Montag, 11.04.2016
Einkauf
Digitale Anbindung der Zulieferer entscheidend

Digitalisierung im Einkauf: Konzerne hängen Mittelstand ab

Konzerne treiben die Digitalisierung im Einkauf voran. Eine Studie zeigt: Der Mittelstand investiert zu wenig – und verliert damit entscheidend an Wettbewerbsfähigkeit.

Von der Digitalisierung im Einkauf erhoffen sich Entscheider Einsparungen und positive Effekte. Doch die Investitionsvorhaben zielen vor allem auf die Vernetzung der Maschinen und Anlagen. 42 Prozent der mittelständischen Unternehmen sehen keine Investitionen im Hinblick auf die Transparenz der Supply Chain vor. Ganz anders sieht die Lage bei den Großunternehmen aus. Knapp 80 Prozent der Konzerne investieren in die Digitalisierung ihrer Supply Chain. Auch bei der Integration der Zulieferer in die eigenen Systeme sind die Konzerne deutlich aktiver als mittelständische Unternehmen. Dies sind die Ergebnisse der Studie „Industrie 4.0: Wunsch und Wirklichkeit“. Befragt wurden 50 Führungskräfte aus Großunternehmen mit einem Jahresumsatz über 500 Millionen Euro und mittelständischen Unternehmen (Jahresumsatz bis 500 Millionen Euro).

„Unternehmen wie BMW oder Bosch ziehen bei der Flexibilisierung von Supply Chains heute schon alle Register und nutzen ganz selbstverständlich Verfahren wie etwa lieferantenverwaltete Läger “, sagt Frank Welge, Studienautor und Berater bei Inverto. In solchen Lagern finden eigenständige und automatisierte Bestellungen statt. Der Zulieferer verwaltet den Lagerbestand seines Kunden. Nur jedes zweite mittelständische Unternehmen (53 Prozent) investiert in die Digitalisierung von Maschinen, bei Projekten in den anderen Bereichen sind die Ausgaben noch weitaus geringer. Damit verliert der Mittelstand auch bei seinem bisherigen Alleinstellungsmerkmal, der Flexibilität. Bisher konnte er sich damit oftmals gegenüber Großunternehmen im Wettbewerb durchsetzen. "Mit der Digitalisierung wird dieses Alleinstellungsmerkmal wegbrechen“, ist sich Welge sicher.

Datensicherheit hemmt Digitalisierung im Einkauf

Die Lieferzeit wird auch im B2B-Geschäft zum entscheidenden Faktor. "Die Fertigung kleiner Stückzahlen wird immer stärker auf Abruf erfolgen, das gelingt nur über die digitale Anbindung an den Kunden“, sagt der Berater. Immer weniger wird es möglich sein, auf Vorrat zu fertigen, da die Kunden ihre Produkte im Zuge steigender Ansprüche stärker individualisieren. Damit gewinnt auch die digitale Anbindung der Zulieferer an Bedeutung. Nur, wenn Produkte schnell und individualisiert bestellt und geliefert werden können, gelingt es, innerhalb einer kurzen Lieferzeit zu fertigen. Auch der 3-D-Druck als ein Element der Digitalisierung dürfte in absehbarer Zeit eine deutlich stärkere Rolle im Maschinen- und Anlagenbau spielen.

Ein Aspekt, der die Digitalisierung im Einkauf hemmen dürfte, ist die Datensicherheit. Bisher ist im Einkauf der Unternehmen lediglich E-Procurement weit verbreitet. Hemmschuhe sind die hohen Kosten, die die Integration von Schnittstellen erfordern sowie der Faktor Datensicherheit. "Sind wir überhaupt zur Digitalisierung im Einkauf bereit, solange das Thema Datensicherheit noch nicht geklärt ist?", fragt Dirk Petzold, Head of Logistics, Maintenance und Facility Management bei MAN Diesel und Turbo. Seine Frage auf dem Symposium "Mehrwert schaffen - Brücken bauen" des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) verdeutlicht die abwartende Haltung der Einkäufer zur Digitalisierung im Einkauf.

Einsparungen durch Digitalisierung im Einkauf

Dennoch gibt es einzelne Leuchtturmprojekte. Bei dem Küchenhersteller Nolte hat Einkaufsleiter Torsten Bendlin ein Digitalisierungsprojekt entwickelt. Eine App zeigt über eine Kachel-Ansicht die verschiedenen Projekte im Einkauf an, wie zum Beispiel die „Ausschreibung Lichttechnik“. Genannt werden das Einkaufsvolumen, Einsparpotenzial, GuV-Datum und der Name des Projektverantwortlichen. In die App sind auch ein Rechner und ein Tracker eingebaut, der den Projektfortschritt in Echtzeit anzeigt. "Welcher Manager hat heute noch Zeit, um aufwendig durch PDFs zu scrollen? Wir wollten ein einfaches und vernetztes Instrument auf dem Smartphone schaffen", sagt Bendlin. Er wollte zudem innerhalb des Unternehmens die Vernetzung stärken und auch Aspekte aus dem Gamification-Ansatz einbauen. Damit sind spielerische Aspekte gemeint, die im Arbeitsprozess die Mitarbeiter über den Spieltrieb stärker motivieren sollen.

Damit solche Ansätze im Unternehmen bereichsübergreifend auch über längere Zeiträume genutzt werden, sind Investitionen in Personal und Schulungen der Mitarbeiter entscheidende Erfolgsfaktoren neben Investitionen in den digitalen Datenaustausch mit Zulieferern und Kunden. Bei der Anbindung neuer Zulieferer gewinnt deren Stand bei der Digitalisierung zunehmend an Bedeutung. „Wenn ein Unternehmen mit einem neuen Zulieferer aus einem Low-Cost-Country arbeitet ist die Frage wichtig, ob der Zulieferer bei der digitalen Anbindung mitgehen kann“, erklärt Welge. Europäische und nordamerikanische Zulieferer seien in ihren Standards schon weiter fortgeschritten. Bei den Unternehmen hat sich diese Erkenntnis zwar schon durchgesetzt. Über zwei Drittel gehen davon aus, dass die digitale Einbeziehung von Zulieferern entscheidend ist für den Erfolg von Industrie 4.0. Aber nur ein Drittel setzt bereits entsprechende Maßnahmen um (32 Prozent).