Mittwoch, 08.08.2012
Einkauf
Einkaufsstrategie

Einkauf mit Bedacht

Unternehmen legen sich ihre Einkaufsstrategien in der Regel nach eigener Erfahrung zurecht. Eine methodische Überprüfung bringt eine Neuausrichtung.

„Der Ingenieur im Einkauf versteht die Sprache der Produktion und der Konstruktion“, sagt Thomas Lotz,Geschäftsführer der Haacon Hebetechnik in Freudenberg/Main. Mit diesem Know-how-Träger will der Hersteller von Hebesystemen seine Beschaffung proaktiv ausrichten. Denn hochwertige
Bauteile und Dienstleistungen sollen nicht unter dem Druck des für den Lieferanten günstigsten Preises ins Haus kommen.
Vielmehr geht es Lotz darum, bereits im frühen Planungsstadium den Einkauf über alle Bereiche von der Produktion bis zur Gebäudesanierung methodisch
voranzutreiben. „Der reaktive Einkauf ist für uns nicht mehr Stand der Technik, wir brauchen eine aktive Marktbeobachtung“, sagt Lotz.

Weite Voraussicht im Einkauf

Auf dem Markt verfügbare Bauteile und Komponenten werden bereits in der Entwicklung eines Produkts berücksichtigt. Auf diese Weise werden Lieferengpässe vermieden. „Daher soll die gesamte Prozesskette bereits im Einkauf betriebswirtschaftlich auf Verbesserungen hin überprüft werden“, sagt Lotz. Diese Supply-Strategie im Einkauf ist sozusagen aus dem Bauchgefühl der Anforderungen eines produzierenden Unternehmens entstanden. Dazu gehören Erfahrung, genaue Kenntnis der Märkte und, wie im Fall von Thomas Lotz, ein hohes Selbstvertrauen in die eigenen Stärken. Allerdings sind diese Eigenschaften nicht in jedem Unternehmen gegeben, wie Gerhard Heß weiß. Der Professor an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg ist Experte
für Einkauf. Zusammen mit Industrieunternehmen hat der Gelehrte eine Methode entwickelt, mit der sich der Einkauf systematisch aufbauen lässt.
Das funktioniert mit der 15M-Architektur. Sie ist skalierbar, daher sowohl in ganz großen Unternehmenseinheiten als auch in kleinen und mittleren Firmen
einsetzbar. Sie hilft, Entscheidungen zu entwickeln und zu unterstützen, die erst in zwei oder fünf Jahren Erfolge bringen.
 Solche Ziele können beispielsweise sein, die Projekteinkäufe neu zu strukturieren oder Partnerschaften mit Lieferanten einzugehen oder den Eintritt in einen Auslandsmarkt zu planen, bei dem vor Ort zwei Lieferanten von Komponentenmontagen dauerhaft verpflichtet werden sollen. Weil das eben
seine Zeit braucht und sich die Entscheider auf der sicheren Seite wissen wollen, versuchen sie, so gut wie alle Für und Wider abzuwägen.

Supply-Strategie

Einen methodischen Beistand will die Supply-Strategie der Nürnberger Hochschule liefern. „Ziel ist,eine systematische Versorgung des Unternehmens
mit Leistungen zu entwickeln und den strategischen Einkauf nachhaltig aufzustellen“, sagt Heß. Der Aufbau der hauseigenen Supply-Strategie
nach dem Heß’schen Modell kann zum Beispiel so aussehen: Eine Firma benötigt für ihre Marktleistung selbst Leistungen, die sie auf ihren Supply-Märkten
beziehen muss. Diese sind über Materialgruppen definiert, das sind z.B. Sitzsysteme,Gussteile oder Verbindungselemente. Üblicherweise bewegen sich Unternehmen in vielen und sehr unterschiedlichen Supply-Märkten. In den einzelnen Versorgungsbereichen bieten mehrere Lieferanten ihre Leistungen an. Wie das einkaufende Unternehmen auf den Märkten und gegenüber den einzelnen Lieferanten vorgeht, muss koordiniert und auf die Unternehmensstrategie ausgerichtet werden.

Diese Aufgabe übernimmt der Einkauf, der sich die Supply-Strategie aus vier Bausteinen zusammensetzt. Der erste ist die Marktstrategie. „Die Erfahrung
zeigt, dass bei Mittelständlern häufig für bis zu 20 strategisch bedeutsame Märkte eine Strategie definiert werden sollte“, sagt Heß. Dann folgt die Lieferantenstrategie. Hier wird aus der Bewertung der Top-Lieferanten die Entwicklung der Zusammenarbeit mit jedem einzelnen formuliert. Das dritte Element ist die Rahmenstrategie. Sie richtet über die einzelnen Markt- und Lieferantenstrategien hinweg den Einkauf insgesamt strategisch aus. Hier muss auch die Einbindung in die Unternehmensstrategie sichergestellt sein. Im vierten Bereich, dem Performance-Management, werden die Erfolge der drei anderen Strategiebausteine über Ziele mit Kennzahlen und über Aktivitäten gesteuert und entwickelt.

Aktion nach Plan

Gestützt auf dieses Konzept, hat ein mittelständischer Hersteller von Elektrokomponenten in zwei Jahren seine Markt- und Lieferantenstrategie
aufgebaut. Die zwei Zielsetzungen der Unternehmensstrategie sind die Globalisierung des Unternehmens sowie bei der Belieferung der Kunden mit den
20.000 Artikeln des Unternehmens eine höhere Flexibilität zu erreichen. Beide Ziele finden sich in der Rahmenstrategie des Einkaufs. Sie fordert, dass die Lieferanten mit modernen Logistikkonzepten in die Supply Chain des Unternehmens eingebunden werden. Zudem sollen die Global-Sourcing-Quote erhöht und auch internationale Strukturen im Einkauf aufgebaut werden.

Aus den Ergebnissen entstanden strategische Projekte für die Warengruppen. Sie mussten zum Teil zusammen mit den Lieferanten umgesetzt werden. Die positive Folge: Die Quote an Just-in-time-Belieferungen oder die Zahl der Qualitätssicherungsvereinbarungen ließ sich erheblich erhöhen. Im Performance-Management schließlich wurden Leistungskennzahlen für den Fortschritt bei den modernen Logistikkonzepten sowie für die Global-Sourcing-Quote definiert.

2022 © Markt und Mittelstand · Alle Rechte vorbehalten.

Der Newsletter für Unternehmer – jeden Donnerstag in Ihr Postfach

NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN