Freitag, 04.05.2012
Der Rückzug der Solarmodulehersteller

Untergang der Solarbranche

Totgesagte leben länger. Mit der Konkurrenz aus Fernost und sinkenden Preisen muss sich auch die Solar-Fabrik AG auseinandersetzen. Aber die Freiburger wissen sich zu wehren.

In der Mitte der 10.000 Quadratmeter großen Firmenhalle klafft eine breite Lücke. Rechts davon heben Roboter vollautomatisch Glasscheiben an, legen dünne Papierschichten darauf. Gleichzeitig befördern Transportbänder kleine schwarze Platten zu einem Lötautomaten. Ruckartig, aber präzise verbindet dieser die Platten mit kleinen silbernen Punkten. Vorsichtig fügen Greifarme schließlich alles zusammen, schieben das Glas mit den Platten in einen Heizofen, wo die Schichten verschmolzen werden. Am Ende des Prozesses steht ein fertiges Solarmodul. Auf diese Weise entstehen bei der Solar-Fabrik AG in Freiburg rund 1.000 Module täglich.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass die Vorstände des Unternehmens sich entschlossen, die drei kleinen Produktionsstätten, die in drei verschiedenen Industriegebieten rund um die deutsche Ökohauptstadt angesiedelt waren, in einer einzigen, deutlich größeren Halle im Freiburger Industriegebiet Hochdorf zu bündeln. Das Solarboomjahr 2009 ging gerade zu Ende. Die Förderung im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes war erhöht worden, und die Hersteller von Solarzellen und Modulen kamen mit der Produktion nicht mehr nach. So war es auch bei der Solar-Fabrik.

Auf die Investitionsbremse


„Heute ist das anders“, berichtet Andreas Feger. Feger leitet die Produktion des Unternehmens. Er kennt jeden Prozessschritt und jedes Detail in der Halle aus dem Effeff. Feger weiß aber auch, was außerhalb des Gebäudes geschieht, was den Weltmarkt bewegt, über welche Kürzungen die Politiker gerade entscheiden, und welche Auswirkungen all das auf den Produktionsablauf in Freiburg hat. „Die Preise für die Module sind im vergangenen Jahr stark gesunken“, erläutert er eine Schwierigkeit. Besonders der Preisdruck durch chinesische Hersteller macht der deutschen Solarindustrie zu schaffen. Dazu kommt die Diskussion um das Erneuerbare-Energien-Gesetz. „Der Markt hat sich gewandelt“, fasst Feger zusammen. „Das Angebot ist jetzt größer als die Nachfrage“, beschreibt er die Situation.

Auf das schnelle Wachstum – der Absatz stieg um 100 Prozent, und die Belegschaft wuchs um rund 90 Mitarbeiter auf insgesamt 350 Angestellte – folgte ein vorläufiger Investitionsstopp. „Deshalb auch die Lücke“, erklärt Feger. Ursprünglich sollte neben der vollautomatischen Produktionsstraße schon heute eine halbautomatische Linie Solarmodule herstellen. 600 Module zusätzlich könnten die Freiburger so täglich herstellen. Etwa 3,5 Millionen Euro kostet eine solche Anlage. Der Produktionsleiter erklärt: „Mit der Bestellung warten wir ab, wie sich der Markt entwickelt. Das steht zurzeit in den Sternen.“
Schwarzmaler // Analysten und Beratungsgesellschaften sagen der hiesigen Solarindustrie, die mittelständisch geprägt ist, schwere Zeiten voraus. In ihren Berichten und Studien ist immer wieder zu lesen, dass deutsche Zell- und Modulehersteller ihre Spitzenposition verloren hätten. Den größten Anteil am Weltmarkt haben inzwischen chinesische Firmen. Sie drängen mit ihren Produkten nicht nur nach Europa, sie drücken auch die Preise. Das Watt-Peak, die elektrische Leistung von Modulen, produzieren asiatische Hersteller für 0,86 Euro. Damit haben sie gegenüber deutschen Produzenten einen Kostenvorteil von über 70 Cent.

Zumindest auf der Nachfrageseite ist Deutschland zurzeit Solarland Nummer eins. In keinem anderen Land der Erde installieren Häuslebauer, Unternehmen und Gemeinden mehr Solaranlagen auf ihren Dächern. Deshalb ist der Preisnachteil im Moment nicht dramatisch. Aber auch das soll sich bald ändern. Vor allem in den USA und Südeuropa steigt die Nachfrage. Der Vorteil, dort zu produzieren, wo sich auch der Markt befindet, wäre damit dahin. Wegen der hohen Nachfrage in den vergangenen 10 bis 15 Jahren haben sich die deutschen Hersteller vor allem auf den Ausbau der Massenfertigung konzentriert. Innovationen und kostensenkende Neuentwicklungen blieben auf der Strecke, kritisieren die Analysten.

Gelassener Blick

Im zweiten Stock der Firmenzentrale befindet sich das Büro von Guenter Weinberger. Weinberger ist Vorstandschef der Solar-Fabrik. Nur der kleine Hinweise „CEO“ unter dem Namensschild an der Tür erinnert daran, dass dies die Vorstandsetage ist. Kein Vorzimmer, keine lederne Sitzgruppe mit verchromten Armlehnen, lediglich eine funktionale Besprechungsecke, ein Familienbild und ein aufgeräumter Schreibtisch zieren den Raum. Ebenso unaufgeregt wie das Ambiente ist auch Weinberger.

Der Vorstandsvorsitzende kennt die Analysen zur Genüge, nimmt diese ernst, wirkt aber fast schon etwas gelangweilt, als er auf die Lösungsvorschläge der Analysten angesprochen wird. „Warum sollten wir in China produzieren?“, fragt er und gibt sich selbst die Antwort: „Günstige Kredite bekommen vor Ort nur die chinesischen Firmen. Unsere Qualität würde leiden, und wir würden dem deutschen Markt wegen der langen Lieferzeiten acht Wochen hinterher sein.“ Weinberger wäre aber ein schlechter Geschäftsführer, würde er all die Marktanalysen missachten. Natürlich weiß er, dass der deutsche Markt im Vergleich zum Weltmarkt schrumpfen wird, und reagiert entsprechend darauf.

Im Jahr 2009 war das Exportgeschäft der Solar-Fabrik noch fast zu vernachlässigen. Weinberger verdoppelte das Vertriebsteam und eröffnete eine Betriebsstätte in Frankreich. Seit kurzem bauen die Freiburger speziell für Kunden aus Frankreich Solaranlagen, die direkt in das Dach integriert werden. „Diese Produkte fordert nur der französische Markt“, erklärt Weinberger. Erfolge sind bereits zu sehen. Der Exportanteil im vergangenen Geschäftsjahr lag bei über 50 Prozent. Auch nach Griechenland und Spanien verkauft das Unternehmen Module.

Die Solar-Fabrik-Strategie – erklärt mit den ruhigen und klaren Worten des Vorstands – klingt überzeugend. Aber warum sollten Kunden aus Deutschland, Frankreich und Spanien deutlich teurere Produkte deutscher Hersteller kaufen? Weinberger begründet dies mit der Qualität. „Wir hatten noch nie eine Rückrufaktion“, versucht er seine These zu untermauern. Außerdem verfüge sein Unternehmen über einen Erfahrungsvorsprung. „Nur Maschinen kaufen und eine Produktion aufbauen, so einfach ist das nicht.“ Doch die sinkenden Preise lassen auch ihn nicht völlig kalt. Neben der klassischen Modulefertigung, in der lediglich die schwarzen Solarzellen zugekauft werden, steht in Freiburg-Hochdorf eine verkürzte Produktionslinie. Feger, der den Maschinenpark verantwortet, erklärt: „Indem wir die fertig verklebten Solarzellen aus Asien zukaufen, sparen wir fünf Arbeitsschritte. Damit werden unsere Module günstiger“, fügt Weinberger hinzu. Allerdings darf die Solar-Fabrik diese nicht mehr mit dem Qualitätslabel „Made in Germany“ bewerben.

Dass es trotz aller Schwierigkeiten mit der Solar-Fabrik auch in Zukunft erfolgreich weitergehen wird, daran hat Weinberger nicht den geringsten Zweifel. „Wir werden auch dieses Jahr stärker wachsen als der Markt“, ist er überzeugt. Gerade so, als wolle er beweisen, dass Marktberichte und Analysen auch falsch sein können, steht er auf, geht zu einem Regal und holt ein kleines schwarzes Stück Silizium hervor. „Noch vor drei bis vier Jahren hieß es, die deutsche Solarindustrie wird wegen Mangel an diesem Rohstoff Probleme bekommen. Heute gibt es das aufbereitete Silizium wie Sand am Meer.“

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