Mittwoch, 30.07.2014
In der Automobilbranche ist die Zusammenarbeit zwischen OEMs und Automobilzulieferern eng getaktet.

Bildquelle: BMW

In der Automobilbranche ist die Zusammenarbeit zwischen OEMs und Automobilzulieferern eng getaktet.

Einkauf
Einkaufsleiter im Interview

Automobilzulieferer folgen OEMs

China bleibt ein hochinteressanter Markt für Automobilzulieferer. Durch die hohen Investitionen der OEMs in asiatische Produktionsstätten müssen sich auch hiesige Automobilzulieferer stärker Richtung Asien orientieren. „Die Musik spielt in Asien“, sagt Anvis-Einkaufsleiter Wolfgang Jost im Interview.

Automobilzulieferer in den Fußstapfen der OEMs: In Rumänien hat die Anvis-Gruppe im Industrie Park Süd in Satu Mare Anfang Juli ihr Werk ausgeweitet. Durch einen Neubau erweitert sich die Produktionsfläche von 4.200 auf 8.100 Quadratmetern.  Damit folgt der Automobilzulieferer seinen Kunden wie Renault, VW, Audi, Porsche und Daimler. Die OEMs bauen in Osteuropa, aber auch in Asien, verstärkt ihre Produktionskapazitäten aus. In China sind in den nächsten vier Jahren 32 neue Produktionsstätten geplant. Anvis antwortet auf diese Herausforderungen mit einer eigenen Wachstumsstrategie.

 Seit der Übernahme durch Tokai Rubber Industries (ab 1. Oktober 2014 Sumitomo Riko) wird massiv investiert. Auch neben dem Headquarter im hessischen Steinau an der Straße arbeiten sich Bagger auf der anderen Straßenseite durch das Erdreich. Hier entsteht ein neues, modernes Verwaltungsgebäude.  Bis zum nächsten Sommer sitzen Einkaufsleiter Wolfgang Jost und Russland-Manager Guido Stanovsky allerdings noch im Baucontainer. Hier skizzierten sie im Interview mit Markt und Mittelstand, wie sie pro-aktiv die Wachstumsstrategie der OEMs begleiten.

Anvis-Einkaufsleiter Wolfgang Jost

Anvis-Einkaufsleiter Wolfgang Jost hat gute Erfahrungen mit chinesischen Einkäufern gemacht.

Der weltweite Ausbau von Produktionsstätten der OEMs geht an den Automobilzulieferern nicht vorbei. Was bedeutet dieser Trend für die Anvis-Gruppe?
Wolfgang Jost: Wir müssen da sein, wo der Kunde ist. Beispiel China: Um den Einkauf in dieser Region zu managen, arbeiten wir in der Zentrale in Steinau mit chinesischen Einkäufern. Das macht den persönlichen Kontaktaufbau mit unseren dortigen Lieferanten sehr viel einfacher und stellt eine Verbindung zu unseren Einkaufsprozessen her. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht und verstärken uns hier personell weiter.

Sie beziehen bereits Stanzteile, Alu-Druckgussteile, Rohre und Kunststoffteile aus China. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?
Jost:
Unser chinesisches Werk kauft vor Ort ein, und unsere europäischen Werke beziehen auch aus China. Wir setzen in China nicht auf Single Sourcing, d.h. wir haben fast  immer unsere Back-up-Lieferanten zur Hand. Diese befinden sich meist in Osteuropa.

Wie flexibel reagieren Ihre Zulieferer auf Mengenänderungen?
Jost: Sehr flexibel, da werden problemlos die Produktionen auf drei Schichten und sieben Tage hochgefahren, wenn der Bedarf da ist.

Viele chinesische Lieferanten erfüllen die Standards nicht

Russland-Manager Guido Stanovsky

In Russland kooperiert Russland-Manager Guido Stanovsky mit anderen OEM-Lieferanten.

Der Beschaffungsmarkt China wird aufgrund der hohen Lohnanstiege und Fluktuationsrate unter Einkäufern oft kritisch gesehen. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Einkauf in China?
Jost: Wir arbeiten nach dem Total Cost Prinzip, so dass neben dem Teilepreis auch die Amortisationskosten, Zölle und Logistik in die Kalkulation einfließen.  Die chinesischen Lieferanten bieten sehr gute Preise an. Man muss wissen, dass die Musik in Asien spielt. Für die Produkte, die wir brauchen, wird es hier schwierig. Allerdings erfüllen viele chinesischen Lieferanten die Standards nicht. Lieferanten, bei denen wir Potenzial sehen, werden allerdings  von uns mit Know-how unterstützt.

Auf welche Probleme sind Sie gestoßen?
Jost: Bisher hatten wir keine massiven Probleme in China, allerdings schauen wir seit einigen Jahren verstärkt auf die Ratings der Zulieferer. Eine große Ratingagentur bewertet die durchschnittliche Ausfallwahrscheinlichkeit der Lieferanten in China mit 1,9 Prozent, in Deutschland dagegen liegt diese bei ca. 3,5 Prozent. Was auffällt, ist, wie massiv in China in den Zuliefererbetrieben investiert wird. Das wird von staatlicher Seite initiiert und finanziert.

Wenn ein OEM ein neues Werk plant, werden die Zulieferer angefragt, ob sie mitgehen würden. Wie halten Sie es mit diesen Anfragen?
Jost:
Zunächst einmal sind wir mit der Anvis Gruppe in allen Regionen der Automobilindustrie vertreten. Wir haben also meist ein Werk in der Region, dass auch eine lokale Zulieferstruktur besitzt. Der Kunde bekommt daher ein Angebot, das nicht nur der angefragten technischen Spezifikation entspricht, sondern auch regional wettbewerbsfähig ist.  Bei der Lieferantenauswahl für ein Projekt versuchen wir zwar durch die Auswahl lokaler Zulieferer Logistikkosten und Währungsrisiken zu reduzieren. Am Ende entscheidet aber immer das Total-Cost-Prinzip.
Stanovsky: Indien entwickelt sich auch zu einem interessanten Markt in der Automobilbranche. Da hilft uns TRI, da sie dort ein Produktionswerk haben, so dass wir unsere Kunden nun auch in diesem Markt vor Ort bedienen können. Oftmals soll von unserer Seite aus auch eine Belieferung über mehrere Kontinente sichergestellt werden. Daraus ergibt sich für unsere Angebotsstruktur eine sehr hohe Komplexität.

Starke Absatzschwankungen in Russland

Auch in Russland haben Sie ein Produktionswerk errichtet. Wie nehmen Sie Russland als Beschaffungsmarkt wahr?
Stanovsky: Die Auswahl lokaler Lieferanten, die nach unseren Standards zuverlässig arbeiten, ist immer noch schwierig. Hier suchen wir auch die Zusammenarbeit mit anderen OEM Lieferanten. Der Verband der deutschen Automobilindustrie unterstützt deutsche Automobilzulieferer mit einer Cluster-Initiative. Dies umfasst einen Erfahrungsaustausch unter den Automobilzulieferern, was sehr hilfreich ist. Wir unterstützen uns gegenseitig beim Auffinden von Lieferanten und erfassen Warengruppen nach westeuropäischen Standards.
Hinsichtlich Qualitiät und Kosten haben wir in Russland schon sehr negative Erfahrungen gemacht. Wir produzieren dort schon seit 2010 und haben inzwischen jedoch eine stabile Lieferantenstruktur aufgebaut, die wir immer weiter entwickeln. In Russland machen uns aber auch die starken Absatzschwankungen immer wieder Schwierigkeiten.

Wie hat sich die Übernahme durch Tokai Rubber Industries auf den Einkauf in der Anvis-Gruppe ausgewirkt?
Jost:
Wir haben in einem ersten Schritt nach Synergien geschaut. Beziehen wir gleichartige Produkte? Lassen sich Mengen bündeln? Dazu haben wir regelmäßige Meetings veranstaltet. Am Ende gab es dann aber dennoch eine gewisse Ernüchterung. Wir haben herausgefunden, dass unsere Lieferanten sehr unterschiedlich sind. Wenig gleichartige Produkte werden bezogen; auch in der eingekauften Qualität gibt es Unterschiede. Daher sind wir dazu übergegangen, die jeweiligen Netzwerke verstärkt zu nutzen, eine gemeinsame Einkaufsorganisation wird es aber zunächst nicht geben.
Stanovsky: Durch die Übernahme durch TRI stehen jetzt die Entwicklungs- und Finanzpower eines großen Konzerns hinter uns. Dies hat sich bereits in vielen Aspekten bewährt, so dass wir in den kommenden Jahren in der Anvis-Gruppe eine Umsatzverdopplung anstreben. Bei dieser Strategie lässt uns das Mutterunternehmen viel Raum zur Entfaltung.