Freitag, 29.09.2017

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Dollar, Euro, Bitcoin: Die viel diskutierte Internetwährung wird auch für die Finanzierung von Unternehmen immer interessanter.

Internetwährung Bitcoin

So können Mittelständler von der Blockchain profitieren

Die Blockchain gilt als „The Next Big Thing“ im Finanzbereich. Das dezentrale Buchungssystem steckt auch hinter Bitcoin. Erste Banken bieten schon Finanzierungsmodelle mit der Internetwährung an. Aber wie sehr eignen sich diese für die Mittelstandsfinanzierung?

Heute wird online Geshoppt, virtuell geflirtet und elektronisches Banking betrieben: Ein Leben ohne E-Mail und Smartphone kann und will sich kaum jemand mehr vorstellen. Das Internet hat das Leben jedes Einzelnen komplett verändert – privat wie beruflich. Die Blockchain – für viele bislang nicht mehr als ein Schlagwort unbekannten Inhalts – könnte nun das „nächste große Ding“ sein, glauben Experten und preisen die Technologie hinter der Internetwährung Bitcoin als die größte Erfindung seit dem Internet an.

Erste Pilotprojekte von Banken zeigen, dass die Finanzierung von Unternehmen und das Steuern ihrer Risiken und Lieferketten möglicherweise vor einem revolutionären Umbruch stehen: Prozesse könnten durch die Blockchain schneller, einfacher, preiswerter und sicherer werden. Zugleich entste­hen völlig neue Anwendungen. Derzeit machen zwar vornehmlich Großkonzerne wie der Autobauer Daimler, der Energieriese Innogy oder der Touristikkonzern Tui mit Blockchain-Pilotprojekten Schlagzeilen. Doch wenn sich die neue Technologie durchsetzt, dürfte davon vor allem auch der Mittelstand profitieren. Denn gerade im Export­geschäft und bei Finanzierungen verspricht die Blockchain zahlreiche Erleichterungen.

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Um zu verstehen, warum das so ist, muss man zunächst die grundlegende Funktionsweise kennen: Bei der Blockchain handelt es sich um eine dezentrale Datenkette, deren Inhalte auf diversen Servern gespeichert sind. Alle Teilnehmer einer solchen Kette verfügen in Echtzeit über denselben Informationsstand. Aktualisierungen der Datensätze können nur im Konsens erfolgen. Das passiert automatisch nach Regeln, auf die sich alle Beteiligten im Vorfeld verständigt haben. Fachleute sprechen deshalb von intelligenten Verträgen, den sogenannten Smart Contracts: Diese überwachen ihre Einhaltung selbst und leiten die nächsten Schritte ein. „Dank dieser Eigenschaften automatisiert die Blockchain das Vertrauen“, sagt Markus Krall von der Managementberatung Goetzpartners. 

Überall dort, wo viele Parteien involviert sind, Informationsasymmetrien herrschen und vermeintliche Standardprozesse heute noch manuelle Eingriffe erfordern, kann die Blockchain Abhilfe schaffen.

Exporte erleichtern

Foto: Goetzpartners

Markus Krall von Goetzpartners

Ein Beispiel aus der Praxis: der internationale Handel. Ein deutscher Mittelständler liefert einem brasilianischen Abnehmer ein Produkt auf Rech­nung. Unter Einsatz einer Blockchain könnte er festlegen, dass die Auslieferung der Ware erst erfolgt, wenn der Kunde gezahlt hat. Für den Mittelständler sinkt so das Risiko eines Zahlungsausfalls drastisch.

Seit Anfang des Jahres arbeitet eine Initiative von sieben europäischen Banken – bestehend aus Deutscher Bank, HSBC, KBC, Natixis, Rabobank, Société Générale und Unicredit – daran, eine Blockchain-basierte Plattform auf die Beine zu stellen, über die alle an einer Handelsfinanzierung beteiligten Parteien – Käufer, Bank des Käufers, Verkäufer, Bank des Verkäufers und Transporteur – nahtlos miteinander verbunden sind. „Das Angebot richtet sich vor allem an kleine und mittelständische Unternehmen, die bislang keinen Zugang zu Handelsfinan­zierungen haben“, sagt Roberto Mancone aus dem Chief Digital Office der Deutschen Bank.

Der Bedarf ist da: Nach einer Studie der inter­nationale Handelskammer ICC bleiben jährlich angefragte Lieferkettenfinanzierungen in Höhe von umgerechnet rund 1,4 Billionen Euro unerfüllt. Komplexe Regulie­rungen machen es für die Banken schlicht zu teuer, solche Produkte für kleine Unternehmen anzubieten. Statt sich mit Akkredi­tiven oder anderen Instrumenten abzusichern, liefern viele Mittelständler daher notgedrungen auf Rechnung – wenn der Kunde nicht zahlt, bleibt der Exporteur auf dem Verlust sitzen.

In einem ersten Schritt solle die neue Blockchain-Plattform lediglich die direkte Verbindung zwischen Exporteur und Importeur schaffen und den umständlichen papierbasierten Lieferprozess effizienter gestalten, berichtet Mancone: „Die Unternehmen können alle Vertragskomponenten über die Plattform darstellen: von der Rechnungs­stellung über die Zollunterlagen bis hin zur Auslie­ferung.“ In einem zweiten Schritt sollen Unternehmen dann auch Akkreditive, Warenkreditversicherungen und andere Finanzinstrumente für die Lieferkette über die Plattform abschließen können. „Geplant ist außerdem, einen Tracking-Service anzubieten, mit dem Unternehmen nachverfolgen können, wo sich ihre Ware gerade befindet“, wirft der Deutsch-Banker einen Blick in die Zukunft. Kurzum: Die Initiative hat nicht weniger im Sinn als eine kleine Revolution – nämlich die Verknüpfung der physischen Lieferkette mit Finanzprodukten bei totaler Transparenz, Kontrolle und Automatisierung für alle beteiligten Parteien.

Banken umgarnen Kunden

Ob und wie viel Mittelständler für den Anschluss an die geplante Plattform zahlen müssen, will Mancone nicht verra­ten. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die Gebühren – sollte es überhaupt welche geben – sehr gering ausfallen. Denn die Banken haben großes Interesse, möglichst viele Unternehmen anzubinden. Nur wenn ein Exporteur mehrere Kunden über die Blockchain-Plattform erreicht, hat sie für ihn einen Mehrwert – und nur dann wird sie relevant.

Der limitierende Faktor: Um Zugang zur Plattform zu haben, muss man Kunde einer der sieben Banken sein. Daher plant das Konsortium bereits, wei­tere Kredithäuser auf­zunehmen: „Uns lie­gen Anfragen von 15 Banken vor“, sagt Mancone, „unser Ziel ist es, nach dem Start der Plattform Ende des Jahres pro Quartal vier Banken neu aufzunehmen.“

Vor allem in Asien sowie in Nord- und Südame­rika wird sich das Konsortium Unterstützer suchen müssen. Denn bei der Handelsfinanzierung ihrer Geschäfte mit China, den USA, Brasilien und Co. liegen größere Herausforderungen für deutsche Exporteure als im Handel mit den Nachbarländern aus der EU. Doch je mehr Rechtsräume über die Plattform abgedeckt werden müssen, desto komple­xer werden die Regularien, die es zu beachten gilt.

Erschwerend kommt hinzu: Bislang ist nicht einmal klar, welchen Platz Banken auf einer Block­chain-basierten Plattform überhaupt haben wer­den. Denn in einer dezent­ralen Datenbank, wie sie die Blockchain darstellt, braucht es keinen Vermittler mehr. Die Teilnehmer kommuni­zieren direkt miteinander. Bei der Handelsfinanzierung könnte das etwa dazu führen, dass Akkreditive und Co. nicht mehr nötig sind. Auf Rechnung zu liefern wäre schließlich nicht riskant, wenn Smart Contracts zum Einsatz kommen.

„Die Blockchain zerstört die Geschäftsmodelle der Banken“, sagt Unternehmensberater Krall. „Es ist völlig offen, wie Banken künftig Geld verdienen. Heute ist nur klar: Die Gebührenmodelle werden anders aussehen.“ Aus diesem Grund experimen­tieren gerade viele Banken mit der Technologie sehr offensiv: Sie wollen sich an die Sperrspitze der Ent­wicklung setzen, um ihr nicht zum Opfer zu fallen.

Zugang zu Finanzierungen

Doch es gibt noch einen zweiten Effekt der Blockchain, der Mittel­ständlern zugutekommen könnte: Der Einsatz der Technologie kann auch interne Prozesse der Banken effizienter machen. Die IT-Beratung Accenture hat errechnet, dass Finanzinstitute durch eine Blockchainbasierte, verteilte Datenhaltung bis zu 30 Prozent ihrer Kosten einsparen können. Für die unter einem hohen Optimierungsdruck stehende Bankenbranche geht es damit um immense Summen.

Wenn Banken ihre internen Prozesse kostengünstiger abwickeln, profitieren davon auch ihre Kunden – so jedenfalls die Theorie. Insbesondere kleine Unternehmen könnten erstmals auf gewisse Bankprodukte zugreifen, die bislang den Großkon­zernen oder dem gehobenen Mittelstand vorbehalten sind.

Beispiel Schuldschein: Bei diesem Finanzierungsinstrument sind, ähnlich wie beim Lieferkettenmanagement, diverse Parteien involviert – das Unternehmen, das den Schuldschein emittiert, die begleitende Bank und die Investoren, die den Schuldschein zeichnen. „In der Abstimmung sind heute noch viele manuelle Prozessschritte nötig, die wir mit Hilfe der Blockchain digitalisieren können“, sagt Joachim Erdle, Leiter Corporate Finance bei der Landesbank Baden-Württemberg. Die Stuttgarter haben gerade eine in der Finanzwelt vielbeachtete Premiere hingelegt.

Für den Autobauer Daimler hat die LBBW erstmals ein Schuldscheindarlehen mit Hilfe der Blockchain-Technologie abgewickelt. „Nach dieser Erfahrung sind wir der Überzeugung, dass dank der Blockchain bis zu 50 Prozent Effizienzsteigerung bei der Abwicklung von Schuldscheinen möglich sind“, berichtet Erdle. Für die Bank bedeutet das: mehr Zeit für die Beratung des Kunden und geringere Kosten. „Daher könnte die Blockchain die Platzierung von Schuldscheinen auch für Mittelständler, die kleinere Summen finanzieren möchten, erleichtern“, glaubt der Banker.

Allerdings muss die Landesbank zunächst die Regulierungsbehörden überzeugen, die neue Technologie als Platzierungskanal anzuerkennen. Das ist aktuell nicht der Fall, weshalb der Daimler-Schuldschein parallel zum Blockchain-Prozess auch über die üblichen Wege abgewickelt werden musste. Wenn diese Frage geklärt ist, soll der Blockchain-Schuldschein in Serie gehen. Erdle rechnet damit im kommenden Jahr.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 9/2017. Hier können Sie „Markt und Mittelstand“ abonnieren.