Mittwoch, 23.08.2017
Sehenswürdigkeit und Produktion: Von Alfeld aus produziert Fagus-Grecon Schuhleisten für den Weltmarkt.

Foto: Fagus-Grecon

Sehenswürdigkeit und Produktion: In Alfeld produziert Fagus-Grecon Schuhleisten für den Weltmarkt.

Fagus-Grecon

Das Weltkulturerbe, das einen Produktionsbetrieb beherbergt

Kai Greten produziert mit seinem Familienunternehmen Fagus-Grecon Schuhleisten für den Weltmarkt – und zwar in einem Weltkulturerbe. Doch um das Traditionsunternehmen zu retten, musste er den Betrieb neu aufstellen.

Schuhe und hellgrüne, fußförmige Objekte sind durch die großen Fenster des Fagus-Werks in Alfeld an der Leine zu sehen, und viele Besucher schauen sich das tatsächlich an. Schließlich handelt es sich bei der Halle um eine Sehenswürdigkeit von Weltrang. 1911 errichtete der Bauhaus-Pionier Walter Gropius das Fabrikgebäude, seit 2011 ist es Unesco-Weltkulturerbe. Das Fagus-Werk gilt nicht nur als „Ursprungsbau der Moderne“, sondern ist auch ein „lebendes Denkmal“.

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Denn es ist das einzige Weltkulturerbe, das, neben einem Museum, noch einen aktiven industriellen Produktionsbetrieb beherbergt. Die fußförmigen Objekte sind Kunststoffleisten zur Schuhherstellung,die schon immer dort produziert wurden. Das Giftgrün ist die Markenfarbe der Fagus-Leisten, so wie die des Konkurrenten Framas aus Pirmasens rot sind, erklärt Kai Greten, der das Familienunternehmen Fagus-Grecon in fünfter Generation leitet. Sein Ururgroßvater Carl Benscheidt hat die Firma gegründet und den Bau der Werkshalle in Auftrag gegeben. Noch mehr als die Unternehmenstradition hat der 48-Jährige jedoch die Weltmärkte im Blick.

Mehr als nur Schuhe

Die politische Lage in der Türkei, wo treue Kunden sitzen, beobachtet er mit Sorge. Optimistisch blickt er hingegen nach China: Denn aus dem Reich der Mitte erhält Fagus-Grecon inzwischen eine ganze Reihe an Bestellungen – jedoch weniger für Schuhleisten als vielmehr für Funkenlöschanlagen. Diese Systeme können Brände schon im Keim ersticken, ohne dass die Produktion unterbrochen werden muss.

Solche Funkenlöschanlagen sind eine Kernkompetenz des Unternehmenszweigs Grecon. Funkenlöschanlagen und Schuhleisten – unterschiedlicher kann ein Produktportfolio eigentlich nicht sein. Und doch sind die beiden Geschäftsbereiche organisch entstanden: Fagus ist das lateinische Wort für Buche. Aus dieser Holzart werden auch heute noch die Leisten-Originale geraspelt. Die Verarbeitung dieses leicht entzündlichen und gut brennbaren Naturstoffs erforderte nicht nur eine spezielle Mess-, sondern auch eine ausgebuffte Brandschutztechnik: die Geburtsstunde der Funkenlöschanlage.

Brandschutzanlagen waren die Rettung

Junger Mann vor altem Gebäude: Kai Greten leitet das Familienunternehmen erfolgreich in fünfter Generation.

Foto: Christian Bartels

Junger Mann vor altem Gebäude: Kai Greten leitet das Familienunternehmen erfolgreich in fünfter Generation.

Zuletzt wurde die Lebensmittelindustrie im weiteren Sinne als Kundenbranche identifiziert, berichtet Greten mit Blick auf den Aromenhersteller Symrise aus dem nahegelegenen Holzminden. Der Unternehmer macht kein Geheimnis daraus, dass die Brandschutzanlagen das Ursprungsgeschäft gerettet haben: „Ohne Grecon würde es Fagus nicht mehr geben“, sagt er. Derzeit arbeiten weltweit 400 Mitarbeiter für Grecon und 160 für Fagus. Das Leisten-Geschäft macht rund 15 Prozent des Konzernumsatzes aus, der im Geschäftsjahr 2016 bei annähernd 70 Millionen Euro lag.

Die Frage, ob er in die Familienfirma einsteigen würde, hatte sich Kai Greten ursprünglich gar nicht gestellt. Nach dem Abschluss des Maschinenbaustudiums wollte er eher in der väterlichen Spanplattenfabrik  in Springe am Deister anfangen. Die musste jedoch im Jahr 1996 Insolvenz anmelden, was Kai Greten einen Strich durch die Rechnung machte. Da traf es sich gut, dass sein Onkel Ernst ihm ein paar Jahre später anbot, bei Fagus-Grecon einzusteigen. Kai Gretens drei Töcher sind noch zu jung, um zu sagen, ob sie den Betrieb dann in sechster Generation führen wollen. Doch im Familienbesitz soll er„ziemlich sicher“ bleiben, sagt Greten und lobt die Stabilität von Familienunternehmen, die Krisen auch mal „bewusst aussitzen“ könnten.

Produktionsstätten in Thailand und Portugal

Mit dem dänischen Schuhgiganten Ecco hat Fagus ein Gemeinschaftsunternehmen in Thailand gegründet. 2016 folgte ein weiteres in Portugal. Entstanden ist die Kooperation auch deshalb, weil die Dänen das Alfelder Unternehmen nicht kaufen konnten, sich seine Leisten-Expertise aber sichern wollten. Schließlich wird auch dieser Markt von Innovationen getrieben, wie etwa der gemeinsam entwickelten Direktanspritztechnik.

Mit deren Hilfe können Schuhe und Sohlen in einem einzigen Arbeitsgang hergestellt werden. Diese Maschinen sind – jedenfalls momentan noch – sehr teuer, ihr Anteil an der globalen Schuhherstellung werde aber deutlich steigen,ist sich Greten sicher. Dass ein großer deutscher Sportartikelhersteller vor kurzem verkündete, einen Sportschuh in 3-D-Druckern produzieren lassen zu wollen, zeigt das Potential der Anlagen.

„Unser Reichtum sind unsere Mitarbeiter“

Darin, in einem Weltkulturerbe zu produzieren,sieht Greten keine besondere Herausforderung: „Der Erhaltungsaufwand tut uns nicht weh.“ Der Museumsbetrieb koste rund 400.000 Euro im Jahr. Die Besucher, deren Zahl 2016 erstmals 20.000 überstieg, decken ein Viertel der Kosten. „Man muss sich mit der Immobilie identifizieren und mit dem Denkmalschutz arbeiten statt gegen ihn“, sagt Greten. Dann klappt’s. Der Welterbe-Status sei ein „Superthema, um bei Kunden anzuknüpfen“ ,streicht er die Vorteile heraus, „denn er zeigt: Wir sind schon lange da.“ Hinzu kommt: Der architektonische Ansatz von Walter Gropius, dass Licht, Luft und Klarheit den Angestellten die Arbeit erleichtern, hat von seiner Gültigkeit bis heute nichts verloren. Besucher sind regelmäßig fasziniert von der lichtdurchfluteten Werkshalle. Kein Wunder, dass Grecon in seinem Denkmalgebäude allwöchentlich Kundenschulungen anbietet.

„Unser Reichtum sind weder unsere Maschinen noch ein Bankkonto, sondern das Wissen, das Können und die Einsatzbereitschaft unserer Mitarbeiter“, lautete einer der Führungsleitsätze von Fagus-Gründer Carl Benscheidt. Der Ururenkel, der mit seiner Familie „zwölf Autominuten und eine Ampel“ vom Firmensitz entfernt wohnt, lebt die Maxime noch heute. Die „Vertrauensarbeitszeit“, die für die Mitarbeiter gilt, ist ein Beweis dafür. Vertrauen wird auch den Besuchern des Weltkulturerbes entgegengebracht: Sie können sich weitestgehend frei bewegen auf dem Gelände des Unternehmens, das bei seinen Leisten blieb, indem es mit der Zeit ging.

Licht auch im Schatten: die Produktionshalle von Fagus-Grecon im Abendlicht.

Foto: Fagus-Grecon

Licht auch im Schatten: die Produktionshalle von Fagus-Grecon im Abendlicht.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 7-8/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.