Dienstag, 29.08.2017
Zwischen Chefsessel und Rednerpult: Murmann im Deutschen Bundestag.

Foto: Abgeordnetenbüro Philipp Murmann

Zwischen Chefsessel und Rednerpult: Murmann im Deutschen Bundestag.

Politiker und Unternehmer

Wie Philipp Murmann zwei Full-Time-Jobs verbindet

Philipp Murmann leitet die mittelständische Unternehmensgruppe Zöllner in Kiel – und sitzt zugleich für die CDU im Bundestag. Das erfordert gutes Zeitmanagement – und Vertrauen in die Mitarbeiter.

Philipp Murmann sieht sich selbst vor allem als Unternehmer. „Das ist mein Selbstverständnis“, betont der geschäftsführende Gesellschafter des mittelständischen Anlagenbauers Zöllner Signal, der Signalanlagen für Schiffe und den Bahnverkehr herstellt. „Wenn mich jemand nachts um zwei weckt und fragt, wer ich bin, dann ist die Antwort klar.“ Murmann ist allerdings nicht nur Firmenchef. Er ist auch Politiker. Seit 2009 sitzt der heute 53-Jährige für die CDU im Deutschen Bundestag.

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In den rund 20 Wochen, in denen Murmann in Berlin und nicht in seinem Wahlkreis Plön/Neumünster in Schleswig-Holstein arbeitet, ist er für seine Mitarbeiter auf direktem Wege nur schwer zu erreichen. Dem Unternehmen geschadet hat die Abwesenheit des Chefs nicht, glaubt Murmann. „Meine Führungskräfte nutzen das Mehr an Freiheit glücklicherweise sehr gut“, sagt er mit nordischer Nüchternheit.

Anruf vom Vater

Das Unternehmen Zöllner wurde 1946 von Murmanns Großvater gegründet, später übernahm sein Vater die Firmenleitung. Dass Murmann den Betrieb einmal übernehmen würde, stand keineswegs von vornherein fest. Deshalb studierte er erst einmal Maschinenbau, wurde in Betriebswirtschaftslehre promoviert und machte dann beim Energie- und Automatisierungstechnikkonzern ABB Karriere. Bis um die Jahrtausendwende der Vater anrief. „Er hat mich gefragt: ‚Wir wollen die Firma aufteilen. Hast du nicht Lust, den Signalanlagenteil zu leiten?‘“, erinnert sich der Junior. „Das habe ich mir dann genauer angesehen und irgendwann gesagt: Ok, ich mache das.“

Wenn Philipp Murmann seinen Einstieg ins Familienunternehmen schildert, klingt das bescheiden – obwohl sich dahinter eine ökonomische Erfolgsgeschichte verbirgt. Denn der bei der Familie Murmann verbliebene Signalanlagenteil entwickelte sich prächtig: Innerhalb von gut 15 Jahren stieg die Mitarbeiterzahl von 30 auf fast 230. Getrieben wurde die Entwicklung vor allem von der Bahntechnik, einer Branche, in der Zöllner ursprünglich kaum aktiv gewesen war. „Der Bereich war damals ein zartes Pflänzchen“, sagt Murmann. Aber mit stabilen Wurzeln und viel Wachstumspotential. Heute sind zwei Drittel der Mitarbeiter in der Bahntechnik beschäftigt – davon allein 40 in der Entwicklung.

Lautsprecher: Damit verdient Philipp Murmann sein Geld. Als Politiker setzt er hingegen auf leisere Zwischentöne.

Foto: Zöllner Signal

Lautsprecher: Damit verdient Philipp Murmann sein Geld. Als Politiker setzt er hingegen auf leisere Zwischentöne.

Und wie kam die Sache mit dem Bundestagsmandat? Politisch interessiert war er schon in seiner Jugend. „Ich fand Politik schon immer spannend“, sagt er. „Ich hatte sogar überlegt, ob ich nicht Politik oder Musik studiere.“ Erst als Doktorand trat Murmann der CDU bei. Relativ schnell wurde er stellvertretender Schatzmeister der Kreis-CDU. „Und dann kam die Frage, ob ich nicht auch einmal zu einer Wahl antreten wolle“, erinnert er sich.

Bei der Bundestagswahl 2005 war es so weit. Murmann führte zum ersten Mal Wahlkampf – wenn auch einen aussichtslosen. In Kiel war von vornherein klar, dass der SPD-Kandidat das Direktmandat holen würde. „Es ist aber eine interessante Erfahrung“, habe er damals gedacht.

Weil er trotz seiner Niederlage ein ordentliches Ergebnis einfuhr, trat er 2009 noch einmal an. Diesmal im WahlkreisPlön/Neumünster, in dem er wohnt. Und dort klappte es: Mit 38,6 Prozent der Erststimmen zog Murmann in den Bundestag ein. Vier Jahre später konnte er sein Ergebnis sogar noch verbessern. Seitdem bestimmt er die Politik in Deutschland mit.

Zwischen Geschäftsführung und Bundestag

Zum Teil betreffen seine politischen Entscheidungen auch sein eigenes Unternehmen. Er versuche aber, sein unternehmerisches Interesse sehr akkurat von seinem politischen Mandat zu trennen, betont Murmann. Deswegen sei er bewusst nicht Mitglied des Verkehrsausschusses des Bundestags geworden, sondern widme sich den Themen Bildung und Forschung. „Als Abgeordneter des deutschen Volkes bin ich dem Gemeinwohl verpflichtet – und nicht mir selbst“, sagt er.

Was zudem sehr gut funktioniere, sei der Abgleich des politischen Willens mit der wirtschaftlichen Realität. Zum Beispiel bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Zöllner war eines der ersten Unternehmen in Kiel, das einen Flüchtling einstellte. „Wir haben uns in Berlin ständig mit dem Thema beschäftigt“, erinnert sich Murmann. „Da lag es nahe, dass ich irgendwann meinen Personaler gefragt habe, ob wir nicht jemanden einstellen können.“ Mit Hilfe der Agentur für Arbeit wurde ein Syrer gefunden, der nach einem Praktikum mittlerweile fest im Unternehmen arbeitet.

Nicht nur am Spielfeldrand stehen

An diesem konkreten Beispiel habe er gelernt, dass die Rekrutierung von Flüchtlingen langwierig und durchaus nicht immer einfach sei, berichtet Murmann. Dass das, was er in Berlin mitentscheidet, folgenreich sei, zeige sich aber auch auf anderen Gebieten: „Nehmen Sie etwa die Arbeitsgesetze. Da merkt man erst bei der Umsetzung in der Firma, dass die Praxis anders aussieht, als wir uns das in Berlin vorgestellt haben“, gibt sich Murmann selbstkritisch. Murmann hofft deswegen, dass sich auch in Zukunft Unternehmer als Politiker engagieren – ob auf Kommunal-, Länder- oder Bundesebene. „Wir Unternehmer schimpfen ja gerne über die Politik und wissen, wie alles besser geht“, sagt er. Allerdings seien nur wenige konsequent genug und nähmen sich die Zeit, „nicht nur vom Spielfeldrand zu rufen, welchen Pass man spielen soll, sondern auch Teil des Spiels zu werden.“

Um im Bild zu bleiben, steht nun Murmanns Auswechslung an. Bei der Bundestagswahl im September tritt der vierfache Vater nicht noch einmal an. „Ich habe von vorneherein gesagt, ich mache es nur für eine gewisse Zeit“, betont er. Sein Amt als Schatzmeister der Bundes-CDU will er behalten. Vor allem aber will er sich wieder mehr seiner Familie widmen – und mehr als 25 Prozent seiner Zeit für sein Unternehmen da sein.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 6/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.