Donnerstag, 13.12.2018

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Lithiumvorkommen

Einkauf
Supply-Chain-Management

Das können Mittelständler gegen teure Rohstoffpreise unternehmen

Ohne Rohstoffe steht die Produktion im Mittelstand still. Daher sind zuverlässige Lieferanten und stabile Bezugspreise wichtig – hier helfen ein gezieltes Einkaufsmanagement und verschiedene Finanzierungsinstrumente.

Ende Juli musste der amerikanische Autobauer General Motors seinen Aktionären verkünden, dass der Jahresgewinn geringer ausfalle als erwartet. Der Grund: Wegen der Strafzölle der USA auf europäischen Stahl waren die Rohstoffkosten des Automobilkonzerns gestiegen. Auch der deutsche Mittelstand fürchtet die Auswirkungen der Politik auf die Rohstoffpreise. „Die Volatilität bei den Einkaufspreisen von Kupfer und Aluminium nimmt stark zu“, sagt Jeremias Sierig, Einkaufsleiter beim Lüftungsgerätehersteller Huber & Ranner. „Schuld daran sind zunehmend politische Einflüsse und Rohstoffspekulationen von Investoren.“

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Die schwankenden Preise erschweren den Unternehmen eine zuverlässige Einkaufskalkulation und führen oft zu höheren Kosten. „Wenn wir einen Auftrag erhalten, müssen wir Stahl bei unseren Händlern einkaufen, egal wie hoch gerade die Marktpreise sind“, sagt Björn Weiß, Leiter Einkauf beim Ventileproduzenten Schroeder Valves, der stark im Projektgeschäft tätig ist. Höhere Rohstoffkosten kann der Mittelständler nur bedingt an seine Kunden weitergeben. „Wir können nicht andauernd unsere Produktpreise an die aktuellen Rohstoffpreise anpassen“, sagt Weiß. Einen großen Vorrat an Stahl auf Vorrat zu halten lohnt sich wegen der Lagerkosten nicht für Schroeder Valves. Um stabile Rohstoffpreise zu haben, bemüht sich das Unternehmen um langfristige Lieferverträge mit für ein Jahr festgelegten Grundpreisen.

Neben politischen Entscheidungen beeinflussen natürlich auch wirtschaftliche Faktoren die Rohstoffmärkte, weshalb einige Rohstoffpreise deutlich steigen. Die Nachfrage nach Waren, die für die Herstellung von Batterien benötigt werden, wie sie etwa in Elektrofahrzeugen zum Einsatz kommen, steigt schneller, als das Angebot wächst. „Der Ausbau der Kapazitäten bei einigen Rohstoffen muss sich deutlich beschleunigen“, sagt Peter Buchholz, Leiter der Deutschen Rohstoffagentur (Dera). „Wir beobachten dramatische Preisentwicklungen bei Rohstoffen, die für die Herstellung von Lithiumbatterien benötigt werden.“ Kobalt kostet inzwischen etwa doppelt so viel wie noch vor einem Jahr, ähnlich sieht der Preisanstieg bei manchen Sorten von Lithium aus.

Preise absichern

Dem Mittelstand stehen verschiedene Finanzierungsinstrumente zur Verfügung, um die Auswirkungen von volatilen Rohstoffpreisen auf den Betrieb etwas abzumildern. Eines davon ist Finetrading. Bei dieser Form der Einkaufsfinanzierung bestellt ein Unternehmen Waren bei seinem Lieferanten. Die Rechnung bezahlt es allerdings zunächst nicht selbst, sondern der sogenannte Finetrader übernimmt sie. Dieser bankenunabhängige Finanzdienstleister erhält dann, je nach Vereinbarung, nach 60 bis 120 Tagen vom Unternehmen den Rechnungsbetrag plus einen Zinsaufschlag. Bei einer Laufzeit von 120 Tagen können dafür etwa fünf Prozent Zinsen anfallen. Trotz der hohen Kosten gibt es Situationen, in denen sich diese Einkaufsfinanzierung für mittelständische Unternehmen lohnt. „Bei saisonalen Nachfragespitzen nach Rohstoffen oder, wenn die Preise niedrig sind, ist eine Einkaufsfinanzierung eine gute Möglichkeit, seine Liquidität zu schonen beziehungsweise größere Mengen günstig auf Vorrat einzukaufen“, sagt Nico Peters, Geschäftsführer des Finanzportals Compeon, das selber Finetrading-Angebote vermittelt.

Der Lampenhändler Litexpress, der manche Produkte seines Sortiments selber entwickelt und extern in Asien produzieren lässt, nutzt Finetrading in Vorbereitung auf sein Weihnachtsgeschäft. Er kauft große Warenmengen im September ein und erzielt die Erlöse durch den Verkauf seiner Produkte erst im Dezember. „Mit Finetrading können wir unsere Nachfragespitzen gut überbrücken“, sagt Ulrich Waldmann, Geschäftsführer von Litexpress. Ähnlich funktioniert das System beim Kauf von großen Rohstoffmengen bei günstigen Preisen. Bezahlt wird die Rechnung mit den Erlösen der späteren Produktverkäufe, bei denen die Gewinnspanne vergleichsweise groß ist, da die Herstellungskosten geringer ausfallen.

Da die Rohstofflieferanten aus aller Welt kommen, müssen Rechnungen oft mit US-Dollar beglichen werden. In diesen Fällen kommt neben volatilen Preisen auch noch ein Währungsrisiko auf die Unternehmen zu. Steigt der US-Dollar im Vergleich zum Euro, wird die Rechnung für eine deutsche Firma teurer. Um dieses Problem zu vermeiden, können Mittelständler mit einem Kreditinstitut, etwa der Hausbank, ein Währungsabsicherungsgeschäft abschließen. Für einen vereinbarten Zeitraum wird dann der Wechselkurs fixiert. Wird der US-Dollar stärker, steigen die Einkaufskosten für das Unternehmen nicht. Im Gegenzug kann der Einkäufer aber auch nicht von einem im Vergleich zum Euro schwächeren US-Dollar profitieren. Für Waldmann ist das kein Problem. „Spekulationen gehören nicht zu unserem Geschäftsmodell.“

Den richtigen Lieferanten finden

Das Wichtigste bei der Rohstoffversorgung ist die Auswahl der Händler. „Wir brauchen unbedingt zuverlässige Lieferanten“, sagt Einkaufsleiter Sierig von Huber & Ranner. „Im Markt ist viel Druck auf dem Kessel, und wir können es uns nicht leisten, unpünktlich zu liefern, weil wir keine Waren haben.“ Da der Mittelständler oft kurzfristig Bedarf an Rohstoffen hat, ist es Sierig wichtig, dass seine Lieferanten flexibel auf seine Wünsche reagieren können. Seine Anforderungen teilt er den Händlern gleich zu Beginn der Geschäftsbeziehungen mit, damit nicht beide Seiten im Laufe der Zeit feststellen, dass sie nicht zueinanderpassen. „Wir haben nicht die Kapazitäten, um ständig nach neuen Lieferanten zu suchen.“

Björn Weiß setzt beim Ventilehersteller Schroeder Valves ebenfalls auf langfristige Geschäftsbeziehungen mit seinen Lieferanten. Je genauer man sich kenne, desto besser werde in der Regel die Zusammenarbeit. „Wir müssen unsere Lieferanten erst an unsere Arbeitsweise, das schnelle Projektgeschäft, gewöhnen.“ Trotzdem könne es passieren, dass keinem der Händler kurzfristig Stahlbleche in den benötigten Maßen vorliegen. Zeit, darauf zu warten, bis aus den Walzwerken neue Ware eintrifft, hat der Mittelständler nicht. Deshalb muss Weiß dann in den sauren Apfel beißen: „In solchen Situationen kaufen wir Stabstahl in einer größeren Abmessung und nehmen den erhöhten Ausschuss in Kauf.“ Mit einem großen Lieferantennetzwerk will der Einkaufsleiter verhindern, dass dies häufig vorkommt.

Huber & Ranner wählt seine Händler auch nach geografischen Gesichtspunkten aus. Damit es bei einem Streik der Lkw-Fahrer oder einem Verkehrsproblem in einzelnen Ländern nicht zu Versorgungsengpässen kommt, achtet Sierig darauf, dass die Lieferanten aus den unterschiedlichsten Regionen Europas kommen. Außerdem hat der Mittelständler mit mindestens zwei Lieferanten je Rohstoff Geschäftsbeziehungen.

Kosten vorhersehen

Für ein langfristig erfolgreiches Einkaufsmanagement sind auch Preisprognosen wichtig. Selbst wenn viele unvorhersehbare Faktoren die Rohstoffmärkte beeinflussen, lässt sich die künftige Preisentwicklung anhand bestimmter Indizien abschätzen. Wie bei allen Preisen kommt es auch bei Rohstoffen auf Angebot und Nachfrage an. Daher lohnt sich beispielsweise ein Blick auf die aktuellen Bestände an der London Metal Exchange. „Wenn die Bestände dort niedrig sind, steigt in der Regel zeitversetzt der Preis“, sagt Dera-Leiter Peter Buchholz. Auch eine historische Betrachtung der Kursentwicklung könne Hinweise darauf geben, wie sich der Markt in Zukunft entwickeln könnte. „Das ist natürlich keine Garantie. Dennoch macht eine Beobachtung der langfristigen Preiskurve Sinn.“

Sierig und Weiß sprechen zudem regelmäßig mit ihren Lieferanten über deren Einschätzungen, was sich gerade auf den Rohstoffmärkten tut. Zusammen mit einer Auswertung der Wirtschaftsdaten, etwa aktuellen Fördermengen oder den weltweiten Beständen, erhalten die Einkaufsleiter so ein Gefühl dafür, wie sich der Markt demnächst entwickeln könnte. Derzeit geht die Deutsche Rohstoffagentur davon aus, dass bei vielen Rohstoffen die Preise wieder fallen werden – und der Mittelstand damit wieder günstiger produzieren kann.

Preisprognosen der Dera

Steigende Preise

 

  • Gold
  • Kupfer
  • Palladium
  • Platin
  • Silber
  • Zinn

Fallende Preise:

 

  • Aluminium
  • Aluminiumoxid
  • Blei
  • Eisenerz
  • Kobalt
  • Mangan
  • Molybdän
  • Nickel
  • Rutil
  • Stahl
  • Zink
  • Zirkon

Der Artikel gehört zu einem Thema aus der „Markt und Mittelstand“-Ausgabe Oktober 2018. Hier können Sie das Heft bestellen und „Markt und Mittelstand“ abonnieren.