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Gießerei-Chef Dirk Howe: Hört endlich auf den Mittelstand!

Auf wen hören die Politiker in Berlin? Auf Wirtschaftsweise, die der deutschen Industrie die Zukunft absprechen? Auf große Konzerne, die anscheinend auch mit den größten bürokratischen Monstern keine Probleme haben? Auf jeden Fall hören sie nicht auf den Mittelstand. Dieser muss sich nun Gehör verschaffen, denn die Situation ist ernst.

Dirk Howe, Geschäftsführer der Siempelkamp Giesserei GmbH, Krefeld

„Das Ende der energieintensiven Produktion in unserem Land wird so oder so kommen.“ Daher müsse man in Kauf nehmen, wenn energieintensive Produktionen und ganze Unternehmen wegen zu hoher Energiepreise aus Deutschland abwandern. Diese Prophezeiung stammt von Veronika Grimm, die als eine der sogenannten „Wirtschaftsweisen“ fungiert. Für eine andere Ökonomin, Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrates, wäre ein Industriestrompreis für mittelständische Produktionsunternehmen nur ein Bremsklotz für einen „dringend notwendigen Strukturwandel“. Man merkt es: Klassische, wertschöpfende Industrie in und für Deutschland ist einigen Staatsökonomen eine unbequemes Element in ihren theoretischen Modellen. Sie wünschen sich, dass Stahl, Eisen und Chemie aus fernen Ländern mit billiger Energie, egal welchen Ursprungs, kommen. Die Konsequenzen bleiben unberücksichtigt! Lange und instabile Lieferketten? CO2-Fußabdruck? Klimaschutz? Technologietransfer für Klimaschutz? Tausende wegfallende Arbeitsplätze? Gesellschaftlicher Zusammenhalt? Keine Energiewende ohne Industriebauteile? Anscheinend alles in diesen Modellen nicht berücksichtigt. Auf Grundlage dieser eindimensional ökonomischen, oftmals zu kurz gesprungenen Argumentation, lehnen diese Experten auch einen Brückenstrompreis ab, mit dem energieintensive Betriebe die aktuell viel zu hohen Energiekosten abfedern und die Transformation zur CO2-neutralen Produktion bewältigen könnten. Die komplexen Zusammenhänge in den Wertschöpfungsketten werden in vereinfachenden Modellen ignoriert. Anstatt die in Berlin verursachte Angebotslücke bei Strom und grüner Energie zu füllen, oder ein episch ausgerufenes Osterpaket der Berliner Ampel zu erneuerbaren Energien unbürokratisch umzusetzen, ist es doch bequemer, den energieintensiven Mittelstand zu vertreiben. Zusätzlich wird die Lage durch handwerkliche Fehler in der Energiepolitik verschärft, in der nun die Unternehmen allein zurückgelassen werden.

Derweil verschleppen die prominenten Politiker das Thema Woche um Woche. Zeit, in denen Unternehmen und am Ende die Verbraucher zigtausende Euro an Mehrkosten für viel zu teure Energie und deren Folgen zahlen. Dabei hatte doch der Bundeskanzler selbst im Wahlkampf einen Industriestrompreis von 4 ct/kWh versprochen. Jetzt will er davon nichts mehr wissen? Finanzminister Christian Lindner, der versprochen hatte, den Mittelstand auf dem Weg durch die Transformation zu unterstützen, möchte den Spitzensteuerausgleich der Stromsteuer streichen und somit für tausende Unternehmen die Steuern leise durch die Hintertür erhöhen? Warum hält sich die Politik in diesen herausfordernden Zeiten nicht an ihre Versprechen? 

Der deutsche Mittelstand ist weiterhin innovativ und Eckpfeiler unserer Wirtschaft, doch seine Potentiale werden von der übermäßigen Bürokratie in Berlin erheblich behindert. Die aktuelle Industrie- und Wirtschaftspolitik fokussiert sich auf Großkonzerne, anstatt mittelständische Unternehmen, die über Generationen hinweg in unserer Wirtschaft tätig waren, zu berücksichtigen und zu konsultieren. 

Dass die exorbitant hohen Strompreise das Ergebnis erheblicher handwerklicher Fehler in der gegenwärtigen Energiepolitik sind, ist nachgewiesen. Es wurden konkrete und pragmatische Vorschläge gemacht, wie das Merit-Order-System im Jahr 2022 und auch der Brückenstrompreis ohne Subventionen umgesetzt werden können – beides mit einer hundertprozentigen Wirkung. Solche Maßnahmen sind entscheidend, um die Ziele der notwendigen Transformation zu erreichen, ohne dabei systemrelevante Unternehmen zu verlieren. Und doch fühlt es sich so an, als gingen unsere Vorschläge in Berlin genauso verloren wie der „Passierschein A38“ im Asterix-Film.

Wir erwarten deshalb, dass der Diskussion endlich Taten folgen; dass man mit uns, den betroffenen Unternehmen, endlich spricht; dass man Interesse an Unternehmertum zeigt, welches nicht jammert, sondern macht, und welches jeden Tag aus ganzem Herzen soziale und persönliche Verantwortung für viele Beschäftigte und deren Familien übernimmt. Wir wollen hier in Deutschland bleiben, unseren Beschäftigten, deren Angehörigen und Kindern sowie der nächsten Generation eine gute Zukunft bieten. Wir wollen so emissionsarm wie möglich unsere dringend benötigten Bauteile produzieren und das hier in Deutschland. Wir wollen uns nicht durch handwerkliche Fehler der Politik vertreiben lassen: Weil wir an dieses Land und dessen Lösungskompetenz glauben!

Ein Blick auf die Entwicklung des Stromverbrauchs in Deutschland zeigt: Die Deindustrialisierung Deutschlands hat bereits begonnen. Die Anteile der Wertschöpfende Industrie am Stromverbrauch in Deutschland sinken kontinuierlich – nicht weil die Effizienz so sehr steigt (tatsächlich wird so viel Strom gebraucht wie noch nie), sondern weil viele produzierende Industrieunternehmen bereits aufgegeben haben oder abgewandert sind. Als Mittelstand müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass sich diese Entwicklung nicht weiter fortsetzt. Denn der einzigartige deutsche Mittelstand mit seinem riesigen Wertschöpfungs- und Beschäftigungspotential ist das Powerhouse für die Weltwirtschaft und den Wohlstand dieses Landes. Ihn einfach gehen zu lassen, würde sich als gravierender Fehler erweisen. Er treibt mit seinen Produkten die Energie- und Mobilitätswende aktiv voran, setzt auf Digitalisierung und Effizienz. Wir wollen keine Almosen, sondern faire und verlässliche Rahmenbedingungen. Dafür haben wir konkrete Vorschläge für transparente und wirtschaftliche Strommodelle und Finanzierungsmöglichkeiten für den Industriestrompreis – ohne Subventionen - gemacht. Diese liegen auf den Tischen der Politiker in Berlin oder den Ländern. Ich frage mich: Warum hört man uns aus Mittelstand dort nicht zu?

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