Mittwoch, 07.09.2016
Wie auf dem Screenshot zu sehen: Zahlreiche indische Städte wollen ihre Stadt zu einer Smart City machen, indem sie diese mit gezielten Projekten effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver machen. So auch die Stadt Coimbatore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, sie ist ein wichtiger Textil-Industriestandort Indiens.

Wie auf dem Screenshot zu sehen: Zahlreiche indische Städte wollen ihre Stadt zu einer Smart City machen, indem sie diese mit gezielten Projekten effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver machen. So auch die Stadt Coimbatore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, sie ist ein wichtiger Textil-Industriestandort Indiens.

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Indien baut Smart Citys: Mittelständler sehen Chancen

Vor einem Jahr kündigte Indien an, 100 Smart Citys errichten zu wollen. Seitdem sind erste Projekte angelaufen – auch unter Mitwirkung deutscher Mittelständler. Was in den Smart Citys geplant ist, wo deutsche Firmen mitwirken können, eine Einordnung.

Fußgängerzonen, Fahrradstraßen, Parkplatzmanagement übers Internet oder autofreie Tage? Kompakte Biogasanlagen für Privathaushalte oder ein Recyclingsystem in Wohnvierteln? Auf der Internetseite der indischen Stadt Bhubaneswar können die Einwohner abstimmen, welche Ideen die Kommunalverwaltung auf dem Weg zur Smart City umsetzen soll. Den Startschuss zum Smart-City-Projekt hatte vor einem Jahr der indische Premierminister Narendra Modi gegeben. Er will 100 indische Städte aufwerten und vernetzen: Sie sollen über eine funktionierende Infrastruktur für Strom, Wasser und Straßenverkehr verfügen; die Stadtverwaltung soll ihre Bürger digital partizipieren lassen; außerdem soll es eine saubere Umwelt, Freizeit- und Bildungsangebote geben.

Die 850.000-Einwohner-Stadt Bhubaneswar zählt zu den ersten 20 Städten, die Anfang des Jahres von der indischen Regierung nach einem Bewerbungsverfahren für das Programm ausgewählt wurden. 13 weitere folgten im Mai, über weitere 27 soll bald entschieden sein.

Finanzierung über PPP

Zur Finanzierung setzt die indische Regierung auf öffentlich-private Partnerschaften (PPP), im Rahmen eines Fünfjahresplans sollen rund 6,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden. Jede designierte Smart City soll von der Zentralregierung mit umgerechnet über 60 Millionen Euro unterstützt werden. Die ersten 20 Städte erhalten bereits Gelder: Umgerechnet sollen laut indischen Medien bisher über 230 Millionen Euro in die Umsetzung von 80 Projekten dort geflossen sein.

Um Indiens Städte mit dem Smart-Citys-Programm lebenswerter zu machen, gibt es viel zu tun. Kritiker bemängeln gar, dass die Pläne unrealistisch seien, da der Entwicklungsstand vieler indischer Städte zu niedrig sei, als dass man sinnvoll darauf aufbauen könne. Die Liste der benötigten Gewerke ist daher lang.

Wie Mittelständler davon profitieren

Entsprechend könne der deutsche Mittelstand an den Umwälzungen in Indiens Städten mitwirken, sagt Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch- Indischen Handelskammer (IGCC). „Der Bauboom in Indien bietet viele Investitionsmöglichkeiten.“ Seiner Meinung nach lohnt sich ein Blick vor allem für Firmen aus der Baubranche sowie aus den Branchen Energie, Mobilität, Abfallwirtschaft sowie Wasserver- und -entsorgung.

Eva Walter hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Projekte in Indien umgesetzt: Dazu zählen ein Anbau am deutschen Konsulat in Kalkutta, der Bau eines Wissenschaftsforums und die Errichtung eines neuen Konsulats in Bangalore. Nun sieht die Architektin von DGI Bauwerk die Smart-Citys-Initiative Modis als Chance, ihre Expertise gemeinsam mit Partnern noch stärker auf dem Subkontinent zu vermarkten. „Deutsche Architekten sind in Indien gefragt, weil sie von der Planung bis zur Realisierung eines Projekts alle Schritte der Stadtplanung und -entwicklung übernehmen können“, sagt Walter. Von Infrastruktur über Mobilität bis hin zu Wasser, Abfall und Energie könne ihr Unternehmensnetzwerk alle Planungsaufgaben abdecken.

Eine Nummer zu groß

Einen Haken hat das ganze: Wie bei vielen öffentlichen Projekten in Indien sind Ausschreibungs- und Vergabeverfahren der Smart-City-Projekte für mittelständische Anbieter aus Deutschland eine Nummer zu groß, kritisiert Architektin Walter. Sie hätten einen zu großen Umfang und passten daher eher zu internationalen Konsortien.

Um trotzdem an den Projekten partizipieren zu können, könnte es sich für deutsche Mittelständler daher lohnen, sich an einen starken Partner aus der Heimat zu hängen, schlägt IGCC-Experte Steinrücke vor, beispielsweise an Siemens. Der Münchner Technologiekonzern hat bereits vor über einem Jahr im Rahmen der Smart-Citys-Initiative ein Investorenkonsortium mit einigen deutschen Unternehmen gegründet. Siemens unterzeichnete damals auch eine Absichtserklärung mit dem indischen Industrieverband CII. „Ich gehe davon aus, dass Siemens auch Interesse an einer Zusammenarbeit mit Mittelständlern im Rahmen des Smart-Citys- Konsortiums hat“, sagt Steinrücke. Zwar wären Mittelständler dann ein Junior-Partner unter vielen. Aber der Zugang zum indischen Markt wäre wohl auch einfacher als alleine.

Zu erwartende Probleme

Ohnehin sollten sich deutsche Unternehmen hüten, allzu forsch und ohne Vorbereitung den indischen Markt zu betreten, warnt Steinrücke. Firmen müssten auf allerlei Schwierigkeiten vorbereitet sein, darunter Verwaltungshürden und häufige Stromausfälle. Architektin Walter berichtet zudem von teils ungenügend ausgebildeten Handwerkern und einer logistisch schwierigen Materialbeschaffung. Hinzu kommt, dass sich indische Auftraggeber die Honorare ausländischer Spezialisten nicht immer leisten können oder wollen. „Es gibt Risiken, die man managen lernen muss“, fasst IGCC-Chef Steinrücke zusammen. Da die Geschäftschancen jedoch beträchtlich sind, lassen sich viele deutsche Unternehmen davon nicht abhalten: Die IGCC arbeitet in Indien mit rund 1.700 deutschen Firmen zusammen, 80 Prozent davon rechnet Steinrücke dem Mittelstand zu.

Doch auch Firmen anderer Herkunft sind schon in Indien präsent und schielen auf die Smart-City-Projekte. „Die Konkurrenz durch andere ausländische Unternehmen ist groß“, berichtet Axel Bernstorff vom Umwelttechnikanbieter Harbauer. Das Unternehmen baut Anlagen zur Reinigung von Wasser, das mit Arsen belastet ist. Sie kommen bereits jetzt in indischen Städten und Dörfern zum Einsatz. Im Jahr 2015 hat das mittelständische Unternehmen 8,5 Millionen Euro umgesetzt, rund 20 Prozent davon mit der Installation solcher Trinkwasseraufbereitungsanlagen.  Er warnt mit Blick auf die Konkurrenz: „Sie bringen über große Konsortien viel mehr Kapital ein als wir und werden durch ihre jeweiligen Heimatstaaten viel stärker gefördert.“

Auch Architektin Walter geht das Engagement der Bundesrepublik in der Smart-Citys- Initiative nicht weit genug. Regierungen anderer Staaten unterstützten mit hohen Summen die indische Entwicklungsarbeit – und stellten dabei die Bedingung, dass ihre Unternehmen verstärkt zum Zuge kommen. Die deutsche Regierung agiere da zurückhaltender.

Chance: Machbarkeitsstudien

Immerhin plant das deutsche Bauministerium, sich mit Machbarkeitsstudien in den drei Smart Citys Bhubaneswar, Kochi und Coimbatore zu engagieren. Dabei werden mögliche Projekte auf ihre Durchführbarkeit hin untersucht. Das Berliner Ministerium will durch die Untersuchung auch deutschen Unternehmen den Weg nach Indien ebnen und es ihnen erleichtern, sich gemeinsam mit indischen Partnern auf Smart-Citys-Pro¬jekte zu bewerben. Interessierte Firmen sollten diese Entwicklungen genau verfolgen – und schnell aktiv werden, wenn sich die Möglichkeit bietet, Aufträge zu erhalten.

Info

Chancen eines Megaprojekts
Was ist in den Smart Citys geplant, wo können deutsche Firmen mitwirken?

100 indische Städte sollen smart werden: Eine Verbesserung der Infrastruktur (Strom, Wasser, Verkehr), von Umweltschutz und Freizeitangeboten soll die Städte lebenswerter machen. Den Startschuss dazu gab vor einem Jahr der indische Premierminister Narendra Modi.

Zur Finanzierung setzt die indische Regierung auf Public Private Partnerships, im Rahmen eines Fünfjahresplans sollen rund 6,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden.

Viele Baustellen werden im Rahmen der Projekte nötig sein. Das kann für Investoren und (Bau-)Dienstleister ein lohnendes Geschäft bedeuten. Viele Branchen sind gefragt: Energie, Mobilität, Abfallwirtschaft sowie Wasserversorgung und -entsorgung.

Stromausfälle, Verwaltungsprobleme, mangelnde Qualifikation: Auf dem Subkontinent läuft nicht alles so, wie Mittelständler es aus Deutschland gewohnt sind. Zudem ist die Konkurrenz internationaler Unternehmen groß.

Quelle: Markt und Mittelstand