Dienstag, 21.02.2017
Ungewöhnlich: Meist stammen die Plagiatoren und Fälscher aus Fernost. Doch die falsche Pilotenjacke (links das Original von Mascot International) stammt von einem schweizer Markenhersteller.

Fotoquelle: Aktion Plagiarius

Ungewöhnlich: Meist stammen die Plagiatoren und Fälscher aus Fernost. Doch die falsche Pilotenjacke (links das Original von Mascot International) stammt von einem schweizer Markenhersteller.

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Schmähpreis Plagiarius 2017 verliehen

Diese Produktfälschungen sind besonders dreist

Plagiate oder Fälschungen von Markenprodukten sind heutzutage oft so gut, dass sie kaum noch vom Original zu unterscheiden sind. Dabei ist der Schaden für das Image und den Umsatz der Hersteller riesig. Können sie Original und Kopie auseinanderhalten?

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein und dasselbe Produkt, stellt sich bei genauerem Betrachten manchmal als etwas anderes heraus. Original und Plagiat lassen sich heute oft nur noch von Kennern auseinanderhalten.

Jedes Jahr zeichnet die Aktion Plagiuarius die zehn dreistesten Beispiele am Rande der Konsumgütermesse „Ambiente“ in Frankfurt aus. Das Ziel: Sensibilisieren. Denn es handelt sich längst um kein Kavalierdelikt mehr.

Fälschung oder Plagiat

Der erste Preis ging dieses Jahr nicht an ein Plagiat, sondern an eine Fälschung. Der Unterschied besteht darin, dass eine Fälschung weitreichender ist. Die „prämierte“ Fälschung der Roll-Hundeleine „Flexi“ des deutschen Mittelständlers Flexi Bogdahn International aus Bartgeheide wird über Amazon USA verkauft. Der bisher nicht bekannte Hersteller hat neben dem Design des Originals auch das Logo und selbst die Garantiebescheinigung 1:1 kopiert. Da er täglich den Account wechselt, konnte der Überltäter bisher nicht dingfest gemacht werden.

Den zweiten Preis gab es für die Fälschung des Bürostuhls „Silver“, der im Original von Interstuhl Büromöbel in Meßstetten-Tieringen hergestellt wird. Ein chinesisches Unternehmen hat den Stuhl“ fast identisch auf den Markt gebracht. Weil das Produkt bereits seit zehn Jahren erhältlich ist und damals kein Patent angemeldet wurde, kann Interstuhl kaum etwas dagegen tun.

Anders bei den Druckmessgeräten von Wika (Platz 3). Die wurden zwar gleich mehrfach kopiert. Aber das Unternehmen konnte wirkungsvoll dagegen vorgehen, weil es Patente in China und Vietnam angemeldet hatte.

"Plagiarius 2017": 1. Preis für Roll-Hundeleine „Flexi Explore L“1. Preis für Roll-Hundeleine „Flexi Explore L“ von Flexi-Bogdahn International GmbH & Co. KG, Bargteheide, Deutschland<br>
Fälschung (rechts): Diverse anonyme Online-Anbieter, die über Amazon USA mit Scheinidentitäten und täglich wechselnden Accounts agieren. Die minderwertige Qualität (z.B. die nicht funktionierende Aufrollmechanik) führte in den USA bereits zu Kundenbeschwerden und Reputationsschäden."Plagiarius 2017": 2. Preis für Bürostuhl „Silver“2. Preis für Bürostuhl „Silver“ von Interstuhl Büromöbel GmbH & Co. KG, Meßstetten-Tieringen, Deutschland<br>
Plagiat (rechts): Shenzhen Chunshan Trading Co. Ltd., Shenzhen, VR China"Plagiarius 2017": 3. Preis Druckmessgerät von Wika3. Preis: Druckmessgerät von Wika Alexander Wiegand SE & Co. KG, Klingenberg, Deutschland (links)<br>

Herstellung (Plagiat): Ma Anshan Exact Instrument Co., Ltd., VR China<br>
Vertrieb (Plagiat): Buu Ky, Ho Chi Minh City, Vietnam<br>

2015 wurden bei Buu Ky im Rahmen einer Razzia durch die Economic Police „Wika”-Fälschungen beschlagnahmt; 2016 fand man in einer 2. Razzia die „Vika“-Fälschungen, bei denen teilwesie nur der vordere Teil des „W“ weggekratzt und teils das „W“ gegen ein „V“ getauscht wurde.
"Plagiarius 2017": Auszeichnung für Isolierkanne „Ciento”Auszeichnung für Isolierkanne „Ciento” von Helios Dr. Bulle GmbH & Co. KG, Wertheim, Deutschland<br>
Plagiat (rechts): Vertrieb über einen Basarhändler in Dubai, VAE Vereinigte Arabische Emirate<br>
Der Nachahmer kopiert das Design der Isolierkanne „Ciento“ von Helios, vertreibt diese Kopie aber weder unter eigener Marke noch unter „Helios“, sondern benutzt illegal die Schweizer Marke „Zepter“ der Firma Zepter International - er kombiniert also das Design mit der Marke zweier unterschiedlicher Unternehmen. Zudem besteht keine Verbindung zwischen „Zepter“ und „Prima Germany“. Wer sich hinter „Prima Germany“ verbirgt, ist unbekannt."Plagiarius 2017": Auszeichnung für „Axor Starck V“ und „Metris Classic“Auszeichnung für „Axor Starck V“ (oben) und „Metris Classic“ (unten) von Hansgrohe SE, Schiltach, Deutschland<br>
Plagiat (rechts oben): Taizhou Ranbo Sanitary Ware Co., Ltd., Zhejiang, VR China<br>
Plagiat (rechts unten): Heshan Khone Sanitary Ware Technology Co., Ltd., Zhejiang, VR China"Plagiarius 2017": Auszeichnung für Pilotjacke „Mascot Safe Image“Auszeichnung für Pilotjacke „Mascot Safe Image“ von Mascot International A/S, Silkeborg, Dänemark<br>

Plagiat (rechts): Rukka AG, Tübach, Schweiz, Vertrieb des Plagiats ausschließlich in der Schweiz"Plagiarius 2017": Auszeichnung für Tasche „Taschelini“Auszeichnung für Tasche „Taschelini“ von Koziol ideas for friends GmbH, Erbach, Deutschland<br>
Plagiate (rechts): VR China (Herstellung), Tokyo 1, Japan Houseware, Indonesien (Vertrieb)
"Plagiarius 2017": Auszeichnung für Transporthilfe „StarCarrier“Auszeichnung für Transporthilfe „StarCarrier“ von Wagner System GmbH, Lahr, Deutschland<br>

Plagiat (rechts): Merkur trgovina, d.d., Naklo, Slowenien"Plagiarius 2017": Auszeichnung für Endlos-JulienneschneiderAuszeichnung für Endlos-Julienneschneider von Triangle GmbH, Solingen, Deutschland<br>

Plagiat (rechts): YDD Trade s.r.o., Prag, Tschechien
"Plagiarius 2017": Auszeichnung für Nussknacker „Naomi“Auszeichnung für Nussknacker „Naomi“ von Take2-Design GmbH & Co. KG, Rosenheim, Deutschland<br>

Fälschung (rechts): AliExpress.com, Chinesischer Online-Händler, Identität unbekannt

Nicht mehr nur aus Fernost

Es liegt in der Natur der Sache von Negativpreisen, dass nur die Geschädigten anwesend sind und nicht diejenigen, denen der Preis zugedacht ist. Dem trägt der Plagiarius Rechnung, indem passenderweise der Plagiierte den Original-Preis bekommt, der Plagiator oder Fälscher eine Kopie.

Traditionell sitzen viele der Plagiatoren in Fernost. Von den insgesamt zehn Plagiaten stammten auch in diesem Jahr vier aus China, eins aus Indonesien, eins aus Tschechien sowie eins aus Slowenien. Bei den übrigen war es nicht festzustellen. Eine andere Erfahrung machte allerdings der dänische Bekleidungshersteller Mascot: Seine Pilotjacke wurde nicht von einer asiatischen Hinterhoffabrik gefertigt, sondern von einem Schweizer Markenhersteller. „Seit Jahren befinden sich auch immer mehr europäische Firmen unter den Nominierten. Häufig stammen der Originalhersteller und der vermeintliche Plagiator sogar aus demselben Land“, sagt Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius.

Nur ein Bruchteil beschlagnahmt

Mittelständische Unternehmen sind von Plagiaten und Fälschungen oft stärker betroffen als Konzerne, weil ihnen oft weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen einer regelmäßigen Kontrolle zur Verfügung stehen. Die Fälscher gehen dabei immer skrupelloser und professioneller vor. Stephan Koziol, Geschäftsführer des gleichnamigen Herstellers von Design-Haushalts- und Büroartikeln, hat dieses Jahr bereits seine 15. „Plagiarius“-Auszeichnung abgeholt. „Sie kopieren das fertige am Markt erfolgreich etablierte Endprodukt und minimieren so ihre eigenes unternehmerisches Risiko“, kritisiert der Unternehmer.

Was einst als laienhafte Kopierversuche in Hinterhof-Werkstätten begann, habe sich in Zeiten von Internet und Globalisierung zu einer weltweit vernetzten und professionell agierenden Fälschungsindustrie entwickelt. Laut EU-Kommission hat der Zoll allein 2015 mehr als 40 Millionen rechtsverletzende Produkte im Wert von 650 Millionen Euro an den EU-Außengrenzen beschlagnahmt. Und das dürfte nur ein Bruchteil der Plagiatsschwemme sein, die Europa überflutet.