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Kollege KI – sieht so die Fachkraft von morgen aus?

Beim Thema Künstliche Intelligenz befürchten viele den Wegfall von Arbeitsplätzen. Doch ist die Diskussion darüber nicht zu eng gefasst? Sollte man als Unternehmen – immerhin trifft der Fachkräftemangel gerade den Mittelstand schwer – nicht lieber darüber nachdenken, wie und wo KI-Lösungen helfen können, Mitarbeiter von repetitiven Aufgaben zu entlasten, um so Zeit für wichtigere, sprich strategischere Aufgaben freizuräumen?

Roboter im Büro
Wird Künstliche Intelligenz wirklich Arbeitsplätze nehmen, oder sollten Unternehmen umdenken? Bild: Shutterstock

Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist bekannterweise angespannt: Es fehlen Hunderttausende Fachkräfte, und mit dem Renteneintritt der Babyboomer wird sich die Situation noch einmal verschärfen. Besonders hart betroffen sind laut KOFA (Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie) aktuell das Gesundheits- und Sozialwesen. Aber auch dem Handwerk sowie Betrieben im Ingenieursumfeld, im Maschinen- und Fahrzeugbau, der Elektrotechnik, IT und Softwareentwicklung fällt es schwer, offene Stellen zu besetzen. Ungeahnte Hilfe in dieser angespannten Lage – die unabhängig von Unternehmensgröße und Branche eigentlich die komplette Arbeitswelt hierzulande betrifft – könnte nun Künstliche Intelligenz leisten. Mittels KI lassen sich zeitaufwändige, repetitive Aufgaben automatisieren, mit denen Fachkräfte ansonsten Tag für Tag beschäftigt sind. Auch in komplexeren Aufgabenbereichen – man denke nur an sogenannte Cobots in der Fertigung, also Roboter, die Hand in Hand mit dem Menschen arbeiten – kann KI als Assistenzsystem Prozesse optimieren und gleichzeitig sicherer machen. 

KI – Jobkiller oder Lösung für den leergefegten Arbeitsmarkt? 

Pessimistische Stimmen sehen in den kommenden Jahren den Verlust von Abermillionen Jobs – ChatGPT hat diese Befürchtung in den letzten Monaten noch einmal richtig angefeuert. Erst im Frühjahr 2023 hatte die Großbank Goldman Sachs mit einer Studie für Aufruhr gesorgt, laut der aufgrund des zunehmenden Einflusses von KI auf die Arbeitswelt weltweit rund 300 Millionen Jobs gefährdet sind. Schon zehn Jahre zuvor hatten Forscher der Universität Oxford Alarm geschlagen, dass künftig knapp die Hälfte aller Jobs von Maschinen ersetzt werden könnte. Die aufkommende KI-Revolution in der Arbeitswelt hat aber durchaus ihre Fürsprecher, und gerade in letzter Zeit mehren sich die positiven Einschätzungen.

Großangelegte Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass sich durch Technologien wie ChatGPT Arbeitsprofile zwar grundlegend verändern, aber keineswegs komplett vernichtet werden. So wird laut einer aktuellen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO (International Labour Organization) gerade generative KI einige bisher von Menschen ausgeführte Tätigkeiten automatisieren, was sich durchaus positiv auf die Arbeitsbedingungen auswirken kann. Eine komplette Übernahme von Aufgaben sehen die Studienautoren aber nicht. Zwar wird aus ihrer Sicht bei Bürotätigkeiten etwa ein Viertel der Aufgaben vom Einsatz Künstlicher Intelligenz stark und die Hälfte mittelstark betroffen sein. Ganz anders sieht es hingegen bei Führungskräften und Technikern aus: Hier können ChatGPT und Co. nur einen kleinen Anteil der Aufgaben übernehmen.

Seit das amerikanische Unternehmen OpenAI seinen Textgenerator der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat, ist das Thema Künstliche Intelligenz so präsent wie nie. ChatGPT schreibt komplette Marketing-Beiträge, findet Fehler im Softwarecode oder legt Tabellen in Makros an. Unternehmen liefert das wahrscheinlich prominenteste Beispiel für sogenannte generative KI eine einfache, intuitiv bedienbare Nutzerschnittstelle. Dank dieser können Fachabteilungen ohne spezielles Wissen und aufwendige Integration neue Möglichkeiten ausprobieren. Das Interessante an Textrobotern wie ChatGPT und Bard oder Bildgeneratoren wie Stable Diffusion ist zudem ihre universelle Anwendbarkeit. Selbst in einem kleinen Handwerksbetrieb kann ein KI-basierter Chatbot Teilbereiche der Buchhaltung oder das Schreiben von Angeboten übernehmen. 

Vom Service über die Arztpraxis bis zur Fertigung –Einsatzmöglichkeiten gibt es überall

Das mögliche Einsatzspektrum von KI ist breit gefächert. Nicht ganz so kluge Chatbots sind bereits seit Jahren in der Kundenkommunikation mehr oder weniger erfolgreich im Einsatz. Mit Intelligent Automation (IA) steht jedoch bereits die nächste Technologiestufe vor der Tür. Reklamationen beispielsweise, die im Dienstleistungssektor zum Alltag gehören, lassen sich mittels IA spürbar einfacher abwickeln. Im Idealfall wird eine Beschwerde schon vorab prognostiziert und automatisch eine Sales-Aktion eingeleitet – etwa ein Rabatt vorgeschlagen, um verärgerte Kunden zu beruhigen.

KI ist aber auch der perfekte Helfer in Arztpraxen, kann sie doch das medizinische Fachpersonal in seinem stressigen Arbeitsalltag spürbar entlasten. Brauchen Patienten ein Rezept oder müssen in die Behandlungsräume geführt werden, während gleichzeitig das Telefon klingelt, kann ein smarter Telefon-Assistent die Lösung sein. Er nimmt Anrufe entgegen, vergibt Termine oder notiert sich Rezeptbestellungen. Das Praxisteam kann diese dann später abarbeiten und sich bis dahin auf die Versorgung der Patienten sowie fachspezifische Aufgaben konzentrieren. Und nicht nur das: Heute lassen Pharmakonzerne bereits Impfstoffe von Algorithmen entwickeln. Mediziner wiederum ziehen bei der Diagnose von Krebserkrankungen eine KI-gestützte Vorauswahl der verschiedenen bildgebenden Verfahren heran.

Eine Branche, die zu den Vorreitern beim Einsatz von KI-Technologien zählt, ist die Fertigung. Ein klassisches Einsatzszenario von Künstlicher Intelligenz in Kombination mit Edge Computing und dem jüngsten Mobilfunkstandard 5G ist das Monitoring kritischer Bereiche. Damit lassen sich schon heute Unregelmäßigkeiten auf dem Fertigungsband, die für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar sind, erkennen. Innerhalb von Millisekunden greift ein Roboter-Arm zu und mustert das defekte Teil aus. In modernen Produktionsanlagen leiten längst alle Systeme, von der Fräsmaschine über den Fließbandroboter bis hin zum vollautomatisierten Lager, Informationen in Echtzeit weiter und ermöglichen so eine ständige Momentaufnahme des aktuellen Zustands einzelner Fertigungsstraßen oder kompletter Fabriken. 

Wer übernimmt eigentlich die Umsetzung?

Ob nun intelligentes Beschwerdemanagement oder vorausschauende Wartung – die Anwendungsbereiche von KI erstrecken sich über nahezu alle Wirtschaftszweige und Geschäftsbereiche. Laut der jüngsten Digitalisierungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) nutzen branchenübergreifend immerhin rund 14 Prozent der mehr als 1.000 befragten Unternehmen bereits KI. Weitere 23 Prozent planen die Einführung innerhalb der kommenden drei Jahre. Ähnliche Zahlen liefert der Branchenverband Bitkom: Demnach ist der Anteil der Firmen, die KI einsetzen, innerhalb eines Jahres von neun auf 15 Prozent gestiegen. Zwei Drittel von ihnen sehen KI als wichtigste Zukunftstechnologie. Zwar lassen sich inzwischen für so gut wie alle Branchen Beispiele finden, wie KI Fach- und Arbeitskräfte entlasten soll – irgendwer muss die Technik jedoch entwickeln, installieren und überwachen. 

Dieser Umstand stellt gerade mittelständische Betriebe vor eine enorme Herausforderung. Die wenigsten verfügen über die notwendigen Ressourcen, um KI-Projekte in Eigenregie durchzuführen – vor allem vor dem Hintergrund, dass entsprechende Fachkräfte nur schwer zu bekommen sind. Sinnvoll ist daher die Unterstützung durch einen externen Partner, was von der Beratung rund um die passende KI-Lösung bis hin zu einem Managed-Service-Modell reichen kann. Ein solcher Partner verfügt zudem über die Expertise und die Ressourcen, um geschäftskritische Informationen am Netzwerkrand gegen Hackerangriffe zu schützen. Gerade dort ist Schutz wichtig, denn in der Regel ist die Edge nie so gut abgesichert wie der zentrale Rechenzentrumsbetrieb. 

Natürlich ist Künstliche Intelligenz – Stand heute – keineswegs die Lösung für alle Probleme: Weder schließen Pflege-Roboter die eklatante Personallücke in der medizinischen Versorgung, noch ändert Digitalisierung etwas an den schlechten Rahmenbedingungen etwa bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte. Die Technologie hilft aber, Aufgaben interessanter zu machen, weil gerade die sich wiederholenden Jobs automatisiert werden. So haben Mitarbeiter Zeit für wichtigere Aufgaben, wovon wiederum jedes Unternehmen profitiert.

Ingo Gehrke ist Senior Director & General Manager Medium Business Germany, Dell Technologies 

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