Montag, 11.11.2013
Die Beschaffung in der Türkei bietet Wettbewerbsvorteile, gerade in der Automobilbranche.

Bildquelle: Volvo Buses

Die Beschaffung in der Türkei bietet Wettbewerbsvorteile, gerade in der Automobilbranche. Aber es gibt auch Fußangeln.

Einkauf
Vorsicht vor zu niedrigen Preisen

Automotive setzt auf Einkauf in der Türkei

Die Türkei rückt näher an die europäische Automobilbranche. Preise und technische Kompetenz verbesserten sich. Die Preise werden teils zu niedrig gesetzt, um sich „einzukaufen“.

Auf dem Radar der Einkäufer ist die Beschaffung in der Türkei stärker in den Fokus gerückt. Aufgestiegen zum zweitgrößten Stahlproduzenten in Europa gilt dies insbesondere für die Automobilindustrie. Die Jahresproduktion von Stahl dürfte in diesem Jahr bei fast 40 Millionen Tonnen liegen, sagte Yusuf Arslan, Geschäftsführer von Purchasing Turkey Ende September auf dem 8. Dow Jones Stahl Tag in Frankfurt.

Grund dafür seien unter anderem auch die Investitionen der deutschen OEMs in der Türkei, die dort Produktionsstätten errichten. So plane VW laut Insider-Informationen ein Werk in Bursa. „Wir sehen die Türkei als ein Land mit einem großen Potenzial in unserer Beschaffungsstrategie“, erklärte Johan Lindqvist, Strategic Purchasing Director, Volvo Buses, gegenüber Markt und Mittelstand.

Beschaffung in der Türkei: niedrige Preise als Bumerang

Johan Lindqvist, Strategic Purchasing Director, Volvo Buses

Diese Pläne gehen auch auf die historischen Verbindungen zwischen der Türkei und Volvo zurück. Die Tochtergesellschaft Renault Trucks ist seit 2007 vertraglich an den türkischen Autohersteller Karsan gebunden. Zwar wurde der Vertrag zum Jahresende beendet. Doch an den bestehenden Kontakten setzt Volvo Bus an. „Wir profitieren von diesen Erfahrungen“, stellt Lindqvist heraus. Gegenwärtig prüft er einige mögliche Lieferanten für den Einkauf in der Türkei.

Der Preiswettbewerb unter den Anbietern von Bussen ist extrem hart. „Die Beschaffung in Schwellenländern ist heute ein wesentlicher Teil unserer  langfristigen Strategie“, sagt Lindqvist. Volvo Buses würde kontinuierlich nach Möglichkeiten suchen, um die Effizienz zu verbessern.

Im Einkauf wird dieser Kostendruck an die Zulieferer weitergegeben. Oftmals führt dies zu Angeboten von Zulieferern, die diese nicht halten können. „Einige Zulieferer versuchen sich in das Geschäft durch zu niedrige Preise einzukaufen ohne eine nachhaltige Strategie“, sagt Lindqvist. Die zu niedrig angesetzten Preise können auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden. Die Beschaffung in Schwellenländern sei nicht ohne Risiken, meint Lindqvist. Die Wahl der richtigen Partner daher entscheidend.

Hohes Engagement türkischer Lieferanten

Für Lindqvist überwiegen jedoch die Vorteile im Hinblick auf eine Beschaffung in der Türkei deutlich. Die Arbeitskosten seien sehr wettbewerbsfähig. Hinzu kommen gute Kenntnisse in Automotive. Viele Experten bestätigen, dass das Wissen und die Fertigkeiten in der Automobilbranche dort sehr gut seien.

Auf diesen Zug sind auch andere Automobilhersteller aufgesprungen. Der amerikanische Automobilhersteller Ford hat ein Joint Venture mit dem türkischen Mischkonzern Koc gegründet. Der Klio von Renault wird mittlerweile in der Türkei produziert; auch Honda fertigt dort Motorräder.

Thomas Pangerl, Vice President Purschasing Eastern Europe stellt insbesondere das hohe Engagement der türkischen Lieferanten heraus. „Der Mittelstand in der Türkei hat gute Fortschritte erzielt.“ Eine stärkere internationale Verflechtung stehe aber noch aus. Bereits 24 Jahre nach Gründung des Unternehmens gab es eine erste Niederlassung in der Türkei. Heute ist Bosch mit sechs Produktionsstätten in der Türkei vertreten.

„Die türkische Maschinenindustrie ist sehr stark“, berichtet Yusuf Arslan, Geschäftsführer von Purchasing Turkey. Weitere exportstarke Branchen seien Chemie, Textil, Stahl und Landwirtschaft. Doch die Beschaffung in der Türkei stoße an Grenzen. Langfristig wäre man wettbewerbsfähiger, wenn man in der Türkei produziere.

EU bemängelt Arbeitssschutz

Auch wenn sich viele Mittelständler, darunter beispielsweise Schöffel oder Vaillant, sehr positiv über den Einkauf in der Türkei äußern, sind die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette nicht unproblematisch. Die EU hat in ihrem jüngsten Fortschrittsbericht zum Arbeitsschutz in der Türkei die dortigen Bedingungen in deutlichen Worten kritisiert. Dies betreffe rund 40 Prozent der dortigen Arbeitnehmer, insbesondere in den kleineren Unternehmen. Bemängelt wurden insbesondere lange Arbeitszeiten und unbezahlte Überstunden. Die Deutsch-Türkischen Nachrichten berichteten von über 899.000 Kindern zwischen sechs und siebzehn Jahren, die in dem Land arbeiten würden.