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Nachfolgelücke - nur darüber reden, wird nicht reichen

Eines von vier deutschen Unternehmen könnte in den kommenden Jahren aus einem einzigen Grund schließen: Die Nachfolger fehlen.

Nikolaus Lange: Ein Stratege gegen die drohende Welle von Firmenschließungen. © realkapital Mittelstand, Kruszewski

Das an sich ist betrüblich. Es einfach so hinzunehmen aber der wahre Skandal, meint Nikolaus Lange, persönlich haftender Gesellschafter von Realkapital Mittelstand aus Braunschweig.

Heizungsunternehmen, Tischlereien, die traditionsreiche Bäckerei um die Ecke, das Obst- und Gemüsegeschäft in der Ortsmitte oder das Fahrradgeschäft mit 50 Jahren Tradition auf dem Sattel: Sie alle könnten, beispielhaft, in den kommenden Jahren vom Markt verschwinden. Und das nicht primär, weil die Energiepreise durch die Decke gehen, die Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend die Innenstädte meiden oder die bürokratischen Lasten das Unternehmertum belasten. Nein, der Hauptgrund für das wahrscheinliche Aus vieler Firmen in den kommenden Jahren ist ein bekanntes demografisches Problem: Es gibt immer weniger potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger. Auch in Unternehmerfamilien gibt es weniger Nachwuchs. Und wenn, dann ist dieser – anders als etwa bei den Grupps hinter Trigema – längst nicht immer mehr willens, in Vaters oder Mutters Fußspuren zu treten.

KfW warnt vor massivem Unternehmens-Tod
 

Deutschland hat ein manifestes Nachfolgeproblem.  Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte die nicht zur Hysterie neigende staatliche Förderbank KfW eine Umfrage mit dramatischem Inhalt: Tausende mittelständische Unternehmen stehen danach in der nahen Zukunft vor dem Aus. Bis zum Jahresende 2026 suchen laut KfW rund 560.000 der insgesamt etwa 3,8 Millionen mittelständischen Unternehmen hierzulande eine Nachfolge. Etwa 190.000 von ihnen scheinen resigniert zu haben und planen, ohne eine Nachfolgeregelung aus dem Markt auszuscheiden.

Von sich häufenden ungewollten Stilllegungen sprach die KfW und prognostiziert, dass es voraussichtlich jeden vierten Nachfolgewunsch kalt erwischen wird. Weil die traditionellen Nachfolgerinnen und Nachfolger aus den Familien nicht mehr möchten – oder es sie gar nicht mehr gibt. Und weil Nachfolger von außen (Management-Buy-in) oder aus dem eigenen Unternehmen (Management-Buy-out) zögern oder ihnen das nötige Eigenkapital für den Einstieg oder die Übernahme fehlt.

Reaktion der Politik? Bedenklich still. Klar, das „Nachfolge-Thema“ darf, wie „Energiekosten“ oder „Bürokratieabbau“ in keiner Sonntagsrede auf einem Industriekongress oder der Versammlung der örtlichen Industrie- und Handelskammer fehlen. Doch das Problem ist seit Jahren bekannt – und bislang hat sich zu wenig getan.

Unternehmer in spe werden abgeschreckt statt motiviert
 

Im Gegenteil: Durch zahlreiche Markteingriffe, einen überbordenden Bürokratismus und eine generell sinkende Risikobereitschaft in Deutschland wurden die immer wenigeren übernahmewilligen Nachfolgerinnen und Nachfolger eher abgeschreckt, denn in ihrem Handeln ermuntert. Dabei geht es nicht darum, dass sich Unternehmerinnen und Unternehmer in spe ihre Lebensträume verwirklichen. Es geht um den Erhalt von Unternehmen und damit den von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen in Industrie und Handwerk hierzulande.
 
Geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger gerade von außerhalb der Unternehmerfamilie zu finden, ist ein zunehmend schwierigeres, aber immer wichtiger werdendes Unterfangen. Aber auch hier gilt: Wer sucht, der findet. Es ist nicht so, dass es keine willigen Nachfolgerinnen und Nachfolger mehr gäbe. Sie müssen nur auf smarte Weise mit den suchenden Firmen zusammengebracht werden. Dabei sind viel Fingerspitzengefühl und Menschenkunde vonnöten – schließlich geht es nicht nur um Kaufpreise, Marktanteile oder Margen, sondern in erster Linie um unternehmerische Lebensleistungen und damit verbundene Arbeitsplätze. 

Im Fernsehen feiern gerade zur besinnlichen Weihnachtszeit die Kuppelshows und Pärchenfilme Hochkonjunktur. Diesen Geist des Zusammenbringens benötigen wir jetzt auch verstärkt mit Blick auf die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts. Wir brauchen einen neuen Unternehmergeist, eine neue Generation von Unternehmern, neben mehr Gründerinnen und Gründern eben auch mehr Nachfolgerinnen und Nachfolger.  Engagierten Talenten den Weg zum Unternehmertum zu ebnen, Arbeitsplätze und solide Firmen und Geschäftsmodelle zu erhalten – das wäre doch mal ein schöner Vorsatz für das neue Wirtschaftsjahr. Denn die Prognosen von KfW und Co. sind zwar düster – aber eben auch nicht in Stein gemeißelt.

Über den Autor:
Dipl.-Ing. Nikolaus Lange ist persönlich haftender Gesellschafter der realkapital Mittelstand KGaA. Nach seinem Elektrotechnikstudium arbeitete Lange viele Jahre in der Halbleiterbranche (zuletzt Engineering Director bei Intel). Nikolaus Lange verfügt über große Erfahrung in der Steuerung von Geschäftseinheiten sowie der Umsetzung von nachhaltigen Veränderungsprozessen. Er verfügt über ein großes regionales und internationales Netzwerk.