Donnerstag, 28.09.2017

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Bauboom: Der Iran ist auch für deutsche Mittelständler ein attraktiver Markt

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Profit in Persien

Nach den Sanktionen: Deutsche Produkte sind im Iran gefragt

Die Wirtschaft im Iran öffnet sich langsam. Produkte „Made in Germany“ boomen in der Islamischen Republik. Doch wie steht es um die Exportfinanzierung für den deutschen Mittelstand?

Im Iran wird es bald eine neue Attraktion geben: 300 Meter lang und sehr rasant. In einem Vergnügungspark nahe der Hauptstadt Teheran wird eine neue Wasserrutsche errichtet, die längste des Landes. Bis Ende des Jahres soll die Röhre ste­hen. Konstruiert und produziert wird die Rutsche von Wiegand Maelzer. Das Unternehmen aus dem oberbayrischen Starnberg ist Spezialist im Herstellen von Rutschen. Seit fünf Jahren ist Wiegand Maelzer auf dem iranischen Markt aktiv. Zunächst war das Unternehmen über einen lokalen Vertreter präsent. Heute stellt es regelmäßig auf branchenspe­zifischen Messen im Iran aus.

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„Im Iran sind hochwertige deutsche Produkte sehr gefragt“, berichtet Mehdi Juvarli, bei Wiegand Maelzer verantwortlich für das Auslandsgeschäft. Wer ins Reich der Mullahs expandieren wolle, solle vor allem zwei Sachen mitbringen, betont der pro­movierte Sozialwissenschaftler: Geduld und viel Platz im Magen. Denn bei iranischen Geschäftsleuten werden die Deals nicht im Büro, sondern am Esstisch besprochen. Deshalb dauere es auch lange, bis ein Projekt vor dem Abschluss steht, sagt Juvarli.

Unsicherheit bei den Banken

Einen entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes haben vor allem die politischen Rahmenbedingungen. Seitdem die Sanktionen gegen den Iran aufgehoben wurden, haben die meisten Unternehmen und Banken uneingeschränkten Zugang zum iranischen Markt. Doch auch anderthalb Jahre nach dem Ende der Sanktionen gibt es häufig noch Schwierigkeiten bei der Finanzierung von Projekten.

Vor allem bei deutschen Banken herrscht nach wie vor Unsicherheit. Die Commerzbank schloss 2015 mit den US-Behörden einen Vergleich über 1,45 Milliarden US-Dollar, weil sie gegen von Amerika verhängte Sanktionen verstoßen haben soll und dadurch Nachteile auf dem US-Markt fürchtete. Seitdem halten sich deutsche und europäische Banken bei der Zahlungsabwicklung und Finanzierung von Exporten in den Iran stark zurück. Gerade Mittelständler stoßen daher rasch an Grenzen.

Grundsätzlich sind grenzüberschreitende Finanztransaktionen in den oder aus dem Iran aber möglich, betont Reiner Jahn, Vizepräsident der Deutsch-Iranischen Industrie- und Handelskammer. Lediglich auf mehrere Jahre angelegte Projekte im mehrstelligen Millionenbereich seien problematisch, da kaum eine Bank die Finanzierung auf so lange Zeit übernehmen wolle. Iranische Geldhäuser wiederum haben ein sehr großes Interesse am deutschen Markt. Derzeit gibt es in Deutschland drei iranische Banken, die eine Exportfinanzierung anbieten. Weitere iranische Banken wollen hierzulande Filialen eröffnen. Die Genehmigung durch die Bafin dürfte sich vermutlich noch bis Ende des Jahres 2018 hinziehen.

Hoffnungsträger Rohani

Die wirtschaftliche Entwicklung des Iran hängt unmittelbar von der politischen Führung des Landes ab. Im Mai dieses Jahres wurde Hassan Rohani als Präsident wiedergewählt. Für die ökonomische Öffnung des Landes war die Wiederwahl des 68-jährigen Reformpolitikers ein Segen: Zahlreiche iranische Unternehmen hatten vor dem Urnengang die Luft angehalten, dass kein religiöser Hardliner zum Staatsoberhaupt gewählt würde. Mehrere Monate lang tobte ein erbitterter Wahlkampf zwischen Rohani und seinem erzkonservativen Herausforderer Ebrahim Raisi. Die politische Unsicherheit hemmte die Investitionsbereitschaft ausländischer Unternehmen.

Dass sich seit der Amtsbestätigung Rohanis die Stimmung im Land langsam aufhellt, beobachtet man auch bei Wiegand Maelzer. Mehdi Juvarli hofft daher auf weitere Aufträge aus dem Reich der Mullahs. Und auch Reiner Jahn zeigt sich erleichtert: „Wir können alle froh sein, dass die iranischen Präsidentenwahlen so ausgegangen sind.“ Jahn berichtet davon, dass seit Aufhebung der Sanktionen durch das Wiener Abkommen eine regelrechte Euphorie rund um den iranischen Markt ausgebrochen sei. Diese Welle sei zwar inzwischen weitgehend abgeebbt. Doch in Deutschland gebe es keine Branche, die nicht den iranischen Markt für sich erschließen wolle. Vor allem die Petrochemie, die Fahrzeug- und die Pharmaindustrie hätten ein großes Interesse, ihre Produkte in dem Land zu vertreiben.

Warten auf Merkel

Wichtig sei daher, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel durch ein Treffen mit Präsident Rohani bald ein Zeichen setze. Dies werde auch bei Unternehmen für mehr Sicherheit sorgen. Noch hat sich die Bundesregierung zu einem solchen Schritt jedoch nicht durchringen können – mit Rücksicht auf Deutschlands Beziehungen zu Israel.

Doch auch ohne Rückenwind durch die Politik entwickelten sich die deutschen Exporte in den Iran von Januar bis April 2017 positiv. Es wurden Waren im Wert von 878 Millionen Euro exportiert. Dies entspricht einem Anstieg von knapp 29 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die wirtschaftli­che Entwicklung ist jedoch branchenspezifisch sehr unterschiedlich: So stieg die Ausfuhren von Maschinen allein im April um fast 50 Prozent. Klaus Friedrich, Iran-Experte beim Verband Deutscher Maschi­nen- und Anlagenbau (VDMA), betont jedoch, dass diese Zahlen verzerrt seien. Denn im vergange­nen Jahr hätten die Ausfuhren ein Tal der Tränen durchschritten. Ähnlich lässt sich auch der massive Anstieg der Exporte im Bereich von Genussmitteln erklären: Diese nahmen im Februar um 5.700 Pro­zent gegenüber dem Vergleichsmonat 2016 zu, und auch im April lagen sie noch knapp 1.500 Prozent über dem Vorjahreszeitraum.

International zeichnet sich ein unterschiedliches Bild der größten Importländer des Iran. China exportierte im Zeitraum von Januar bis Mai knapp ein Viertel mehr als im Vorjahr. Die Exporte aus der Türkei in den Iran sanken hingegen im selben Zeitraum um nahezu 40 Prozent. Die Probleme der iranischen Volkswirtschaft sind nach wie vor groß. Die Arbeitslosigkeit liegt laut Prognosen bei rund 11 Prozent. Lediglich die Inflationsrate ist seit 2013 von über 34 Prozent auf nur noch rund 9 Prozent im vergangenen Jahr gefallen. Eines ist klar: Hassan Rohani muss in seiner zweiten Amtszeit Ergebnisse liefern, um die Bevölkerung und ausländische Unternehmen von seinem Kurs zu überzeugen. Trotz gewisser Risiken birgt der iranische Markt für den deutschen Mittelstand ein hohes Potential.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 9/2017. Hier können Sie „Markt und Mittelstand“ abonnieren.