Montag, 23.11.2015

In der Automobilbranche besteht der größte Teil des Autos aus Teilen, die die Zulieferer produzieren. Der hohe Preisdruck führt zu Spannungen.

Bildquelle: Audi

Einkauf
Wie Unternehmer mit Preisdruck der OEMs umgehen

Automobilzulieferer wenden sich von OEMs ab

Zwischen Automobilherstellern und Automobilzulieferern ist die Lage sehr angespannt. Automobilzulieferer wollen sich dem Druck der Automobilherstellernicht beugen und die Preise senken. Einige werden insolvent, andere kündigen lieber die Zusammenarbeit, und wieder andere steigen in die Automatisierung ein.

„Die Forderungen sind irreal und nicht erfüllbar“, sagt ein Zulieferer, der nach 40 Jahren die Zusammenarbeit mit MAN gekündigt hat. Den Ausschlag für diese Entscheidung gab die Forderung, die Preise in den nächsten Jahren erheblich zu senken, teilweise rückwirkend. Eine genaue Zahl darf er unter Androhung hoher Strafen nicht weitergeben. Auch werden solche Forderungen nicht schriftlich festgehalten, um nicht im Nachhinein juristisch angreifbar zu sein, wie der Zulieferer ergänzt. Er konnte den hohen Umsatzverlust ausgleichen und gab dem Preisdruck nicht nach.

Der Preisdruck aus dem Einkauf in der Automobilbranche wird nicht nur an die Zulieferkette nach unten weitergegeben. Ebenso wie die Einkäufer der Automobilisten den Preisdruck spüren, zieht sich das durch die gesamte Organisation. Anfang jedes Jahres oder zu Beginn eines neuen Produktzyklus erhalten etwa die Entwicklungsingenieure bei den OEMs die Vorgabe, dass eine Systemkomponente bei steigender Qualität um bis zu 15 Prozent billiger werden muss. Für die zugelieferten Teile wird die Vorgabe aus dem Einkauf der Automobilhersteller dann an die Zulieferer weitergegeben.

Automobilzulieferer müssen aufgeben

So mancher Zulieferer hält den starken Preisdruck, ausgehend vom Einkauf in der Automobilbranche, nicht aus. Im Oktober hat die Oberndörfer GmbH die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragt. Der Präzisionsteilehersteller ist ein Zulieferer in der Kette der Automobilindustrie.

Eberspächer, ein etablierter Hersteller von Standheizungen, befindet sich mitten im Abbau von 200 bis 250 Stellen in seinem Hauptwerk  saarländischen  Neunkirchen. Seit 2015 sind dort bereits 200 Arbeitsplätze weggefallen. 2014 meldete das Unternehmen bei einem Umsatz von 3,6 Milliarden Euro gerade einmal einen Gewinn in Höhe von 3,6 Millionen Euro.

Einkauf in der Automobilbranche verärgert Zulieferer

Unternehmerin Bettina Schuler Kargoll will künftig ebenfalls weniger mit den Großen der Branche zusammenarbeiten. „Viele Unternehmen wollen für die OEMs und deren Zulieferer arbeiten. Grund sind die großen Volumina, von denen sich Mittelständler gute Geschäfte versprechen. Sind die Verträge aber unterschrieben, fängt unweigerlich die Abhängigkeit an. Schon ganz schnell drehen die Konzerne die Daumenschrauben an“, beschreibt die Geschäftsführerin von Schuler ihre Erfahrung. Sie peilt eine Diversifizierung ihres Kundensegments an, um so die Abhängigkeit vom Einkauf in der Automobilbranche herunterzufahren.

 „Bei uns erhöhen die Automobilhersteller manchmal von einem Tag auf den anderen die Mengen sehr stark“, sagt ein Zulieferer der metallverarbeitenden Branche aus dem süddeutschen Raum, der ungenannt bleiben möchte. Aus 100.000 vertraglich vereinbarten Teilen werden über Nacht 1 Million Teile. Ohne Wenn und Aber muss die Auslieferung dann ermöglicht werden. „Und das in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem die Auslastung branchenweit über Volllast liegt“, ergänzt er.

Der Automobilhersteller sieht sich als Partner

Die zusätzlich angefragten Mengen stellen die Lieferanten vor große Probleme. Denn mit der Volumenausweitung fordert  der Kunde auch eine ordentliche Preisreduzierung. „Das geht für uns nur mit zusätzlichen Kosten und Nachtschichten“, erklärt der Zulieferer. Das Resultat: Sein Betrieb verzeichnet steigende Umsätze und gleichzeitig sinkende Renditen.

 Ähnlich geht es dem Autozulieferer Elring-Klinger. Während der Auftragsbestand gegenüber dem Vorjahr um 21 Prozent stieg, konnte der Hersteller von Zylinderkopfdichtungen und Kunststoff- und Gehäusemodulen das nur durch einen Drei-Schicht-Betrieb und eine Sieben-Tage-Woche auffangen. Die Sonderschichten und Sonderfrachten belasten das Ergebnis. Das Konzernergebnis sank im zweiten Quartal dieses Jahres um ein Viertel und den Vorjahreswert.

Mercedes-Benz negiert hohen Druck

Die Hersteller beharren trotz vieler solcher Beispiele darauf, dass sie eine Partnerschaft mit ihren Lieferanten leben. Mercedes-Benz Bereichsvorstand Klaus Zehender verneint einen hohen Druck von Seiten der Hersteller: „Innovation und Qualität entstehen vor allem durch den Unternehmergeist, den Erfindungsreichtum und die Begeisterung unserer Zulieferer – das können Sie nicht verordnen.“

Manches Unternehmen entfaltet im Zuge des Preisdrucks auch eine starke Marktdynamik. Martin Sembach, Geschäftsführer von Sembach Technical Ceramics, spricht von einem guten Verhältnis zu seinen Tier-1-Kunden, „weil diese Firmen uns aufbauen und den Lieferanten entwickeln.“ Sonst wäre seine Firma heute nicht da, wo sie jetzt stehe. „Da sind wir nur, weil wir die Automobilsprache sprechen.“  In der Produktion der Keramikteile, die das Unternehmen herstellt, werde nichts mehr von Hand angefasst, sondern Roboter übernehmen die Fertigung, schichten die Teile und befüllen die Öfen. „Es wird automatisch kontrolliert und verpackt. Das ist nicht selbstverständlich in der Keramik“, führt Sembach aus. Damit sei der Vorsprung, den Sembach Technical Ceramics mittlerweile in der Automatisierung habe, gegenüber den Wettbewerbern sehr groß.