Dienstag, 22.09.2015

Das neue C-Klasse Coupé auf der IAA 2015: Bei der Produktion in Südafrika und China ist die Lokalisierung weiter vorangetrieben worden.

Bildquelle: Mercedes-Benz Cars

Einkauf
Einkauf in der Automobilbranche

Automobilbranche: Lokaler Einkauf im Ausland legt zu

Immer stärker bindet Mercedes-Benz Cars Lieferanten auf Auslandsmärkten ein. Dadurch ergeben sich für Mittelständler interessante Chancen, sagt Einkaufschef Klaus Zehender im ersten Teil des Interviews mit Markt und Mittelstand.

Zwischen Lieferanten und Automobilherstellern gibt es ein enges Verhältnis. Das wird durch die zunehmende Lokalisierung auf den ausländischen Märkten auf die Probe gestellt. Eine Reihe von Lieferanten sei mit nach China gegangen, sagt Dr. Klaus Zehender, Einkaufsleiter für Mercedes-Benz Cars, im Interview mit Markt und Mittelstand. Sie würden mittlerweile auch lokale chinesische Marken beliefern.


Automobilhersteller und Zulieferer stehen in einer engen Beziehung zueinander. Wie stellt sich die Beziehung von Mercedes-Benz zu seinen Lieferanten aus der Sicht des Einkaufsvorstands dar?
Unsere weltweit rund 1.500 Zulieferer sind Partner und Generatoren in drei wesentlichen Dimensionen: Erstens sind sie unsere Partner für Innovationsthemen. Aktuell prominente Beispiele sind hier etwa Elektro- und Hybridfahrzeuge, Konnektivität sowie autonomes Fahren. Auf diesen Gebieten suchen wir gezielt die besten Ideen aus der Lieferantenlandschaft. Zweitens unterstützen unsere Lieferanten natürlich unsere Spitzenqualität. Nahezu zwei Drittel der Wertschöpfung kommt von unseren Zulieferern. Deswegen sichern wir mit unseren Partnern in einem ausgeprägten Prozess diese Spitzenqualität ab. Drittens fordern wir von unseren Lieferanten die partnerschaftliche Zusammenarbeit an Ideen ein: Da geht es beispielsweise darum, wie durch intelligente technische Optimierung weitere Effizienzen bei Bauteilen generiert werden können.

Sie führen das im Ausland fort. Die lokale Wertschöpfung soll ausgebaut werden. Wie viele Zulieferer haben zwischenzeitlich eigene Produktionen um die Auslandsstandorte aufgebaut?
Es gibt eine ganze Reihe von etablierten Lieferanten, die in ihrem eigenen unternehmerischen Interesse die Chancen nutzen, gemeinsam mit uns zu wachsen und ihren globalen Footprint auszubauen. Mehr Lokalisierung bedeutet gleichzeitig, dass wir auch ganz neue, originär lokale Partner auf Lieferantenseite hinzugewinnen, etwa in China. Unsere neue C-Klasse ist für beides ein Paradebeispiel, wir produzieren sie seit dem vergangenen Jahr 2014 erstmals in vier Werken auf vier Kontinenten - Bremen in Europa, East London in Südafrika, Peking in China und Tuscaloosa in den USA. Für jeden dieser Standorte haben wir als Einkauf ein maßgeschneidertes Lieferantenset an den Start gebracht.

In welcher Tiefe lokalisieren Sie?
Die Lokalisierung bei der neuen C-Klasse haben wir in Südafrika und China, wo wir schon das Vorgängermodell produziert haben, weiter erhöht. In den USA haben wir aus dem Stand einen hohen Wert erreicht. Insgesamt liegen wir bei rund 60 Prozent Lokalisierung. Das gilt sowohl für die Breite, den Anteil lokaler Tier-1 Lieferanten, als auch für die Tiefe, den Anteil auf den nachgelagerten Stufen der Lieferkette. Daraus ergibt sich ein gesamter Lokalisierungseffekt – Breite mal Tiefe – von rund 36 Prozent. In der nächsten Fahrzeuggeneration, die wir gerade vergeben – die Nachfolger unserer erfolgreichen aktuellen Kompaktfahrzeuge – wollen wir bei Breite und Tiefe auf über 80 Prozent kommen und damit den Gesamteffekt noch stärker auf 64 Prozent steigern.

Einkauf in der Automobilbranche: Jede Vergabe ist anders gelagert

Klaus Zehender, Einkaufsleiter bei Mercedes-Benz Cars, hat in China auch originär chinesische Lieferanten hinzugewonnen.

Bildquelle: Mercedes-Benz Cars

Ihre mittelständischen Zulieferer gehen mit an die Produktionsorte im Ausland?
Das kommt auf den Einzelfall an - wir unterscheiden drei Konstellationen: Als „global source“ bezeichnen wir einen Lieferanten, der zentral von einem einzigen Produktionsstandort aus mehrere Werke beliefert. So beziehen wir unsere aktuellen Fahrberechtigungssysteme auf elektronischer Basis ausschließlich von einem Lieferanten in Baden-Württemberg, sehr bewusst als Standard für höchste Diebstahlsicherheit. Die zweite Gruppe „follow source“ umfasst solche Lieferanten, die alle Werke dezentral von jeweils eigenen Standorten beliefern – zum Beispiel mit Abgasanlagen. Die dritte Gruppe „localsource“ bilden schließlich lokale Lieferanten, die typischerweise in ihrer Heimatregion sehr stark sind, aber den Schritt in andere Regionen noch nicht vollzogen haben. Ganz sicher ergeben sich durch unser Vorantreiben der Lokalisierung weitere interessante Chancen auf der zweiten bis vierten Stufe der Lieferkette, auf denen traditionell viele Mittelständler unterwegs sind.  

Wenn die Zulieferer im Zuge der Lokalisierung eigene Werke um Mercedes-Benz herum aufbauen, gelingt es ihnen, darüber hinaus auch eigene Kunden zu gewinnen?
Wir haben bei Mercedes-Benz anerkanntermaßen die höchsten Qualitätsanforderungen in der Automobilindustrie. Wenn also ein Lieferant mit uns eine Partnerschaft eingeht und für uns fertigt, ist das für ihn ein Prädikatsstempel. So ist beispielsweise eine Reihe von Lieferanten erstmals mit uns in den chinesischen Wachstumsmarkt gegangen und beliefert mittlerweile auch lokale chinesische Marken.

Mercedes-Benz fertigt noch an weiteren Standorten. Ist diese Art der Zusammenarbeit auf China beschränkt?
Keineswegs. Ein weiteres Beispiel aus Nordamerika: Aufgrund unserer Einkaufskooperation mit BMW haben Lieferanten etwa die Möglichkeit, ähnliche Anforderungen gebündelt zu lokalisieren, indem sie sich logistisch günstig zwischen unserem Mercedes-Benz Werk in Tuscaloosa/Alabama und dem BMW-Standort in Spartanburg/South Carolina ansiedeln.

Einkauf in der Automobilbranche: Dreiklang von Kosten

Wie groß ist der Druck, den Mercedes-Benz auf die Zulieferer ausübt, wenn diese keine ausländische Fertigung aufbauen wollen. Mussten Sie sich in diesem Zusammenhang schon von Zulieferern trennen?
Der Vergabeprozess von Aufträgen läuft nach transparenten Kriterien ab. Zunächst ermitteln wir, welche Lieferanten die technologischen Standards erfüllen können und wie es um ihre Innovationsfähigkeit bestellt ist. In einem zweiten Schritt gilt es zu klären, ob der Lieferant Fertigungsstandorte hat, die die erforderliche Qualität auch unter Serienbedingungen darstellen können. Und schließlich geht es um die Wirtschaftlichkeit im Dreiklang von Stückkosten, Werkzeugkosten und Logistikkosten.

Aber man trennt sich schon auch, wenn die Lieferanten nicht mitgehen?
Wir machen Ausschreibungen. Unsere Lieferanten sind eingeladen, sich darauf zu bewerben. Dazu gibt es selbstverständlich Lastenhefte, die an die gesamte Lieferantenlandschaft herausgeschickt werden. Alle eingehenden Bewerbungen - also die vollständigen Angebote mit Teilepreisen, Logistikkosten, Werkzeugkosten und Lieferanten-Entwicklungskosten - bilden dann die Gruppe von Lieferanten, die wir für unsere Vergabeentscheidung berücksichtigen. Dabei gelten wie zuvor dargestellt, immer die Prämissen Technologie- und Innovationsfähigkeit, Qualität und Partnerschaft.

Welche Kriterien sprechen dafür, aus dem hiesigen Raum zu beschaffen?
Wir vergleichen in diesem Prozess ganz genau: Ist es beispielsweise wirtschaftlicher, ein Teil zentral etwa in Europa fertigen zu lassen oder es in der Nähe unserer Werke zu lokalisieren? Natürlich erzeugt ein globaler Bezug Logistikkosten, spart auf der anderen Seite jedoch Werkzeugkosten. Das ist bei jeder Vergabe anders gelagert und daher stets eine komplexe Einzelfallentscheidung. Unsere Lieferanten decken von der globalen Belieferung aus Deutschland heraus bis zur konsequenten Lokalisierung an mehreren Standorten weltweit die gesamte Bandbreite ab.

Info

Einkauf in der Automobilbranche

Im zweiten Teil des Interviews "Einsparungen im Einkauf durch Innovationen bei Mercedes-Benz" thematisiert Klaus Zehender die Entwicklung von Innovationen bei den Zulieferern.