Mittwoch, 16.01.2013
Einkauf
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Dodd-Frank Act wichtig für deutsche Zulieferer

Deutsche Zulieferer von Unternehmen, die an der US-Börse gelistet sind, müssen erstmals ihre gesamte Rohstofflieferkette offenlegen. Ein kompliziertes Unterfangen für den Einkauf.

Der Dodd-Frank Act hat für deutsche Unternehmen, die in die USA liefern, ein neues Kapital in der Nachprüfung der Lieferkette aufgeschlagen. Erstmals werden Unternehmen dazu verpflichtet, ihre gesamte Rohstofflieferkette offenzulegen. Unternehmen, die an der US-Börse notiert sind, sind dazu verpflichtet, in ihrem jährlichen Bericht an die US-Börsenaufsicht aufzuführen, ob in ihren Produkten Konfliktminerale enthalten sind. „Konfliktminerale im Sinne des Dodd-Frank Acts sind Zinnstein, Kolumbo-Tantalit, Wolframit und deren Derivate sowie Gold,“ erklärt Gudrun Franken, Arbeitsbereichsleiterin Bergbau und Nachhaltigkeit bei der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe. Deutsche Zulieferer von Unternehmen, die an der US-Börse gelistet sind und damit an die US-Börsenaufsicht berichten müssen, sind vom Paragraph 1502 des Dodd Frank Acts betroffen. Konkret bedeutet dies, dass deutsche Zulieferer von den US-Unternehmen gefragt werden, woher sie diese Minerale beziehen, wenn sie Teil des hergestellten Produkts sind, das sie an eine US-Firma geliefert haben.

Stichtag ist der 31. Mai 2014. Dann muss für das Kalenderjahr 2013 von den betroffenen US-Unternehmen angegeben werden, ob ihre Produkte – sofern Konfliktminerale für deren Herstellung notwendig sind – solche Minerale enthalten.  Falls dies der Fall ist, können die Unternehmen im besten Fall nachweisen, dass die von ihnen bezogenen  Minerale aus anderen Ländern oder aus dem Recycling stammen. Falls dies nicht der Fall ist, ihre Produkte also Minerale aus der Konfliktregion enthalten, müssen sie einen unabhängig auditierten Bericht vorlegen. Die Konfliktregion umfasst den Kongo und seine Nachbarländer. Für bis zu vier Jahre gilt für den Dodd-Frank Act noch eine Übergangsphase, in der es die Aufsichtsbehörde akzeptiert, wenn glaubhaft versichert wird, dass das Unternehmen versucht, die Herkunft zu ermitteln und seinen Maßnahmen zur Sorgfaltspflicht im Einkauf genügt.

Konfliktminerale im Einkauf

Im Einkauf auf die Herkunft der Rohstoffe achten. Konfliktminerale sind ein wichtiges Bauteil in elektronischen Verbindungen.

Tantal wird in Handys verwendet

Die Offenlegung hat zwar keine juristischen Konsequenzen in den USA, doch könnte beispielsweise das US-Unternehmen dazu verpflichtet werden, auf der Homepage anzugeben, dass in seinen Produkten Konfliktminerale enthalten sind. Daher werden auch deutsche Zulieferer gefragt, woher sie ihre Rohstoffe beziehen. Ihnen droht die Auslistung, wenn sie Konfliktminerale in ihre Produkte einbauen.

Der Hersteller von Spezialmetallpulvern H.C. Starck ist ein gebranntes Kind. Das in Goslar ansässige Unternehmen importiert große Mengen hochschmelzender Metalle und verarbeitet weltweit die größten Mengen an Tantal. Tantal kommt als Pulver zum Einsatz in Kondensatoren, die in Handys, Computern oder CD-Spielern eingebaut werden. Bis 2003 hat HC Starck kongolesisches Coltan eingeführt, dass im Unternehmen zu Tantal weiterverarbeitet wurde. Mittlerweile sichert sich das Unternehmen über die OECD Guidelines ab und erwirbt nur Rohstoffe, die den Vorgaben der OECD (Due Diligence Guidance for Supply Chains of Minerals from Conflict-Affected and High-Risk Areas) entsprechen. Dies lässt sich das Unternehmen auch von der Electronics Industry Citizenship Coalition und der Global e-Sustainability Initiative bestätigen. Auf den Dodd-Frank Act ist das Unternehmen vorbereitet. „Wir sind eines der ersten Unternehmen, die diese Zertifizierung zum zweiten Mal in Folge erhalten haben seit dem Start des Programms im Jahr 2010“, erklärt Geschäftsführer Andreas Meier. 

Die Produktion von Tantal

Die Produktion von Tantal.

Tantal über Umwege aus dem Kongo

Andere Unternehmen lehnen eine Zertifizierung im Einkauf rundweg ab. „Die Zertifizierung ist nur ein gutes Geschäft für die Zertifizierer“, kritisiert Thomas Hölandt, Geschäftsbereichsleiter Rohstoffe des Kupferkonzerns Aurubis. Die eigene Lieferkette wird von dem Unternehmen persönlich in Augenschein genommen. Aurubis geht aktiv auf seine Zulieferer zu und prüft auf dem direkten Wege die rund 20 größeren Lieferanten und einige kleinere Zulieferer.

Die Überprüfung der Lieferkette bis ins letzte Glied ist eine komplexe Angelegenheit. Die UN-Expertengruppe Kongo konnte nachweisen, dass Minerale aus dem Kongo über Tunesien nach China ausgeführt worden waren. Auch kritisierte die Expertengruppe den stark verbreiteten Schmuggel. Ruanda und Burundi legten 2011 stark gestiegene Exportzahlen für Minerale vor. Eine Analyse der Deutschen Rohstoffagentur stellt fest, dass der Export der im Ostkongo geförderten Rohstoffe meist auf dem Landweg über die ostkongolesischen Nachbarstaaten bis zu den Seehäfen von Mombasa und Daressalam erfolgt. „Minerale aus kongolesischen Konfliktgebieten können dabei in unterschiedlichen Maßen mit Mineralen anderer Herkunft vermischt werden, so dass sich ein eindeutiger Herkunfts- oder Konfliktbezug häufig nicht herleiten lässt“, heißt es in dem Bericht. Diese verschlungenen Pfade sind im Einkauf kaum noch nachzuvollziehen. „Der Nachweis ist nicht mehr möglich, wenn Rohstoffe in die Schmelze eingefahren wurden“, bemängelt Oliver Wieck, Leiter der Abteilung Außenwirtschaftspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie.

Zertifizierung für Zulieferer unumgänglich

"Mindestens 90 Prozent unserer Rohstoffe werden über den Handel bezogen", führt Wieck aus. Damit wird es im Einkauf äußerst schwierig, die Lieferkette zu kontrollieren, da nur der Händler den Zulieferer kennt. Insbesondere für mittelständische Unternehmen sei der Einkauf kaum nachvollziehbar. „Der hiesige Mittelstand erhält die Produkte in einer hohen Verarbeitungsstufe.“

Da die Konfliktminerale meist von Kleinst- und kleineren Unternehmen abgebaut werden, ist die Rückverfolgung problematisch. Die global verzweigte Produktion und Weiterverarbeitung tut ein Übriges. Die Rohstoffzertifizierung sollte daher die verschiedenen Initiativen verzahnen. Die OECD hat bereits Richtlinien zur Sorgfaltspflicht in den Lieferketten von Konfliktmineralen für den Einkauf formuliert. Diese setzen jedoch an der Exportebene der Minerale über die Weiterverarbeitung bis hin zum Endprodukt an. Abbau und Handel innerhalb der Konfliktregion werden kaum erfasst.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung haben daher gemeinsam mit Partnerinstitutionen ein Rohstoff-Zertifizierungssystem für Ruanda und den Kongo entwickelt. Seit 2009 befindet es sich in der Umsetzung. Erste Zertifikate sollen in Kürze folgen. Zusätzlich hat die BGR einen Analytischen Herkunftsnachweis (Analytical Fingerprint) für Tantal- (Coltan-), Zinn- und Wolframerzkonzentrate entwickelt. Weitere Zertifizierungen bieten ITRI, ein Interessenverband d er Zinnindustrie und zwei Branchenverbände der Elektronikindustrie (Electronic Industry Citizenship Coalition) an. Bisher wurden sechs Tantal-Produzenten als „konfliktfrei“ zertifiziert.

Die Zertifizierung gestaltet sich als ein aufwändiger Prozess. „Der Dodd-Frank Act zeigt, wie schwierig es ist, eine Lieferkette metallischer Rohstoffe von der Gewinnung bis zum Endprodukt zurückzuverfolgen“, erklärt Rohstoffexpertin Franken. Dennoch führt für den Einkauf kein Weg daran vorbei, die Zulieferer zu überprüfen. Wenn ein Unternehmen seine Lieferkette nicht hinreichend im Blick hat und Konfliktminerale einführt, gibt es zwar keine juristischen Konsequenzen, doch Verbraucher und Kunden reagieren sehr negativ auf solche Vorwürfe.

Eine Zertifizierung der Zulieferer ist möglich.

Eine Zertifizierung der Zulieferer ist möglich.

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