Dienstag, 20.08.2013
Einkauf
Einkauf und Beschaffung

Einkauf in der Türkei: Proteste ohne Auswirkungen auf Lieferfähigkeit

Die Juni-Proteste haben bislang für den Einkauf im Unternehmen auf deutscher Seite keine Bedeutung. Experten gehen davon aus, dass die Lieferketten intakt bleiben.

Die Lieferfähigkeit der türkischen Firmen ist unbeeinträchtigt von den politischen Protesten im Juni.  „Wir haben hier „Business-as-usual“, sagt Frank Kaiser, Referent bei der Deutsch-Türkischen Handelskammer. Kein deutsches Unternehmen, das in der Türkei einkauft, sei auf die Handelskammer zugekommen und hätte über Probleme berichtet. Stabil sei zudem die Zahl der Anfragen  von mittelständischen Unternehmen, die sich für einen Einkauf in der Türkei interessieren. Auch Yusuf Arslan, Vorstandsmitglied vom International Business Center wehrt ab:  „Die Gezi Park Demonstrationen haben keine Auswirkungen auf die Lieferfähigkeit der türkischen Firmen.“
Beobachter schränken allerdings ein: „Es gibt hier Themen.“  Eine Herausforderung sei die Pressefreiheit, die kritisch beurteilt wird. Sobald ein Terrorismus-Verdacht im Raum stünde, würde das System hochsensibel reagieren. Davon unberührt seien jedoch das Zivil- und das Handelsrecht, von denen keine rechtsstaatlichen Defizite bekannt seien.

Fehlen von Lizenzen behindert Einkauf

Ein mittelständischer Rohstoffverarbeiter aus dem süddeutschen Raum testet aktuell die Türkei als Lieferland. Nach seiner Beobachtung beeinträchtigt die politische Situation nicht den Geschäftsverkehr. Seine Erfahrungen in der Anbahnung sind allerdings durchwachsen: „Von den sechs möglichen Geschäftspartnern, die wir treffen wollten, blieben am Tag der verabredeten Treffen nur vier übrig“. Davon haben sich zwei aufgrund ihrer Preisvorstellungen direkt für den Einkauf im Unternehmen disqualifiziert. Mit einem türkischen Geschäftspartner wurde eine erste Lieferung verabredet. Die Verschiebung des Liefertermins um zehn Tage wegen des Zuckerfestes hat bei dem Rohstoffhändler keine Begeisterung ausgelöst.
Er hätte im Zuge der Geschäftsanbahnung gerne mehrere Angebote von Lieferanten verglichen. Seine Recherche ergab zwar, dass die Türkei besonders wettbewerbsfähig ist. Bei der Ansprache von Firmen vor Ort habe sich jedoch herausgestellt, dass es zu wenig Firmen mit einer Ausfuhrlizenz gebe.

Drägerwerk-Sprecherin Melanie Karmann berichtet von einer problemlosen Kommunikation bei der Beschaffung in der Türkei: „Die kulturellen Unterschiede sind im Vergleich zu anderen Beschaffungsmärkten wie beispielsweise Fernost geringer.“ Es herrsche eine hohe Kontinuität bei den Geschäftspartnern.

Anforderungen an Geschäftspartner und die geforderten Produkte oder Dienstleistungen sollten immer präzise kommuniziert werden, sagt Karmann. Das Unternehmen Drägerwerk beschafft aus der Türkei Zubehörprodukte für Beatmungsgeräte (Einwegmaterial, Kunststoffartikel) wie zum Beispiel Beatmungsschläuche oder Kathetherstutzen.

Automotive in der Türkei am stärksten

Deutschland ist Lieferland Nummer 1 für die Türkei gefolgt vom Irak und Großbritannien. Die Türkei strebt in diesem Jahr ein Exportvolumen in Höhe von 158 Milliarden US-Dollar an. In den ersten sieben Monaten 2013 stieg die Ausfuhr um 3,3 Prozent auf ein Volumen von  87,8 Milliarden US-Dollar. Besonders wettbewerbsfähig ist das Land als Automotive Zulieferer, sowie für Textilien, Lebensmittel, chemischen Produkten und weiße Ware für den Einkauf im Unternehmen.
Auch rückt das Land näher an Deutschland heran und wird damit für die Beschaffung interessanter: „Die Türkei investiert bis 2023 massiv in die Logistik“, sagt Kaiser. Jeder Hafen soll einen Eisenbahnanschluss erhalten. Geplant ist ferner der Bau einer Autobahn zwischen Istanbul und Izmir.

Info
Aktuelle Wirtschaftsdaten
  • Gesamtexporte Januar–Juli    3,3%
  • Gesamtausfuhr Juli 2013        17,3%
  • Automobilausfuhr Juli 2013 17,3%
  • Hauptexportgüter: Automobilprodukte, Textil/Bekleidung, Chemie, Logistik
  • Hauptexportländer: Deuschland, Irak, Großbritannien
  • Im Norden Istanbuls baut die Türkei mit insgesamt sechs Startbahnen den größten Flughafen der Welt. Geplante Passagierzahl: 150 Mio./Jahr.
  • Wasserstraßen-Projekt: Kanal-Istanbul soll das Schwarze und das Marmara-Meer verbinden. Info: www.kanalistanbulprojesi.info/
Quelle: ITBC

Info

Verband der türkischen Stahlproduzenten
www.dcud.org.tr

International Turkisch Business Center: Vorträge, Wirtschaftstage, Delegationsreisen, Geschäftsanbahnung
www.itb-center.com/index.php

Messemarkt Türkei: Messeplätze, Messetermine
www.auma.de/_pages/d/04_MessemaerkteAusland/0402_Laenderprofile/040228_Tuerkei/04022801_Wirtschaft.aspx

Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer: Geschäftspartnersuche, Lieferantensuche, Marktrecherche, Firmenauskünfte
www.dtr-ihk.de

Vereinigung türkischer Industrieller und Geschäftsleute, TÜSIAD Berlin Office,
Turkish Industry & Business Association, Märkisches Ufer 28, 10179 Berlin
www.tusiad.org

Lieferantendatenbank für Gießereien / Castings
 www.tudoksad.org.tr/members-table

Quellen: ITBC, eigene Recherchen