Donnerstag, 06.04.2017

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Hamburger Hafen: Die großen Arbeitgeber fürchten, dass ihre Interessen gegenüber dem Senat nicht mehr so wirkungsvoll durchgesetzt werden.

Streit in der Handelskammer

„Für den Standort Hamburg ganz fatal“

Unzufriedene Kleinunternehmen haben Mitte Februar in der Handelskammer Hamburg die Macht übernommen. Werner Marnette, Ex-Manager und seit 1977 Mitglied der mächtigen Kammer, sieht auch eine Mitschuld bei der Administration.
Werner Marnette gehört der Handelskammer Hamburg seit 1977 an. Von 2002 bis 2007 war er ihr Vizepräses.

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Werner Marnette gehört der Handelskammer Hamburg seit 1977 an. Von 2002 bis 2007 war er ihr Vizepräses.

Herr Marnette, was bedeutet es für die Handelskammer Hamburg, dass das Bündnis „Die Kammer sind wir!“ in den Plenumswahlen 56 der 58 Sitze gewonnen hat?
Das ist eine schlimme Entwicklung. Aber sie hat sich in den vergangenen Jahren leider abgezeichnet. In einigen Punkten haben die „Rebellen“ durchaus Recht. Auf diese hatte ich bereits in meiner eigenen aktiven Zeit bei der Handelskammer Hamburg hingewiesen. Aber bei aller Kritik: Standortpolitisch und in Fragen von Bildung und Wissenschaft hat die Kammer Hervorragendes geleistet.

Bei welchen Punkten geben Sie den Kritikern Recht?
Das Plenum sollte das Parlament der Wirtschaft sein. Dies ist leider nie richtig gelebt worden. Die Plenarsitzungen (entspricht der Vollversammlung in anderen IHKn; Anm. Red.) haben einmal im Monat für jeweils zwei Stunden stattgefunden. Diese Versammlungen waren immer straff durchgetaktet und alles war schon vorgekaut. In der Fragerunde haben nur Wenige gefragt. Kritische Fragen waren nicht erwünscht. Man kann sagen, dass ein paar wenige entschieden haben, was gemacht wird. Dies hatte schon den Charakter der Kungelei.

Normalerweise bestimmen doch die Mitglieder in der Vollversammlung das Präsidium und den Präsidenten – und damit auch die Richtung.
Das stimmt, aber es gibt auch noch Sitze, die kooptiert, also ohne Wahl bestimmt werden. So war es in der Handelskammer Hamburg möglich, dass manche einflussreiche Persönlichkeiten sehr lange im Plenum und im Präsidium saßen, ohne je gewählt worden zu sein. Der Chef eines großen maritimen Unternehmens sagte einmal: „Einer Wahl will ich mich nicht aussetzen.“

Das hört sich nicht gerade nach Transparenz an.

Die gab es auch nur bedingt und wurde in den vergangenen Jahren leider immer mehr vernachlässigt. Hinzu kamen schwere Fehler des Präsidiums und des Präses (entspricht dem Präsident in anderen IHKn; Anm. Red.) in den vergangenen Jahren. So wollten die Mitglieder der Handelskammer wissen, wie viel der Geschäftsführer, Hans-Jörg Schmidt-Trenz, verdient. Und das war auch vollkommen legitim.

Als herauskam, dass es 475.000 Euro pro Jahr sind, war das ein Skandal.

Ich finde zu Unrecht. Schmidt-Trenz arbeitet sehr hart und hat für die Handelskammer Hamburg sehr viel erreicht. Wenn man einen guten Job macht, kann man doch auch dazu stehen, viel zu verdienen. Zumal das Präsidium das Gehalt deshalb so hoch festgelegt hatte, um den allseits umworbenen Hauptgeschäftsführer halten zu können. Dennoch hatte sich der Präses in dieser Sache nicht vor ihn gestellt. Die ganze Kammerführung hat eine sehr unglückliche Figur abgegeben.

Wie konnte es so weit mit der größten Handelskammer Deutschlands kommen?
Man dachte sich immer: „Wir sind stark, wir sitzen das aus!“ Es wurde nach Gutsherrenart regiert. Aber gerade was die innere Stärke angeht, hat man sich vollkommen überschätzt. Dadurch wurde verschiedenen Fraktionen wie den „Rebellen“ erst der Weg bereitet.

Wie wird sich das auf die künftige Arbeit der Handelskammer Hamburg auswirken?
Für die Wirtschaft und den Standort Hamburg ist das ganz fatal und eine bittere Lektion. Eine starke Kammer bildet immer auch eine Gegenkraft zur Politik, insbesondere zum Hamburger Senat. Die gibt es jetzt aber zurzeit nicht mehr. Dies dürfte den Senat freuen, auch wenn er dies nach außen nicht zeigt. Meine Hoffnung ist, dass die Kräfte der gesamten Hamburger Wirtschaft stark genug sind, die „Wahlsieger“ zur Raison und die Kammer wieder auf einen erfolgreichen Kurs zu bringen.

Info

Werner Marnette war von 1994 bis 2007 Vorsitzender des Vorstandes der Norddeutschen Affinerie (heute: Aurubis) und von 2008 bis 2009 Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein. Marnette ist bereits seit 1977 Mitglied der Handelskammer Hamburg, von 1996 bis 2007 war er gewähltes Mitglied des Plenums und von 2002 bis 2007 ihr Vizepräses.

Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 4/2017. Hier können Sie das Heft, das am Freitag (6. April 2017) erscheint, bestellen und Markt und Mittelstand abonnieren.