Montag, 03.08.2015

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Beim Einkauf in China ist die Warengruppe entscheidend. Bei Warengruppen mit einer langen Vertragslaufzeit ist es wichtig, sich abzusichern und genau auf die Währungsrisiken zu achten.

Einkauf
Interview mit Einkaufsexperten Marc Kloepfel

China: Einkäufer müssen genauer hinschauen

Nicht nur der schwache Euro, auch die Lohnkosten in China drücken die preisliche Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte. Einkäufer sollten diese und weitere Tatsaschen abwägen und erst dann entscheiden, ob sich ein Einkauf in China überhaupt lohnt. Marc Kloepfel, Geschäftsführer der Düsseldorfer Einkaufsberatung Kloepfel Consulting, gibt im Interview wichtige Hinweise.

Markt und Mittelstand: Viele mittelständische Unternehmen kaufen verstärkt in China ein, insbesondere Elektronik oder Guss- und Drehteile. Der Preisvorteil beim Einkauf in China ist jedoch durch den schwachen Euro stark abgeschwächt worden. Wie wettbewerbsfähig ist China für den Einkauf noch?
Marc Kloepfel: Generell gibt es zum Global Sourcing im Allgemeinen kaum Alternativen. In der Tat ist China im Wettbewerb aber jetzt schlechter aufgestellt. Einkäufer müssen dieser Tage wirklich genau hinsehen, ob und welcher Einkauf sich lohnt. Denn das kommt auch immer auf die Warengruppe an. Ein Beispiel: Bei Warengruppen mit langen Vertragslaufzeiten sind Sicherheit und die Vermeidung von Währungsrisiken von grundlegender Bedeutung. Der Einkauf in Dollar und der Blick auf dollarorientierte Währungsregionen lohnen bei diesen Waren also immer.

China: schwacher Euro drückt auf Wettbewerbsfähigkeit

MuM: Nicht nur der schwache Euro, auch die Lohnkosten in China drücken die preisliche Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte. Mit welcher Strategie sollte der Einkauf eines mittelständischen Unternehmens darauf reagieren?
Kloepfel: Es empfiehlt sich, während eines schwachen Euros, eine Second-Source im Euro-Raum aufzubauen. Das sind neben allen Staaten der EU auch Länder wie Polen, Ukraine, Rumänien oder Nordafrika. Bei einem schwachen Euro kann dann in diese Länder ausgewichen werden. So werden nicht nur Preisvorteile genutzt, sondern auch Abhängigkeiten in China vermieden. Keinesfalls sollten errichtete Strukturen in China aber eingerissen werden, denn im Global Sourcing ist langfristiges Denken gefragt und irgendwann wird der Euro wieder anziehen.

Mum: Wie beurteilen Sie die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Türkei als alternative Bezugsquelle im Einkauf?
Kloepfel: Auch die Türkei ist wirtschaftlich eng an die EU gekoppelt und quasi Einflussgebiet der europäischen Währungsregion. Hier eröffnen sich daher gute Möglichkeiten. Ein großer Vorteil ist die geographische Nähe im Vergleich zu China und der geringere Logistikaufwand. Beispielsweise die Kfz- und Textilbranche der Türkei sind sehr interessant. Da viele Türken sich im Ausland fortgebildet oder gearbeitet haben, ist das Qualitätsbewusstsein auf international konkurrenzfähigem Niveau und fast alle Branchen weisen große Potentiale auf.

Einkauf: Krisenländer interessant


MuM: Die Bundesregierung unterstützt deutsche Unternehmen dabei, sich verstärkt nach Bezugsquellen in Italien, Spanien und Portugal umzusehen. Portugiesische Waren sind jedoch beispielsweise relativ teuer. Haben diese Länder mittelfristig gesehen das Potenzial, für den Einkauf in mittelständischen Betrieben asiatische Länder zu verdrängen?
Kloepfel: Aufgrund der Krise sind diese Länder derzeit sehr interessant. Auch hier ergibt sich wieder der Vorteil der geographischen Nähe. Die hartnäckigen Probleme in diesen Ländern haben teilweise zu grundlegenden Strukturreformen geführt, beispielsweise in Spanien. Die Länder der iberischen Halbinsel sind durch ihre kulturelle Nähe zu Lateinamerika zudem Sprungbrett für diesen Kontinent. Dennoch: sich überstürzt aus China zurück zu ziehen, ist keine adäquate Reaktion. Südeuropa ist nicht das neue China.

Mum: Die Währung der Ukraine ist um fast 70 Prozent gegenüber dem Euro gefallen, viele Unternehmen suchen verstärkt neue Auftraggeber. Für welche Produkte ist dieses Land besonders wettbewerbsfähig?
Kloepfel: Im Fall der Ukraine gelten generell wieder der Logistikvorteil und die damit verbundene größere Flexibilität. Dazu kommt, dass sich durch die politische Situation des Landes viele Auftraggeber vom Markt zurückgezogen haben, daher die Situationen der Unternehmen. Man sollte das Land also nicht nur für Krim-Sekt auf dem Zettel haben: Holzverarbeitung, Möbel-, Papier und Stahlindustrie sind besonders interessant, aber auch ein Blick auf die Angebote an Mineralstoffen und der chemischen Industrie lohnen, denn dies sind klassische Stärken des ukrainischen Exports.

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