Montag, 31.01.2022
Einkauf
Unternehmen in Existenznot durch Halbleitermangel

Fehlende Chips kommen aus der Waschmaschine

Der Chipmangel in der deutschen Wirtschaft sorgt für noch nie erlebte Kontraste. Die Auftragsbücher sind voll und dennoch befürchten viele Unternehmen die Pleite. In der Not werden schon neue Waschmaschinen ausgeschlachtet, um an die begehrten Elektronikteile zu kommen.
Grafik zum Thema Materialknappheit

Der Chipmangel wird die deutsche Wirtschaft noch lange beschäftigen.

Der Mangel an Halbleiter wird für viele Unternehmen im Mittelstand inzwischen existenzbedrohend. "Wenn sich die Lage nicht bald bessert, gerät ein zweistelliger Prozentsatz der Betriebe in große Schwierigkeiten“, warnt Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer des Verbands Südwestmetall, der rund 2500 Firmen in Baden-Württemberg im Blick hat. Inzwischen hat sich die Lage derart zugespitzt, dass jedes zweite Unternehmen von den Chipherstellern gar nicht mehr beliefert wird. Dick berichtet von einem Maschinenbauer, der sogar 100 Waschmaschinen aufgekauft und ausgeschlachtet hat, um an die begehrten Halbleiter für die eigene Produktion zu kommen.


Der Spezialist für Brandmeldeanlagen Hekatron im badischen Sulzburg verbaut jährlich eine Milliarde Halbleiter. Derzeit kommt jeder Dritte nicht bei der Fertigung im Dreiländereck an. "Und für die Chips, die wir bekommen, müssen wir bis zu 1000 Prozent mehr bezahlen“, klagt Geschäftsführer Michael Roth. Solche Preissteigerungen könne man nie und nimmer an die Kunden weitergeben. Hekatron versucht wie viele andere Unterhemen auch, so flexibel wie möglich zu reagieren, damit die Kunden dennoch schnellstmöglich beliefert werden. So kann passieren, dass manchmal an Wochenenden Sonderschichten gefahren werden, um dann am Montag und Dienstag wieder die Produktion anzuhalten. "Das geht nur dank der großen Solidarität unserer Mitarbeiter“; lobt Roth.

 

Fehlende Halbleiter

Die Folgen des Chipmangels sind weit reichend. Nur mit massivem Umplanen der Produktion konnte Hekatron in letzter Minute verhindern, dass ein neues Krankenhaus nicht wegen fehlender Brandmelder und Notrufanlagen dastand und so doch noch den Betrieb aufnehmen konnte. Beim Sensorhersteller Balluff aus Neustadt auf den Fildern bei Stuttgart sorgen fehlende Halbleiter sogar dafür, dass ausgerechnet die Unternehmen leer ausgehen, die eigentlich gerade dabei sind, neue Fertigungen für Chips aufzubauen – ein Teufelskreis. "Andere Kunden können wiederum ihre wichtigen Kunden in der Autoindustrie nicht beliefern und riskieren hohe Vertragsstrafen. Das ist dann existenzbedrohend“; verdeutlicht Geschäftsführerin Karin Stegmaier-Hermle. So eine Dimension habe sie noch nie erlebt. Eine Einschätzung, die Hekatron-Chef Roth nur bestätigen kann: "Ich bin jetzt 33 Jahre im Geschäft. Das ist die schlimmste Situation, die bisher erlebt habe und wird für viele existenziell.“


Mark Keller, Einkaufschef TII in Heilbronn zeigt auf, wie die kaum fingernagelgroßen Halbleiter tonnenschwere Lasten zum Stillstand bringen können. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei Fahrzeugen, die mehr als 5000 Tonnen bewegen können. Das können Segmente von Schiffen, Eisenbahnwaggons, Schlacke in der Schwerindustrie oder Bauteile im Anlagenbau sein. "Halbleiter verbauen wir beispielsweise in der Steuerung und Sensorik. Wenn sich die Lagen nicht bessert kann das zum Produktionsausfall führen.“ Dann, so Keller, würden wichtige Transporte beispielsweise im Schiffbau, Luft und Raumfahrt, Energieerzeugung oder Anlagenbau erst verspätet oder gar nicht stattfinden. Ein Beispiel, wie der von den winzigen Halbleitern ausgelöste Dominoeffekt ganze Lieferketten weltweit lahmlegen. Das ist ein Grund warum auch die Börsianer die Entwicklung mit wachsender Nervosität verfolgen.

 

Produktionsbehinderungen durch Materialmangel

"In der Dezemberumfrage des Ifo-Instituts meldeten mit 91 Prozent so viele Unternehmen wie nie zuvor Produktionsbehinderungen infolge eines Materialmangels. "Viele Firmen müssen in Kurzarbeit trotz voller Auftragsbücher“, so Dick. Dabei laufen den Unternehmen die Kosten davon. Südwestmetall hat ermittelt, dass die Beschaffungs- und Herstellkosten im vergangenen Jahr im Schnitt um ein Viertel gestiegen sind. Diese Kosten können die Betriebe aber nur zu einem kleinen Teil an die Kunden weitergeben. "An eine Marge ist schon lange nicht mehr zu denken“; stellt Dick klar. Der wirtschaftliche Druck steige in vielen Unternehmen inzwischen bis zur Existenzbedrohung.


Der Materialmangel schlägt zusammen mit den Folgen der Pandemie voll auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland durch. So ist das Bruttoinlandsprodukt im letzten Quartal 2021 um 0,7 Prozent geschrumpft. Die Lieferschwierigkeiten hätten die deutsche Industrie im zu Ende gehenden Jahr bereits grob geschätzt gut zehn Prozent an Produktionseinbußen gekostet, so Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm. Auch für das laufende Vierteljahr erwarten Volkswirte ein negatives Vorzeichen. Damit wäre Deutschland mitten in der Rezession, statt sich kräftig von den Folgen der Pandemie zu erholen. Für das Gesamtjahr wird jetzt ein Wachstum von 3,7 Prozent erwartet. Im vergangenen Sommer lagen die Prognosen es noch bei mehr als fünf Prozent. "Die globalen Lieferbeziehungen sind Nachhaltig aus dem Takt gekommen“, betont Südwestmetall-Geschäftsführer Dick. Immer öfter würden Unternehmen an die asiatische Konkurrenz verlieren, weil man mangels Halbleiter nicht liefern könne. "Es geht gerade Wertschöpfung in Europa kaputt“, warnt Hekatron-Chef Roth.

 

Chipmangel und die deutsche Wirtschaft

Ein schneller Trendwechsel ist beim Chip-Angebot nicht in Sicht. "Wir wissen, dass Texas Instruments 50 Milliarden Stück jährlich produziert, aber mit 100 Milliarden überbucht ist“, verdeutlicht Roth die Marktlage. Durch die Pandemie hätten die Hersteller den Ausbau der Kapazitäten zurückgestellt, ergänzt Dick. "Das hat zu einem Investitionsstau von zwei bis drei Jahren geführt.“ Rund 80 Prozent der Chips kommen aus Asien. Von dort würden derzeit in erster Linie Kunden aus der Region und Nordamerika beliefert. Die Folgen dieser Abhängigkeit sei bisher unterschätzt worden, so Dick. Insgesamt dürfte die angespannte Lage bis Anfang kommenden Jahres anhalten.


"Der Chipmangel wird die deutsche Wirtschaft auch 2022 und darüber hinaus beschäftigen", glaubt auch der Präsident des Digitalverbandes Bitkom, Achim Berg. "Die Engpässe betreffen alle Arten von Halbleitern von Speicherchips über Prozessoren und Sensoren bis zu einfachen Dioden." Aufgrund der langen und unflexiblen Produktionszyklen und der komplexen Wertschöpfungsketten ließen sich dafür keine schnellen Lösungen finden. Tatsächlich sind für die Herstellung von Halbleitern oft lange Produktionsketten notwendig. Oft vergehen mehrere Wochen, bis auf einer Siliziumscheibe – sogenannte Wafer –Mikrochips für die Industrie entstanden sind.

 

Was tut die Politik?

Bei Südwestmetall räumt man ein, dass die Politik kurzfristig wenig machen kann. "Man sollte aber ermöglichen, dass sich Unternehmen zusammenschließen, um so gemeinsam mit einer größeren Marktmacht mehr Chips beschaffen zu können“, erklärt Dick. Dies werde jedoch durch die geltende Kartellregelungen verhindert. Hier müsse man kurzfristig gegensteuern. Zudem sollte die Politik schon einwirken, dass Handelshemmnisse abgebaut würden.


Grundsätzlich geht es Verbänden und Unternehmen aber darum, dass wieder mehr in Europa produziert wird. "Ich fühle mich von der Politik allein gelassen. Jahrelang wurde die europäische Chipherstellung vernachlässigt und jetzt haben wir eine 100prozentige Abhängigkeit von asiatischen Herstellern“, klagt TII-Einkaufschef Keller. "Da muss deutlich was passieren!“. Dem schließt sich Hekatron-Chef Roth ausdrücklich an. Er sieht hier aber eheblichen Nachholbedarf bei den Rahmenbedingungen für die potenziellen Investoren, die für eine neue Halbleiter-Fabrik immerhin mehr als zehn Milliarden Euro stemmen müssen.  "Chipherstellung braucht eine stabile wie preisgünstige Energieversorgung. Doch wir haben die höchsten Strompreise.“


Prinzipiell ist der Schuss in Brüssel schon lange gehört worden. Die EU-Kommission will beispielsweise die europäische Chipversorgung auf eigene Füße stellen. Brüssel plant unter anderem ein zweites Important Project of Common European Interest on Microelectronics (IPCEI). Mitte der vergangenen Dekade wurde bereits ein erstes Programm dieser Art auferlegt, an dem sich Berlin mit einer Milliarde Euro beteiligte. Davon flossen rund 200 Millionen Euro in den Bau der neuen Dresdner Chip-Fabrik von Bosch. Der Konzern hat mehr als eine Milliarde Euro in den neuen Standort investiert. An einem zweiten IPCEI wäre man sehr interessiert, signalisiert eine Sprecherin in Stuttgart. Die alte Bundesregierung hat bereits drei Milliarden Euro Fördermittel eingeplant. Bis zum Aufbau einer umfassenden europäischen Chipversorgung werden allerdings dann noch Jahre vergehen.

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