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Debatte > Verbot von Flourpolymeren

Keine Regulierung mit der Brechstange

Die EU und Umweltschützer wollen die chemische Stoffgruppe PFAS komplett verbieten. Für den Industriestandort Europa ist der Einsatz von Fluorpolymeren jedoch auf absehbare Zeit unverzichtbar.

Die chemische Stoffgruppe PFAS soll Verboten werden, doch was bedeutet das für den Industriestandort Europa? Bildnachweis: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Joshua A. Bickel

Dass gute Absichten nicht vor falschen Entscheidungen schützen, ist eine Binsenweisheit. Oft sind die Dinge komplexer, als dass 100-Prozent-Lösungen technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll wären. Ein aktuelles Beispiel sind die Bestrebungen der Europäischen Union zur Regulierung von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, kurz „PFAS“. Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich eine chemische Stoffgruppe, die in zahlreichen Produkten des täglichen Lebens wie Textilien oder Haushaltsgeräten vorkommt und die für viele industrielle Anwendungen, etwa in der Medizin, in der Luft- und Raumfahrt oder im Automobilbau, unverzichtbar ist.

Die Struktur dieser Substanzen ist sehr vielfältig, daher die große Anwendungsbreite der PFAS. Fluorpolymere sind beispielsweise thermisch und chemisch stabil, sie können extremen Temperaturen, Feuchtigkeit und anderen widrigen Umgebungen standhalten. Die andere Seite der Medaille ist: Einige dieser Stoffe bauen sich über die Zeit nicht ab bzw. können nur mit einem erheblichen thermischen Aufwand zersetzt werden. Einige PFAS wurden bereits reguliert, da sie bedenklich für die menschliche Gesundheit und die Umwelt sein können. 

Derzeit läuft bei der EU ein Verfahren für eine umfassende Regelung aller PFAS durch entsprechende Anpassungen der EU-Chemikalienverordnung (REACH). Auch wenn es Ausnahmeregelungen und mögliche Zugeständnisse für einige Branchen, z.B. das Gesundheitswesen, geben könnte, haben Umweltverbände und andere Organisationen bereits im Vorfeld nach einer 100-Prozent-Lösung gerufen, also nach der vollständigen Einstellung der Produktion und Nutzung der mehr als 10.000 einzelnen Substanzen bis zum Jahr 2030. 

Was so einfach klingt, ist in Wirklichkeit eine Frage von grundlegender Bedeutung für den Industrie- und Innovationsstandort Europa. Denn harte regulatorische Eingriffe führen nicht selten zu Konsequenzen, die nicht immer positiv sind. Sachgerechte Lösungen erhält man nur durch Differenzierung. So ist beispielsweise der Einsatz von Fluorpolymeren, die zu den PFAS zählen, ökologisch unbedenklich. Viele können sicher verwendet werden, wenn die richtigen Maßnahmen zur Kontrolle der Emissionen während der Produktion, der Verwendung und der End-of-Life-Phase getroffen werden. Marktrelevante Fluorpolymere erfüllen die 13 Kriterien, die von der OECD für wenig besorgniserregende Polymere aufgestellt wurden, und gelten daher als sichere Werkstoffe (PLC, Polymer of low concern).

Gerade diese Fluorpolymere sind jedoch für das Funktionieren einer modernen Industriegesellschaft unverzichtbar. Zielkonflikte sind somit nicht zu vermeiden. So kommen die Stoffe in Traktionsbatterien, Brennstoffzellen, Dichtungen oder in der Fahrzeugelektronik zum Einsatz. Die EU beschließt also auf der einen Seite im Rahmen ihres „Green Deals“ eine Verkehrswende mit dem klaren Fokus auf Elektromobilität. Auf der anderen Seite überlegt sie, einen Werkstoff zu verbieten, der für diese Antriebsform unerlässlich ist. So verwundert es nicht, dass etwa der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnt, dass ein pauschales PFAS-Verbot den Einsatz alternativer Antriebe und damit auch das Erreichen der Klimaschutzziele der EU verhindern würde. 

Einen ähnlichen Zielkonflikt gibt es bei Satellitensystemen: Bereits seit den 1960er Jahren sorgt die Verwendung der Fluorwerkstoffe dafür, dass Kabelsysteme in den Erdtrabanten trotz der extremen Belastungen durch Temperatur, Mechanik und Strahlung fehlerfrei funktionieren. Die möglichen Folgen eines fehlerhaften Satellitenbetriebs für die weltweiten Datenaustausch, etwa für die Navigation von Schiffen oder Flugzeugen, liegen auf der Hand.

Beispiel Medizin: Gefäßprothesen unter Verwendung von Fluorpolymeren retten seit Jahrzehnten Menschenleben. Solche Prothesen, dies zeigen zahlreiche Studien, haben weniger Nebenwirkungen beim Patienten und erfordern wegen ihrer Langlebigkeit und Verschleißresistenz weniger Nachsorge als Produkte aus alternativen Stoffen. Wer will ernsthaft verantworten, dass Patienten künftig eine geringere Auswahl für eine optimale Versorgung erwarten können?

Kritiker argumentieren, dass es bei solchen „kritischen Anwendungen“ ausreichende Übergangsfristen geben werde, so dass sich Unternehmen auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen könnten. Doch technologische Innovationen, die den Ersatz von Fluorpolymeren ohne Qualitätsverlust ermöglichen, lassen sich nicht erzwingen. Am ehesten lassen sich alternative Materialien wahrscheinlich für Konsumgüterprodukte finden. Jedoch hat zum Beispiel der US-amerikanische Konzern für Materialwissenschaften W. L. Gore Associates eine mehr als 10-jährige Entwicklungszeit benötigt, um eine wasser- und schmutzabweisende Textilmembran ohne fluorhaltige Materialien zur Marktreife zu bringen. Das einfache Setzen von Fristen ist also eine Wette auf die Zukunft.

Die Folgen einer solchen Regulierung könnten Unterbrechungen der Produktion sein, gerade in Schlüsselbranchen wie Halbleiter, erneuerbare Energien, Mobilität oder Kommunikation. Wer riskiert, dass Produzenten und ihren – nicht selten mittelständischen – Zuliefererbetrieben wichtige Komponenten in ihren Wertschöpfungsketten fehlen, der spielt mit dem Industriestandort Europa. Manche von ihnen mögen aufgrund der Komplexität ihrer Produkte und Systeme noch nicht einmal wissen, dass ihre Lieferkette von Fluorpolymeren abhängt. Die Politik sollte in der Lage sein, diesen Zielkonflikt anzuerkennen und zu maßvollen, weil differenzierenden Regelungen zu kommen, wenn es um das Thema PFAS geht.

Von Michael Hullik, Geschäftsführer, 
W.L. Gore & Associates GmbH
 

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