Nutzer. Nicht nur privat, sondern auch beruflich werden Smartphones und Tablets immer beliebter und bedeutsamer. Ihre Vorzüge sind offensichtlich: In den meisten Unternehmen konnten dadurch eine höhere interne und externe Erreichbarkeit der Mitarbeiter, mehr internationale High-Speed-Kommunikation und einiges an Kostenersparnis erreicht werden.

Doch diese Vorteile können auch ins Gegenteil umschlagen. „Um produktiv am Arbeitsplatz zu arbeiten, ist es wichtig, dass ein Arbeitsfluss entsteht“, erklärt Professor Christian Montag, Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm. „Dies funktioniert entweder gar nicht oder nur stark vermindert, wenn der Rhythmus regelmäßig durch das Checken von E-Mails oder der Neuigkeiten in sozialen Netzwerken unterbrochen wird.“ Außerdem reduziert der Griff zum Handy die Arbeitszeit: Bei 60 Unterbrechungen von jeweils einer Minute wird aus dem Acht- schnell ein Sieben-Stunden-Tag. Hinzu kommt: Um sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren, braucht es erneut Zeit. Ergo ist der Mitarbeiter insgesamt viel länger unproduktiv als nur die eine Stunde, die er in der Summe am Handy verbringt.

Zwanghaft und im Minutentakt

Beim Griff zum Smartphone spielt es keine Rolle, ob private oder dienstliche E-Mails gecheckt werden. Bedenklich für den Arbeitgeber wird es vor allem dann, wenn die Nutzung von Smartphones bei seinen Mitarbeitern außer Kontrolle gerät oder gar Suchterscheinungen auftreten, wie beispielsweise Nervosität, wenn das Handy nicht in Reichweite ist. „Damit die ständige Benutzung von Smartphone und Internet nicht zur Sucht wird“, rät Montag, „ist es sinnvoll, die mobilen Endgeräte und auch das E-Mail-Programm zeitweise auszuschalten.“ Ab wann genau jemand als internetsüchtig gilt, sei allerdings noch wenig erforscht beziehungsweise zu wenig definiert, sagt Montag.

Für ihn stellt sich Internetsucht so dar, dass ein Betroffener jeden Tag zwanghaft und im Minutentakt auf Smartphone, Tablet oder PC nachsieht, ob es Neuigkeiten und Nachrichten in sozialen Netzwerken gibt, oder wenn der Betroffene überdurchschnittlich häufig und ziellos im Internet surft. Zusätzlich müssten aber auch weitere Symptome vorhanden sein, wie zum Beispiel Entzugserscheinungen, wenn man das Internet einmal nicht nutzen könne oder das Privat- und das Berufsleben durch das Zuviel an Digitalem über Gebühr beeinträchtigt werde, so Montag.

Kündigung wegen Handysucht

Doch was können Vorgesetzte tun, wenn sie bei einem Mitarbeiter eine übermäßige Nutzung von Handy, Smartphone oder Tablet feststellen? Zunächst können Arbeitgeber grundsätzlich die aktive und passive Nutzung von Handys beziehungsweise Smartphones zu privaten Zwecken während der Arbeitszeit untersagen, erklärt Heiko Langer, Arbeitsrechtler und Partner der Kanzlei Hoffmann Liebs Fritsch & Partner in Düsseldorf. Im Regelfall kann der Arbeitgeber aber nicht verbieten, dass Mitarbeiter ihre Handys überhaupt in den Betrieb mitbringen, denn ein solches Verbot widerspräche den berechtigten Interessen der Mitarbeiter, die etwa in den Pausen telefonieren oder in Notfällen erreichbar sein möchten. Auch wäre dieses kaum noch mit der aktuellen Lebenswirklichkeit vereinbar.

Sollte ein Smartphone-Verbot am Arbeitsplatz keine Wirkung zeigen und ein Mitarbeiter dennoch während der Arbeitszeit zum Beispiel Neuigkeiten oder Nachrichten in sozialen Netzwerken abrufen, kann dieser abgemahnt und – wenn sich sein Verhalten nicht ändert – im Extremfall sogar gekündigt werden. Hier gilt das Gleiche wie für jede private Tätigkeit im Betrieb, die von der Arbeit abhält. Und wie Langer erklärt, kann sich ein Arbeitnehmer auch nicht darauf berufen, dass er „süchtig“ nach seinem Handy sei, da die „Handysucht“ anders als etwa Alkoholismus nicht als Krankheit anerkannt sei. Es bleibt abzuwarten, ob und unter welchen Voraussetzungen die Arbeitsgerichte künftig eine „Smartphone-Sucht“ als Krankheit anerkennen.

Chef darf nicht zur Therapie zwingen

Eine Therapie kann für Angestellte eine sinnvolle Lösung sein. Zum Beispiel dann, wenn der Arbeitgeber einen besorgniserregenden Handy-Konsum bei einem Mitarbeiter beobachtet. Oder wenn sich herausstellt, dass der betroffene Mitarbeiter Anzeichen eines Suchtverhaltens zeigt, es aus eigener Kraft aber nicht schafft, seinen Smartphone-Konsum einzudämmen. In diesem Fall ist eine professionelle Therapie für beide Seiten von Nutzen: sowohl für den Mitarbeiter als auch für das Unternehmen, weil dadurch die Verlässlichkeit und Produktivität des Arbeitnehmers steigt.

Jedoch darf ein Mitarbeiter von seinem Arbeitgeber nicht dazu verpflichtet werden, eine Krankheit behandeln zu lassen, auch wenn er dadurch seiner Arbeit nachweislich nicht mehr ordnungsgemäß nachgehen kann, betont Arbeitsrechtler Langer und schränkt zugleich ein: „Andererseits kann sich ein Mitarbeiter, der eine Therapie verweigert hat, gegen eine darauf gestützte Kündigung nicht mit dem Argument wehren, der Arbeitgeber hätte zunächst den Erfolg einer Therapie abwarten müssen.“