Dienstag, 27.11.2012
Mittelstandsfinanzierung

Investmentbanking und Mittelstandsfinanzierung

Das Investmentbanking befindet sich im Umbruch. Doch was bedeutet das für die Firmenkunden? In erster Linie steigende Kosten, aber auch neue Möglichkeiten.

15.000 Stellen wurden bereits abgebaut, 25.000 weitere Streichungen angekündigt. Keine Frage, das weltweite Investmentbanking befindet sich in einem dramatischen Umbruch. Von den aktuell 14 weltweit tätigen Instituten werden nur 5 bis 10 die kommenden Jahre überleben.

„Die Restrukturierung dieses Bankensektors wird sich stark ändern. Es geht nicht mehr nur um eine taktische Reduktion der Kapazitäten, sondern um eine Umgestaltung der Branche und eine Fokussierung auf neue Märkte“, erläutert Markus Böhme, Senior Partner bei Roland Berger. Das ist nötig geworden, um die Profitabilität des Sektors zu sichern. Margen à la Ackermann sind bei zunehmender Regulierung Träume vergangener Zeiten. 2012 wird die Eigenkapitalrendite der Branche voraussichtlich bei rund 11 Prozent liegen. „Das Investmentbanking wurde jahrelang schöngerechnet“, sagt Dieter Hein, Bankenexperte beim Analystenhaus Fairesearch. „Wegen der höheren Kapitalanforderungen wird das Geschäft bei ehrlicher Betrachtung unprofitabel.“

Heins radikale Lösung: Der Geschäftsbereich muss eingestellt werden. So weit wird es nicht kommen. Doch welche Auswirkungen hat es auf Industrie und Mittelstand, wenn Institute Produktlinien aufgeben, ihre internationale Präsenz einschränken, ein völlig neues Geschäftsmodell definieren und die von der EU propagierte Trennung zwischen Kunden- und Investmentsparten tatsächlich Realität wird? Schließlich sind Unternehmen auf Zugang zum Kapitalmarkt, Risikoabsicherung internationaler Geschäfte und Beratung bei Fusionen und Übernahmen angewiesen. „Für Mittelständler ändert sich nicht viel“, sagt Böhme. „Alles, was gerade mittelständische Unternehmen an Investmentbanking-Dienstleistungen nutzen, werden ihre Banken auch künftig anbieten.“ Vielleicht nicht mehr selbst, aber zumindest als Distributor: „Wenn Sie ein Auto bauen, müssen Sie auch nicht unbedingt den Sitz selbst herstellen“, vergleicht Böhme mögliche Änderungen der Wertschöpfungstiefe der Banken mit den Verhältnissen in der Automobilindustrie.

Kapitalmarkt gehört zur Mittelstandsfinanzierung

„Zum Firmenkundengeschäft gehört auch der Kapitalmarkt“, bricht Jens Wächter, Finanzchef beim Bielefelder Hemdenhersteller Seidensticker, eine Lanze für das kundennahe Investmentbanking. „Wir können auch nicht nur weiße Hemden anbieten, wenn die Kunden auch grüne, rote und schwarze anziehen möchten.“ Deshalb ist es falsch, das Investmentbanking grundsätzlich zu verteufeln. Selbst der Zocker ist nicht immer nur böse: „Ohne Sekundärmarkt leidet auch der Primärmarkt. Dass Hedgefonds Risiko über die Zeit transportieren und oft dann kaufen wenn niemand sonst bereit ist Risiko zu übernehmen, wird in der Diskussion meist völlig übersehen“, sagt Thomas Stewens, Leiter der BankM, die mittelständische Unternehmen am Kapitalmarkt berät. Sinkt die Liquidität, wird es für Mittelständler schwerer und vor allem teurer, Emissionen am Markt zu platzieren.

Schattenbanken im Kommen

Keine guten Aussichten, gerade wo der Kapitalmarkt für den Mittelstand immer mehr an Bedeutung gewinnt. „Bankkredite werden teurer und kurzfristiger. Unternehmen haben genau die umgekehrten Bedürfnisse“, erklärt Wächter den Trend. Noch machen Bankkredite auch bei Seidensticker den Löwenanteil der Finanzierung aus. Doch mit einer Mittelstandsanleihe, einem Schuldschein und Factoring sind weitere Säulen hinzugekommen. Konnten Unternehmen all diese Leistungen bisher über ihre Bank abdecken, rücken in Zukunft andere Anbieter in den Fokus. Schon jetzt verzeichnen Schattenbanken wie Geldmarktfonds, Hedgefonds oder Private-Equity-Gesellschaften, die ähnliche Funktionen wie Banken wahrnehmen, aber einer geringeren Kontrolle unterliegen, rasanten Zulauf. Unglaubliche 67 Billionen Dollar ist der Sektor nach jüngsten Erkenntnissen des Finanzstabilitätsrats schwer. Während der Anteil der USA an dieser Summe sinkt, fassen Schattenbanken in Europa immer mehr Fuß. „Das passiert, wenn Angebotsknappheit herrscht“, erklärt Böhme. In der Mittelstandsfinanzierung sieht er diese Gefahr aber nur sehr eingeschränkt. Doch das könnte sich ändern: „Wir werden offener für neue Möglichkeiten und Player“, sagt Wächter stellvertretend für viele Unternehmen und denkt dabei in erster Linie an Family Offices oder Versicherungen. Für Stewens eine gefährliche Entwicklung: „Der Manipulationsspielraum steigt massiv an, wenn Preise nicht mehr transparent sind.“ Was kostet es, den zukünftigen Kauf einer Tonne Eisen heute abzusichern? Ohne öffentlich gehandelte Preise können Kunden den fairen Preis nicht mehr überprüfen. „Preise werden manipulierbar bei geringerer Liquidität. Darin besteht ein Riesenproblem, wenn regulierte Märkte zu teuer werden“, ist Stewens überzeugt. 

Trennbanken und Mittelstandsfinanzierung

Eine Trennung des Investmentbankings vom restlichen Kundengeschäft hält der Experte deshalb für nicht geeignet, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu beheben.  Universalbanken müssten wesentlich mehr Schnittstellen managen. Den Mehraufwand werden sie, soweit möglich, auf die Kunden überwälzen. Böhme schätzt die Erfolgsaussichten dafür allerdings gering ein und erwartet eine Verteuerung eher durch Basel III. So oder so hätten Unternehmen Nachteile: Statt weiterhin einen zentralen Ansprechpartner zu haben, müssten sie komplett neue Geschäftsbeziehungen aufbauen – mit allen anhängigen Kosten. Das ist ineffizient. „Unsere Hemden würden auch teurer und dabei wahrscheinlich nicht besser, wenn wir bestimmte Bereiche im Unternehmen trennen müssten“, sagt Wächter. Auf Dauer brauche es aber eine Machtbeschneidung der Banken, um die Gier nach kurzfristigen Gewinnen zu begrenzen.

Diese könnte darin bestehen, das Beratungsgeschäft vom Produktgeschäft zu trennen, glaubt Stewens. „Die Interessen von Banken und ihren Kunden müssen in Einklang gebracht werden. Banken, die sich ihren Kunden gegenüber als Berater präsentieren,  sollten nur noch an der Beratung und nicht mehr am Verkauf bestimmter Produkte verdienen dürfen.“ Bislang ist dies umgekehrt. Die Institute verkaufen immer neue Produkte und behalten den Mehrwert der Finanzinnovationen ein. Für Stewens das eigentliche Problem: „Solange der Markt durch ein provisionsgetriebenes Beratungsgeschäft getrieben wird, kann sich nichts Grundlegendes ändern.“ Das wird wohl auch erst einmal so bleiben. Die Politik verfolgt andere Pfade, und insbesondere die deutschen Kunden zeigen sich bislang nicht bereit, für die Finanzberatung zu zahlen.

Mittelstandsfinanzierung im Fokus

Doch es gibt auch Anzeichen, die Hoffnung machen. Mit der Entzauberung des Investmentbankings konzentrieren sich viele Banken wieder stärker auf das klassische Firmenkundengeschäft. „Das Unternehmens-Know-how ist das Alleinstellungsmerkmal der Banken, wie der Motor im Auto“, greift Böhme sein Beispiel wieder auf. „Die Banken brauchen die Unternehmen als verlässliche Größe“, bestätigt Wächter. Auch das Investmentbanking muss wieder stärker zum Dienstleistungsgeschäft werden. Die regulatorische Begrenzung des Eigenhandels trägt dazu bei. Am weitesten in ihren Umbaumaßnahmen geht die UBS. Die Schweizer haben den Eigenhandel ganz eingestellt und wollen sich wieder auf ihre Kernkompetenzen besinnen. Aufsichtsrats- und Ex-Bundesbankchef Axel Weber will das Investmentbanking eng an die Kundenbedürfnisse binden.

Wohin der Weg letztendlich führt, weiß heute noch niemand. Fest steht nur, dass die Unsicherheit steigt. „Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass meine Bank in drei Jahren noch die gleiche ist wie bisher“, sagt Wächter.