Freitag, 02.11.2012
Einkauf
Einkauf und Beschaffung

"Die Türkei ist das China Europas"

Beschaffung in der Türkei? "Ja, keine Frage", meint Yusuf Arslan, Vorstandsmitglied beim International Turkish Business Center. Ohne den persönlichen Händedruck würde er aber keine Geschäftsbeziehung empfehlen.

MUM: Sie nennen sich ein anatolischer Schwabe.  Auf Ihrem Xing-Profil geben Sie Boxen als eine Ihrer Lieblingssportarten an. Mit diesem Mix sind Sie Einkäufer bei Daimler geworden. Und mittlerweile ein vielbeschäftigter Redner, wenn es um Beschaffung in der Türkei geht. Wie gehe ich am besten die Türkei als Beschaffungsmarkt an?
Arslan: Als Einkäufer habe ich am Anfang meiner beruflichen Karriere einfach ein Telefon in die Hand gedrückt bekommen: „Nun, mach mal.“ Das ist natürlich nicht der Weg für eine Beschaffung in der Türkei. Sie sollten den richtigen Mitarbeiter für die Türkei aussuchen – auch wenn das banal klingt. Das bedeutet, dass Kontaktpflege sehr wichtig ist, um erfolgreich Waren aus der Türkei zu beschaffen.

MUM: Was bedeutet das konkret für die Beschaffung in der Türkei?
Arslan: Sie gehen zunächst auf eine Messe und besuchen dort die Lieferanten, die für Sie in Frage kommen. Dann schicken Sie Anfragen per E-Mail raus, rufen im Anschluss an: „Ist meine E-Mail angekommen?“ Nachdem Sie eine Antwort erhalten haben, schicken Sie ein Muster an den Lieferanten raus. Und rufen wieder an: „Ist das Muster angekommen? Wann bekomme ich meinen Rücklauf?“  Schließlich besuchen Sie den Lieferanten vor Ort und prüfen, ob die Fertigung einer Probe soweit in Ordnung ist. Bevor Sie sich daran machen, den Lieferanten tatsächlich zu beauftragen, ist es auch wichtig zu klären, ob der Lieferant bereits ins Ausland liefert. Hat er Erfahrungen mit dem europäischen Ausland? Werden wir uns verständigen können? Manche Betriebe haben keinen Mitarbeiter, die einer Fremdsprache mächtig sind.

MUM: Für Sie war das sicherlich einfacher, da Sie fließend Türkisch sprechen?
Arslan: Als ich das erste Mal einen Kontakt zu einem türkischen Lieferanten aufgenommen habe, war das gar nicht so einfach. Das Türkisch, das man zu Hause lernt, ist ja doch anders, als das Türkisch, das Sie in der Geschäftswelt sprechen. Auch war ich erst im Berufsleben zum ersten Mal in der Türkei.

MUM: Ist die Türkei der Zukunftsmarkt für Beschaffung?
Arslan: Ja, eindeutig. Die türkische Maschinenindustrie ist sehr stark. Weitere exportstarke Branchen sind Chemie, Textil, Stahl und Landwirtschaft. Allerdings sehe ich die Türkei als Zukunftsmarkt für Beschaffung nur mittelfristig.  Wenn Sie als Einkäufer jetzt aus der Türkei beschaffen, realisieren Sie für zwei oder drei Jahre einen Wettbewerbsvorteil. Aber Ihre Wettbewerber schlafen auch nicht. Langfristig ist es besser, in der Türkei zu produzieren. Die Türkei ist das China Europas.

MUM: Als Vorstands- und Gründungsmitglied des International Turkish Business Centers wollen Sie den Export in beide Richtungen ankurbeln. Einkäufer können sich auch an das ITBC wenden?
Arslan: Ja, genau. Wir haben in Deutschland bereits 65 Mitglieder, in der Türkei 220. Dabei haben wir uns gerade erst vor zwei Jahren gegründet. In Stuttgart sind zehn Vorstände des ITBC. Wir machen Veranstaltungen, halten Vorträge und haben eine geschlossene Xing-Gruppe, in der wir uns austauschen. Außerdem können wir Lieferanten nennen sowie den gesamten Prozess des Sourcing begleiten. Wir vermitteln auch Kontakt zu fachkundigen Rechtsanwälten.


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