Samstag, 02.03.2013
Gas-Bohrung in Russland

Foto: Wintershall

Unternehmen und Politik hoffen auf billige Energie durch Fracking. Doch bislang gibt es in Deutschland kaum Bohranlangen.

Energie

„Fracking wird überbewertet“

Die Fracking-Diskussion läuft auf vollen Touren. Billige Energie vs. zerstörte Umwelt - was ist dran am Fracking-Hype?

Während die Regierung Fracking unter Auflagen erlauben möchte, formiert sich bei Ländern und Bürgern Widerstand. Uwe Albrecht und Werner Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH, erklären gegenüber Markt und Mittelstand was dran ist am Fracking-Hype.

MuM: Verbinden Sie mit Fracking eher Schrecken oder Wohlstand?
Albrecht: Auf den Wohlstand in Deutschland wird es nicht viel Einfluss haben, ob in Deutschland künftig gefrackt wird, oder nicht. Schrecken ist zwar ein großes Wort, aber zumindest sind die Umweltbedenken deutlich realer als die Träume vom Energiereichtum.

MuM: Ist das ganze Thema also nur ein Hype von Medien und Lobbyisten?
Zittel: Der potenzielle Beitrag von Fracking zur deutschen Energieversorgung wird stark überbewertet. Zum einen würden allein für die Vorbereitungen noch einige Jahre ins Land gehen. Die Förderfirmen sind noch in der frühen Erkundungsphase. Zum anderen würde Fracking auch bei Missachtung von Einschränkungen keinen großen Einfluss in Deutschland haben. Maximal 3-5 Prozent des deutschen Gasverbrauchs könnten nach unserer Analyse für ein bis zwei Jahrzehnte über Fracking gedeckt werden.

Fracking-Vorbild USA: Land der unbegrenzten Energie

Dr. Uwe Albrecht

Dr. Uwe Albrecht ist Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH (LBST), einem international tätigen Beratungsunternehmen für nachhaltige Energie.

MuM: Aber in den USA profitiert die Wirtschaft enorm von der billigen Energie.
Zittel: Dort sind auch die Voraussetzungen ganz anders. Die USA haben eine wesentlich geringere Bevölkerungsdichte und gleichzeitig ist die Bohraktivität 1000mal höher als in Deutschland. Das ganze Land ist mit einem großen Gasleitungsnetz überzogen und viele, auch mittelständische, Unternehmen sind in dem Geschäftsfeld tätig. In Deutschland gibt es hingegen nur eine begrenzte Anzahl an Bohranlagen und Marktteilnehmern. Zudem ist das Gaspotenzial in Deutschland wesentlich geringer.
Albrecht: Die allgemeine Wahrnehmung, dass Energie bei uns teuer und in den USA billig sei, ist zwar richtig, hat aber nur bedingt mit Fracking zu tun. Die niedrigen Preise dort resultieren vielmehr aus der aktuellen Überversorgung des US-Marktes und die ist in Deutschland so nicht gegeben. Außerdem ist auch in den USA viel Übertreibung dabei. Ich sehe eine gewisse Blasenbildung - Förderung und Aktivitäten der Unternehmen werden bald wieder zurückgehen, auch weil die aktuellen Marktpreise weit unter den Förderkosten liegen.
Zittel: Eine wichtige Voraussetzung in den USA war auch die Aufweichung der Umweltstandards im Jahr 2005. Die Bohrungen sind von Umweltregularien ausgenommen, das spart Zeit und Kosten. In Deutschland wollen wir beides: Umweltschutz und billige Energie – das funktioniert nicht.

Unternehmen erwarten steigende Preise für Energie

MuM: Warum befassen sich Konzerne wie Exxon oder BASF dann überhaupt so intensiv mit dem Thema?
Zittel: Das Interesse der Unternehmen lässt zwei Rückschlüsse zu. Einerseits gibt es in ganz Europa keine leicht erschließbaren konventionellen Gasfelder mehr. In Deutschland ging die Förderung seit dem Jahr 2000 um 40 Prozent, in Großbritannien sogar um 60 Prozent zurück. Als zweiter Schluss liegt es nahe, dass die Konzerne von steigenden Gaspreisen ausgehen. Damit Fracking in Deutschland attraktiv wird, müssten die Gaspreise auf mindestens 40 bis 50 Euro pro Megawattstunde steigen, hat eine aktuelle Expertenbefragung des ZEW ergeben.
Albrecht: Den Energiekonzernen bricht durch die Verringerung der konventionellen Förderung ein Stück weit die Geschäftsbasis weg. Und nichts ist in der Branche so schlimm, wie ein Rückgang der Reserve-Replacement-Ratio, wenn also das geförderte Gas nicht mehr durch die Kapazität neuer Gasfelder ersetzt werden kann. Deshalb die Aktivität und auch die Lobbyarbeit.

Fracking: Marktchance oder Illusion?

Dr. Werner Zittel

Fracking-Experte Dr. Werner Zittel vom LBST analysiert seit mehr als zehn Jahren die globalen Energieversorgungsstrukturen.

MuM: Könnte Fracking den erwarteten Anstieg der Gaspreise denn begrenzen?
Zittel: In Industrie und Politik ist diese Hoffnung, gerade mit Blick auf die USA, natürlich vorhanden. Ich halte das aus den angesprochenen Gründen aber für eine Illusion. Bestes Beispiel dafür ist Polen, das sich sehr stark für eine Förderung entsprechender Vorkommen eingesetzt hatte. Nach enttäuschenden Probebohrungen und einer Herabstufung der Ressourcen um 90 Prozent ist die Begeisterung merklich zurückgegangen.

MuM: Wie schnell könnte es nach der Erklärung der Bundesregierung auch in Deutschland zu Probebohrungen kommen?
Albrecht: Die Regierung möchte das Gesetz schnell durchbringen – am liebsten noch vor der Wahl. Erlaubnis und Konzessionen müssen allerdings die Länder erteilen. Wie diese sich verhalten werden ist schwer einzuschätzen. Auf kommunaler Ebene gibt es eine breite Front dagegen, denn dort spürt man die Auswirkungen. Auch der Widerstand der Bürger könnte eine entscheidende Rolle spielen.

MuM: Wie positionieren sich die Mittelständler – mehr als Bürger oder als Goldgräber?
Zittel: Die Zulieferer sind wenig überraschend nicht dagegen; die Wasserwirtschaft ist hingegen weniger angetan. Insgesamt hängt das sehr stark von den lokalen Gegebenheiten und dem Informationsstand ab. Widerstand regt sich vor allem im ländlichen Raum, der am stärksten betroffen wäre.

MuM: Wo könnten denn Marktchancen für mittelständische Unternehmen entstehen?
Zittel: Vor allem in den Bereichen Materialbedarf und Logistik. Insbesondere Hersteller von Bohrchemikalien,  sowie Bohr- und Gasaufbereitungs- und Entsorgungskomponenten könnten profitieren. Ich würde das Potential aber nicht überschätzen.