Montag, 15.12.2014

Bildquelle: Kzenon / Thinkstock / Getty Images

Gerade in China gibt es zusätzlich zu den reinen Materialkosten oftmals Überraschungen. Dazu zählen unteschiedliche Mehrwertsteuer-Rückerstattungen oder zusätzliche Tests

 

Einkauf
Total Cost of Ownership verändert Entscheidungen

Alle Kosten im Einkauf einbeziehen

Kostentreiber im Einkauf sind nicht die Materialkosten. Plötzliche Zertifizierungen, höhere Kosten in der Abfertigung, teure Lieferantenwechsel: Der Total-Cost-of-Ownership-Ansatz berechnet solche Aufwände vor dem Einkauf.

Die Betrachtung aller Kostenelemente verändert Entscheidungen im Einkauf. Folgekosten schlagen zu Buche und können Einsparungen beim Materialpreis zunichte machen. China ist ein Kandidat für solche langfristigen Kostensteigerungen bei zunächst günstigen Produkten. „Nicht alle Materialien sind dort wirtschaftlich beschaffbar“, sagte Jens Kuschke, Einkaufsleiter bei Brückner Maschinenbau, kürzlich auf dem BME-Forum TCO im Einkauf in Frankfurt am Main. Was bei dem Maschinenbauer die Beschaffungskosten im Einkauf in China nach oben treibt, sind aufwändige Importvorschriften, die plötzlich beachtet werden müssen. „Auf einmal verlangen die Behörden einen CEEL-Test“, führt Kuschke aus.

Solche Folgekosten können bereits bei der Entwicklung berücksichtigt werden. Es ist durchaus möglich, Güter so zu designen, dass bestimmte Vorschriften oder Kostentreiber nicht greifen. Dies bedingt die Kooperation von Einkauf und Entwicklung in der Frühphase, um die Gesamtkosten, die vor, während und nach dem Besitz eines Gutes anfallen, zu minimieren. Allerdings geschieht das nicht von selber. „Wir müssen die Initiative ergreifen und nicht warten, bis die Entwickler zu uns kommen“, schildert Maria Granero, Head of Satellite Populsion Procurement Bids & Programs bei Airbus Defence and Space, ihre Herangehensweise. Damit, also mit einem Design, dass die Folgekosten möglichst gering hält, ließen sich 9 Prozent Kosteneinsparungen generieren.

Bei Opel gelang es, im Zuge einer ganzheitlichen Kostenbetrachtung Einsparungen im zweistelligen Prozentbereich zu generieren. Während der Entwicklung kooperierten Einkäufer und Ingenieure, wodurch es zu Einsparungen durch Produktivitätsverbesserungen im zweistelligen Prozent-Bereich kam. Für Airbus Defense and Space ist die frühe Kooperation und exakte Kalkulation im Vorfeld zwingend. Ein Lieferantenwechsel kostet durch die aufwändigen Prozesse bei der Entwicklung eines Lieferanten in der Luft- und Raumfahrt rund 1 Million Euro. Die Lebenszyklen der eingekauften Komponenten verschärfen das Problem. Sie liegen zwischen 25 und 30 Jahren.

Starke Kostensteigerungen in China

Auch das Verständnis für die verschiedenen Kostenfaktoren wächst durch den Total-Cost-of-Ownership-Ansatz. „Mittlerweile sind wir schlauer, was wir reinrechnen müssen“, erklärt Einkaufsleiter Kuschke. „Wir wissen, wie Kostensteigerungen entstehen.“ Zum Beispiel durch die unterschiedliche Eingruppierung der Waren bei der Mehrwertsteuer-Rückerstattung in China. Im Vorfeld kalkulierte Rückerstattungen haben sich in der Praxis häufig als hinfällig erwiesen. Regionale Zollbehörden klassifizieren gleiche  Waren in unterschiedliche Warengruppen. Diese unterscheiden sich jedoch in der Höhe der Mehrwertsteuer-Rückerstattung. „Es gibt in China keine oberste Zollbehörde, die Waren eindeutig für eine bestimmte Warengruppe bestimmt.“ Dieses Risiko bezieht der TCO-Ansatz mit ein.

Der Maschinenbauer stellt Anlagen für Folienerzeugung her. Da er keine eigene Fertigung unterhält, ist der Einkauf eine strategische Säule im Unternehmen. Schwerpunkte im Sourcing sind neben Deutschland Mittel- und Osteuropa, China und die USA.  Kuschke kalkuliert heute mit Kostensteigerungen in China bis 2022 im Umfang zwischen 35 und 90 Prozent, in Mittel- und Osteuropa dagegen maximal mit 50 Prozent. Mit diesem Kostenkorsett kann er die realen Beschaffungskosten besser einschätzen.

Risiken reinrechnen – auch wenn das schwierig ist

Besonders heikel ist bei diesen Kalkulationen die Risikoberechnung. Professor Elmar Bräkling von der Hochschule Koblenz sprach auf der Fachtagung von „erheblichen Unschärfen“. In einem Beispiel zeigte er die Clustering verschiedener Risikofaktoren wie Qualitätskosten, Lieferausfallkosten, Flexibilitätskosten und Volatilitäten im Vergleich mehrere Beschaffungsregionen auf. Die Bewertung anhand der Einschätzungen „hoch“, „mittel“ und „niedrig“ mündete in einen Zuschlagsfaktor als Prozentwert. Im diskutierten Beispielfall variierte der Wert zwischen 2 Prozent bei lokalem Einkauf und 7 Prozent bei einem Einkauf in Asien.

Auch wenn die Transparenz der Kostenkalkulation durch den Total-Cost-Of-Ownership-Ansatz erheblich steigt, ist dies in der Praxis nicht einfach umzusetzen. Die Reaktion auf Preisverhandlungen mit den Lieferanten vor dem Hintergrund solcher Modelle sei nicht immer positiv, berichten Einkäufer. Manches Unternehmen greift dann in die Trickkiste. Bei TRW Automotive stellt der Einkauf den Lieferanten ein größeres Bestellvolumen in  Aussicht, um sie zur Kooperation zu motivieren.

Info

Total Cost of Ownership: Wie der Ansatz funktioniert

Bei der Betrachtung der Gesamtkosten (Total Cost of Ownership, TCO) fließen alle Kosten, die vor, während und nach dem Besitz eines Gutes anfallen, in die Kalkulation ein. Die Kosten-Dokumentation enthält alle über den Lebenszyklus anfallenden Kosten. Daten werden erhoben zu den Anschaffungskosten, Kosten von Qualitätsproblemen, Nutzungs- und Entsorgungskosten.

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