Donnerstag, 10.08.2017

Foto: MarkoDzeletovic/Thinkstock/GettyImages

So viele Menschen, so wenig Cash: Die Bargeldreform in Indien macht auch vor den Straßenmärkten nicht Halt.

Zukunftsmärkte
Wie Modi den Binnenmarkt beleben will

Indiens Bargeldreform trägt erste Früchte

Mit einem Banknotenverbot und einer neuen Umsatzsteuer reformiert Indien seine Wirtschaft. Die radikale Bargeldreform wirkt sich auch auf die deutsche Wirtschaft aus. Logistikfirmen können nun schneller und einfacher über den gesamten Subkontinent liefern.

Seitdem der damalige Premierminister Narasimha Rao im Jahr 1991 mit einem ersten Liberalisierungsschub in Industrie und Außenwirtschaft auf die drohende Zahlungsunfähigkeit des Landes reagierte, haben sich indische Regierungen in unzähligen Anläufen an einer Reform des Binnenhandels indem siebtgrößten Land der Erde versucht.

Nun scheinen Premier Narendra Modi mit dem Rückhalt seiner landesweit dominierenden Partei Bharatiya Janata zwei wichtige Schritte zur Belebung des Binnenmarktes zu gelingen: die Formalisierung und Digitalisierung des Zahlungsverkehrs sowie die Vereinfachung und Vereinheitlichung der Besteuerung. Positiver Nebeneffekt: Beide Maßnahmen dürften die Korruption im Land verringern.

Folgen Sie Markt und Mittelstand jetzt auch auf LinkedIn:    


Zahlungsverkehr wird elektronisch

Mit einem Federstrich hatte die indische Regierung am 9. November vergangenen Jahres die Banknoten mit den größten Nennwerten (500 und 1.000 Indische Rupien; das entspricht umgerechnet knapp 7 und 14 Euro) für ungültig erklärt. Sie konnten nur noch auf Bankkonten eingezahlt werden.

Im Gegenzug sollten neue Banknoten ausgegeben werden. Da diese Scheine jedoch nicht sofort verfügbar waren, veränderte sich die Abwicklung der Zahlungsströme radikal: War bis dato der indische Zahlungsverkehr zu 90 Prozent in bar erfolgt, wird er nun zunehmend elektronisch abgewickelt. Etwa 600 Millionen Inder besaßen bis vor kurzem noch kein eigenes Bankkonto. Die Reform zwingt sie also in das Finanzsystem und damit in einen formalen (und besser vom Staat und seinen Aufsichtsbehörden kontrollierbaren) Zahlungsverkehr.

Bargeldreform beschert Metro mehr Kunden

Auch die Verbreitung mobiler Zahlungssysteme auf Smartphones dürfte durch die Umstellung gefördert werden. Wie das de facto funktioniert und dass dies auch in Indien möglich sein sollte, zeigt das Beispiel Afrikas. Hier hat sich das mobile Bezahlen auch bei kleinen Beiträgen und geringem Einkommen schnell entwickelt und nahezu flächendeckend durchgesetzt. Das als Mobile-Payment-Pionier geltende Unternehmen M-Pesa, das seit zehn Jahren in Kenia aktiv ist, hat nach Angaben von Michael Joseph, Direktor für mobile Bezahlsysteme der M-Pesa-Mutter Vodafone, in Indien inzwischen 8,4 Millionen registrierte und 1,8 Millionen aktive Nutzer.

Auch die deutsche Metro konnte von der Bargeldreform profitieren. Arvind Mediratta, CEO von Metro Cash and Carry India, berichtet, dass der traditionelle Großhandel in Indien geradezu kollabiert sei, während sich sein Handelshaus über ein starkes Umsatzwachstum freuen kann. Der Grund für die Marktverwerfung: Die Möglichkeit, bei Metro bargeldlos zu bezahlen, habe viele Kunden veranlasst, ihren auf Bargeld ausgerichteten Lieferanten den Rücken zu kehren, sagt Mediratta.

Neue Umsatzsteuer freut Logistiker

Einen längeren Anlauf als die Bargeldreform nahm die Novelle der indirekten Steuern in Indien. Im März votierte das Zentralparlament in Neu-Delhi für die Einführung der sogenannten Goods and Services Tax (GST). Seitdem nimmt das Vorhaben seinen Weg durch die Bundesstaaten. Unter anderen haben die Provinzen Jharkhand, Telangana, Bihar und Rajasthan das Gesetz bereits beschlossen. Von der Reform der GST sind die Bundesstaaten direkt betroffen: Denn die Neuregelung sieht eine Vereinheitlichung der Umsatzsteuer vor und führt dadurch zur Abschaffung der zwischen den Bundesstaaten unterschiedlichen Besteuerung von Gütern und Dienstleistungen.

Von der Steuerreform profitieren vor allem Logistiker, die nun schneller und mit weniger Bürokratie quer über den gesamten Subkontinent liefern können. Logistikunternehmen wie ITG, APL und Dachser berichteten bereits von deutlichen Erleichterungen,die sie mit der Umstellung der Besteuerung erwarten. Auch Mercedes-Benz setzt bei der Absatzplanung für das zweite Halbjahr 2017 auf die indienweite Einführung der GST. Nach einem einstelligen Wachstum im ersten Halbjahr dürften die Verkaufszahlen in den folgenden sechs Monaten zweistellig zulegen, prognostizierte Indien-Geschäftsführer Roland Folger bereits im April.

Impulse für den Binnenhandel

Doch die Einführung der neuen Steuer ist aufwendig, da zunächst alle Güter und Dienstleistungen von der indischen Verwaltung den neuen Steuersätzen zugeordnet werden müssen. Die entsprechenden Listen müssen dann in den Unternehmen in die vorhandenen Datenverarbeitungs- und Buchhaltungssysteme eingepflegt werden. Insgesamt dürften sich die Umstellungskosten aber langfristig auszahlen.

Denn daran, dass die Reformen nachhaltig positiven Einfluss auf die indische Wirtschaft ausüben werden, hat kaum jemand Zweifel: Experten rechnen damit, dass die einheitlichen Steuersätze den Binnenhandel auf dem indischen Subkontinent nicht nur vereinfachen und beschleunigen, sondern auch merklich anfachen werden. Dadurch dürfte sich die indische Wachstumsrate um einige Prozentpunkte erhöhen. Der Internationale Währungsfonds sieht die indische Wirtschaft im Jahr 2022 bereits unter den fünf führenden Nationalökonomien der Welt – wenn die Reformen des Wirtschaftssystems mit derselben Intensität und Verve weitergehen wie zuletzt.

Info

Der Subkontinent und seine Steuersätze

  • Grundnahrungsmittel wie Reis und Weizen werden nicht besteuert.
  • Der niedrigste Steuersatz von 5 Prozent gilt für Konsumgüter wie Gewürze, Tee und Speiseöl.
  • Die meisten verarbeiteten Produkte und Dienstleistungen werden mit den zwei Standardsätzen von 12 Prozent sowie 18 Prozent belastet.
  • Der höchste Steuersatz von 28 Prozent fällt für Güter wie Luxuswagen, Masalabrot, Tabak und kohlensäurehaltige Getränke an.

Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 7-8/2017. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.