Montag, 28.08.2017

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Wer sät, der erntet: Investitionen in die ukrainische Landwirtschaft lohnen sich für deutsche Mittelständler. Der Modernisierungsbedarf in der Kornkammer Europas ist riesig.

Zukunftsmärkte
Handelserleichterungen

Was sich durch das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine ändert

Seit September ist das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine in Kraft. Mittelständler können sich freuen: Viele Zölle fallen. Ricardo Giucci erklärt im Gespräch, warum Firmen aber nichts überstürzen sollten.

Foto: Deutsche Beratergruppe Ukraine

Dr. Ricardo Giucci ist Leiter der Deutschen Beratergruppe Ukraine, die vom Bundeswirtschaftsministerium finanziert wird.

Das Abkommen zur Schaffung einer gemeinsamen Freihandelszone wurde seit dem 1. Januar 2016 vorläufig angewendet. Aber erst jetzt ist es vollständig in Kraft. Was bedeutet dies für deutsche Mittelständler?
Für die alltägliche Arbeit der Unternehmen gibt es kaum einen Unterschied zwischen einer vorläufigen oder einer vollständigen Anwendung. Allerdings fehlte bislang die Ratifizierung durch die Niederlande, was eine gewisse Unsicherheit bedeutet. Diese Unsicherheit ist jetzt weggefallen.

Welche Impulse erwarten Sie für die bilateralen Handelsbeziehungen?
Die Handelsbeziehungen zu Deutschland dürften weiter wachsen. Ob das Potential voll ausgeschöpft werden kann, hängt natürlich davon ab, wie investitionsfreundlich sich die Ukraine präsentiert. Denn neben dem Handel sind auch Investitionen deutscher Unternehmen in den Aufbau einer Produktion vor Ort wichtig. Langfristig gesehen, muss der Ukraine daran gelegen sein, ihre Industrie stärker in die deutsche Industrie einzubetten.

Welche Handelserleichterungen ergeben sich für deutsche Firmen aus dem Abkommen?
Der erste Punkt betrifft die Zölle. Diese werden teilweise sofort, teilweise über viele Jahre hinweg abgeschafft. Der zweite Punkt: Die Ukraine passt ihre Standards und ihre Regularien an die EU-Vorgaben an. Waren aus Deutschland können also ohne größere Kontrollen oder Zertifizierungen dorthin verkauft werden. Dadurch sinken die Kosten für den Handel erheblich. Allerdings schützt die Ukraine einige Zweige ihrer Wirtschaft noch, etwa die Automobilindustrie. Die EU wiederum schützt vor allem die Landwirtschaft, insbesondere über Zollkontingente für sensible Produkte. Die Ukraine kann also eine bestimmte Menge zollfrei in den EU-Markt einführen. Will sie mehr in die EU exportieren, greifen Zölle oder Mindestpreisregelungen.

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Welche Branchen sind für mittelständische Unternehmen besonders vielversprechend?
Die Landwirtschaft, die Nahrungsmittel- und die Automobilzulieferindustrie sowie der IT-Sektor bergen viel Potential. Die Ukraine ist ein großer Exporteur von Mais und Getreide, da gibt es noch viel Spielraum, sowohl für Firmen als auch Investoren. Darüber hinaus besteht ein großer Modernisierungsbedarf bei landwirtschaftlichen Maschinen. Im IT-Sektor gibt es in der Ukraine viele gut ausgebildete Ingenieure und Programmierer. Darüber hinaus punktet der Standort momentan mit einem sehr günstigen Lohnniveau.

Korruption, Krim-Krise, IWF-Milliarden für Kiew – die Negativschlagzeilen dominieren: Wie steht es um den Investitionsschutz für Mittelständler?
In den vergangenen Jahren ist vieles besser geworden. Die Situation hat sich entspannt. Aber: Die Ukraine ist kein einfaches Land. Deutsche Mittelständler sollten Investitionsentscheidungen nicht überstürzen. Zunächst sollten sie mit Handelspartnern vor Ort kooperieren, um zu verstehen, wie der Markt funktioniert. Viele Dinge laufen dort einfach anders. Prozesse in der Verwaltung sind häufig zäh und langwierig. Gesetze und Normen werden oft geändert. Zudem gibt es nach wie vor Einschränkungen im Devisenverkehr.


Der Text gehört zu einem Thema aus der Markt-und-Mittelstand-Ausgabe 9/2017, die am Freitag (1. September) erscheint. Hier können Sie „Markt und Mittelstand“ abonnieren.