Donnerstag, 05.03.2020
Störung der Lieferkette: Unternehmen sollten frühzeitig erkennen, ob einzelne Zulieferer wegen des Coronavirus in Schwierigkeiten geraten. Dabei hilft ein professionelles Risikomanagement.

Illustration: Kado/ iStock/ Getty Images

Störung der Lieferkette: Unternehmen sollten frühzeitig erkennen, ob einzelne Zulieferer wegen des Coronavirus in Schwierigkeiten geraten. Dabei hilft ein professionelles Risikomanagement.

Einkauf
Risikomanagement

„Viele Mittelständler kennen ihre Lieferketten leider nicht“

Das Coronavirus stört die Lieferketten deutscher Mittelständler, doch Schuld ist nicht alleine die Pandemie. Ein Gespräch mit Philipp Mall über Prävention und die dringend notwendige Diversifikation der Lieferketten.

Corona trifft die globale Wirtschaft mit aller Wucht. Wie gut ist der deutsche Mittelstand auf diese Extremsituation vorbereitet?

Mein Urteil fällt eher hart aus: Deutsche Unternehmen sind insgesamt viel zu wenig auf Risiken für ihre Lieferketten vorbereitet. Die fehlende Prävention wird im Zuge einer Pandemie wie der des Coronavirus natürlich umso spürbarer.

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Woran liegt das?

Es gibt ein deutliches Gefälle zwischen großen und kleineren Unternehmen. Konzerne haben das präventive Risikomanagement stärker auf der Agenda. Im Mittelstand ist Prävention immer sehr abhängig von den individuell Beteiligten. Es muss also jemand – meistens der Geschäftsführer – aus persönlichem Antrieb heraus handeln. Viele Mittelständler sind planlos unterwegs und haben das Risikomanagement nicht professionalisiert.

Ist es überhaupt möglich, sich auf eine solche Pandemie wie Corona vorzubereiten?

Durchaus, im konkreten Fall ist hier der Mittelstand sogar prinzipiell im Vorteil gegenüber Konzernen. Gerade bei KMU ist die Abhängigkeit von einzelnen asiatischen Lieferanten nicht so hoch, dass es im europäischen Raum keine Alternative gäbe. Die Unternehmen haben daher die Möglichkeit, europäische Lieferanten in der Hinterhand zu haben. 

Und der Back-up-Lieferant fährt seine Produktion einfach von 30 auf 90 Prozent hoch?

Warum nicht? Zudem können Mittelständler prüfen, wo sie Händlerbestände abgreifen können. Das Vorgehen unterscheidet sich natürlich nach Warengruppe: unternehmensspezifische Teile sollten über alternative Lieferanten bezogen werden, standardisierte Ware aus den Restbeständen von Händlern. 

Woher weiß ich überhaupt, wer in meiner Lieferkette gerade einen wie großen Engpass hat?

Unternehmen brauchen Transparenz über Lieferanten und Lieferketten: ich muss genau wissen, aus welchen Regionen ich welche Materialien beziehe und von welchen Lieferanten – und auch, wer die Zulieferer der Lieferanten sind, sodass ich sofort weiß, ob ich betroffen bin, wenn es Probleme in bestimmten Ländern gibt. Viele Mittelständler kennen ihre Lieferketten leider nicht. 

Info

Philipp Mall ist Experte für strategischen Einkauf und Supply Chain Management in Europa bei der internationalen Unternehmensberatung Inverto.

Wie finde ich schnell neue Lieferanten? Sollte ich bei der Suche eng mit dem bestehenden Lieferanten zusammenarbeiten, wenn ja, was ist dabei bedeutend?

Die Lieferanten werden in der Regel nicht helfen, Alternativen zu finden. Sie wollen ja keine Wettbewerber stark machen. Das heißt, das ist eine Aufgabe, die der strategische Einkauf erfüllen muss. Man sollte aber mit den betroffenen Ist-Lieferanten in engem Kontakt bleiben, um bei Veränderungen reagieren zu können.

Wie wichtig ist es für Unternehmen generell, die Abhängigkeiten zu einzelnen Lieferanten zu verringern?  

Wirtschaftliche Krisen entstehen immer wieder. Daher sollten Unternehmen darauf achten, nicht zu abhängig zu sein, von einzelnen Lieferanten, Kunden oder Absatzmärkten. Das ist eine der zentralen Aufgaben von Unternehmen.

Info

Vorgehen bei einer Risikoanalyse


  • Datenbeschaffung: Entscheider sollten Daten aus unterschiedlichen Quellen des Unternehmen zusammentragen. Anzeichen können sein: Auftragsbestätigungen kommen unpünktlich, Unternehmen liefern langsamer und wollen Vorschusszahlungen. Das sind Ereignisse, die für sich genommen nicht besorgniserregend sind, in Summe aber schon. Nur Finanzkennzahlen, das ist zu wenig. Wer nur auf die Ratings der Lieferanten schaut, verschließt den Blick auf den Einkauf oder Veröffentlichungen in sozialen Medien wie beispielsweise gehäufte Mitarbeiterbeschwerden in Portalen.
  • Datenauswertung und Maßnahmendefinition: Zunächst sollten Entscheider die Zahlen priorisieren: Wichtig sind Gewinn und EBit, also was würde es mich kosten, wenn der Lieferant ausfällt. Muss das Werk geschlossen werden oder können Alternativprodukte mit 10 Prozent Aufpreis zugekauft werden? Compliance und Reputation sollten hierbei auch nicht außer Acht gelassen werden.
  • Monitoring: Das Konzept sollte nicht in der Schublade verschwinden, sondern auch angewendet werden. Speziell das Monitoring ist eine fortlaufende Aufgabe. Auch sollte die Risikoanalyse in regelmäßigen Abständen überprüft werden, damit sie jeweils auf die aktuellen Bedürfnisse des Unternehmens abgestimmt ist.