Donnerstag, 03.05.2012
Unternehmensbeiräte – was sie wissen, was sie können, wer sie braucht

Notfall im Mittelstand

Was tun, um die Nachfolge zu regeln? Der Unternehmensbeirat weiß immer eine Antwort, wenn er denn richtig ausgewählt wurde.

Was ist ein guter Freund? „Einem guten Freund offenbaren wir nicht unsere Fehler, sondern die seinen“, schrieb der französische Schriftsteller François de La Rochefoucauld sinngemäß im 17. Jahrhundert. Ebenso ist es mit Unternehmensbeiräten. Ein guter Beirat spricht auch unangenehme Themen an, zeigt Schwächen des Unternehmens auf und hinterfragt Entscheidungen der Geschäftsführung kritisch. So schwer, wie es ist, einen guten Freund zu finden, gilt dies auch für einen guten Beirat. Wer passt zu mir? Brauche ich überhaupt ein solches Gremium? Wo finde ich die richtigen Mitglieder und in welchen Dingen darf der Beirat mitsprechen? All diese Fragen sollte sich ein Geschäftsführer vor der Gründung stellen.

Nicht viel zu überlegen  

Bei dem mittelständischen Unternehmen Pfeifer Seil- und Hebeltechnik in Memmingen gab es 1996 nicht viel zu überlegen. Drei gute Gründe sprachen für einen Beirat einzurichten. Die Probleme in der Baubranche gingen auch an Pfeifer nicht spurlos vorüber. Außerdem stand der Generationswechsel vom Vater zum Sohn an, und zur gleichen Zeit beteiligte sich ein mittelständischer Fonds an dem Unternehmen. „In dieser Situation wollten wir eine übergeordnete Entscheidungs- und Hilfeinstanz haben, die uns bei allen unternehmerischen Fragen zur Seite steht“, erklärt Gerhard Pfeifer, Inhaber des Unternehmens, heute die Entscheidung.

Jede der drei Situationen bei Pfeifer wäre für sich bereits ein Grund gewesen, über einen Beirat nachzudenken. „Der Generationenwechsel ist ein typisches Szenario, in dem  Unternehmen einen Beirat installieren“, sagt Marcus Labbé von dem Beratungshaus Labbé & Cie. Der Vater wird Beiratsvorsitzender, der Sohn übernimmt den operativen Chefposten. Labbé ergänzt: „So geht der Erfahrungsschatz des Vaters nicht verloren. Gleichzeitig leitet der Sohn das Unternehmen aber mit allen Freiheiten weiter.“
Beteiligt sich ein Investor bei einem Mittelständler oder besitzen verschiedene Familienzweige Anteile an einem Betrieb, ist dies häufig ein Grund für die Installation. „Der Beirat, beispielsweise bestehend aus einem Familienmitglied, einem Vertreter des Investors und einem Externen, handelt im Interesse aller Beteiligten und zeigt der Geschäftsführung Lösungsvorschläge auf“, beschreibt Jürgen Reker, Mittelstandsexperte bei Deloitte.

Problembeirat nennen Unternehmer Gremien, die aufgrund einer schwierigen Geschäftslage ins Leben gerufen wurden. Die Mitglieder, meist erfahrene Unternehmer, versuchen als Sparringpartner gemeinsam mit der Geschäftsführung die Probleme zu lösen.

Wer passt zu mir?

Beiräte sollen inspirieren, weiterhelfen, Ideengeber sein. Burkhard Tesdorpf, Geschäftsführer der Hanse Capital Gruppe erklärt: „Uns ist die Sicht von außen wichtig. So vermeiden wir Betriebsblindheit.“ Aus diesem Grund sitzen im Hanse-Capital-Gremium ein externer Schifffahrtsexperte, ein Rechts- und ein Steuerexperte.
Der Pfeifer-Beirat besteht aus einem Geschäftsführer eines Technologie-Unternehmens aus der Region, dem Geschäftsführer eines internationalen Speditionsunternehmens sowie dem Finanzinvestor. Sowohl gemessen an der Mitarbeiterzahl als auch am Jahresumsatz sind die Unternehmen der Beiräte größer als Pfeifer selbst. „Wir wollen Geschäftsführer von Unternehmen im Beirat haben, die uns ein Vorbild sein können und von denen wir lernen, wie eine erfolgreiche Wachstumsstrategie umgesetzt wird.“, erklärt der Firmenchef. Pfeifer hat die Mitglieder außerdem so gewählt, dass ein Branchen- und ein Technikexperte in dem Gremium vertreten sind. Andere Mittelständler haben andere Überlegungen. Beispielsweise berichtet die Hanse Capital, dass sie gern auf Pensionäre setze, da diese über einen großen Erfahrungsschatz verfügen, aber gleichzeitig nicht mehr mit ihrem Unternehmen im Wettbewerb stehen. Labbé rät bei der Auswahl darauf zu achten, dass das neue Mitglied nicht Beiratsmandate sammelt wie andere Leute Briefmarken. „Keiner kann mehreren Herren gleichzeitig dienen und diesen auch gerecht werden“, sagt er und ergänzt: „Es ist kein Ehrenamt, sondern eine ernst zu nehmende Aufgabe.“

Keine „Ja-Sager“

Mehr als fünf Mitglieder sollte der Beirat eines mittelständischen Unternehmens nicht haben. „Drei reichen in der Regel auch aus“, erklärt Reker. Drei Mitglieder klingt wenig, die richtige Auswahl zu treffen, kann sich allerdings als äußerst schwierig erweisen. Zumal die Sitze im besten Fall mit Unternehmern, nicht mit Steuerexperten und Anwälten, besetzt werden sollten. Ähnlich wie bei der Auswahl eines Geschäftsführers oder Vorstandsmitglieds können Beiratsmitglieder über spezialisierte Personaldienstleister gesucht werden. Labbé meint dies, auch wenn die Suche mehrere 10.000 Euro kostet, für die effektivste Lösung. „Das Profil kann genau auf das Unternehmen zugeschnitten werden, diese Form der Suche ist effizient und außerdem ist der Dienstleister gut vernetzt.“ Reker hält eine selbständige Recherche des Geschäftsführers in seinem eigenen Netzwerk für effizienter. „Jeder Unternehmer hat befreundete Unternehmen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen und zu denen ein jahrzehntelanges Vertrauensverhältnis besteht“, erklärt er. Labbé warnt jedoch vor zu viel Freundschaft. „Sind nur Ja-Sager vertreten, wird der Beirat schnell zur Alibi-Veranstaltung und verliert seinen Sinn.“ Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit. Über Beiratsnetzwerke und -initiativen können Mittelständler auch geeignete Kandidaten suchen.

Innenpolitik

Beirat ist nicht gleich Beirat. Von zahlreichen Faktoren ist es abhängig, ob das Gremium ein zahnloser Tiger oder ein Zugpferd wird. Der Finanzierungsspezialist Hanse Capital versteht die Mitglieder als Trainingspartner. „Tipps für das Spiel nehmen wir gerne an, aber wir würden uns nicht von einer Idee abbringen lassen, nur weil der Beirat dagegen ist“, erklärt Tesdorf. Die Pfeifer-Beiräte haben mehr Kompetenzen. Sie verfügen auch bei operativen Fragen über ein Zustimmungsrecht.
Welchen Einfluss, also wie stark ein Beirat ist, hängt von der Satzung ab. Wird dem Gremium nur eine beratende Funktion zugeschrieben, beeinflussen die Mitglieder die Entscheidungen der Geschäftsführung im besten Falle mittelbar. Direkt, und damit schon deutlich mächtiger, sind kontrollierende Räte. Sie müssen vor bestimmten Entscheidungen, wie beispielsweise Auslandsexpansionen, Investitionen oder neuen Finanzierungsmodellen um Zustimmung gefragt werden. Am stärksten ist der Beirat, der auch Einfluss auf die Personalpolitik, das heißt auf die Einstellung und Entlassung der Geschäftsführung nehmen kann.

Um Pattsituationen zu vermeiden, sollte das Gremium immer aus einer ungeraden Zahl von Mitgliedern bestehen. Eine Sitzung pro Quartal ist das absolute Minimum, sagen die Experten. In Memmingen bei Pfeifer trifft sich der Beirat vier- bis achtmal pro Jahr sowie nach Bedarf. „Wir legen den Mitgliedern die Planzahlen vor, diskutieren die Jahresziele und entscheiden schließlich“, beschreibt Geschäftsführer Pfeifer das Prozedere. Experte Reker hat noch einen Tipp: „Die Mandate sollten nicht immer zur gleichen Zeit auslaufen“, sagt er. So sei gesichert, dass das Gremium immer aus einem festen Stamm besteht und entscheidungsfähig bleibt.

Stellt sich noch die Frage, wer über die Ausgestaltung des Vertrags entscheidet. Ist der Betrieb inhabergeführt, ist es der Inhaber. „Er selbst kann bestimmen, wann er das Gremium wie gründet und wie oft er es auflöst“, erklärt Labbé. Gibt es mehrere Eigentümer, sind es eben diese. Hier gilt: Die Interessengruppen, die der Beirat vertritt, entscheiden auch über das Vertragswerk. Und nicht nur über das. Sie entscheiden auch über die Bezahlung. Zwischen 5.000 und 10.000 Euro verdient ein Beiratsmitglied jährlich. Anders als bei Sandkastenfreunden hört hier die Freundschaft noch nicht einmal beim Geld auf.

Info

Unternehmenssituation

Zusammensetzung

Aufgabe

Kompetenzen

Firmengründer will Unternehmen an Nachfolger übergeben.

- Firmengründer (Vorsitzender)

- Unternehmer, der Nachfolge schon vollzogen hat

-Unternehmer aus der gleichen Branche

- Übergang regeln

- Kontakte zu Kunden und Lieferanten vermitteln

- ausschließlich beratend, kein Einfluss auf strategische Entscheidungen oder Geschäftsführerwahlen

Betrieb befindet sich in wirtschaftlich schwieriger Lage. Produktion muss neu ausgerichtet werden.

- Unternehmer aus der Branche (Vorsitzender)

-Unternehmer/CTO, mit technischem Know-how

- Unternehmensberater

- Ursachen für schwierige Situation suchen

- Lösungsvorschläge entwickeln

- muss bei Neuinvestition und strategischen Entscheidungen gefragt werden

Unternehmensanteile befinden sich nicht in einer Hand (verschiedene Familienstämme oder Investor).

- externer Unternehmer (Vorsitz)

- Familienmitglied

- Investor

- Interessensvertretung der Besitzer gegenüber der Geschäftsführung

- muss bei strategischen Entscheidungen und Neuinvestitionen gefragt werden

- wählt die Geschäftsführung

Quelle: Markt und Mittelstand