Donnerstag, 06.09.2012
Einkauf
Bewertung von Lieferanten

Frühwarnsysteme im Einkauf

Wenn ein bedeutender Lieferant ins Straucheln gerät, schrillen die Alarmglocken im Einkauf. Auskunfteien sind teuer; eigene Systeme aufwändig, aber hilfreich.

Zwei Jahre, bevor der Lieferant insolvent ging, hatte der Einkäufer aus dem Nutzfahrzeugbereich bereits ein ungutes Gefühl, wenn er den Lieferanten besuchte. „Es wurde nicht mehr investiert. Man sah einfach, dass die Firma in Schwierigkeiten steckte“. Das Bauchgefühl als Frühwarnsystem ist eine Komponente, die nicht zu unterschätzen ist, wenn im Einkauf die roten Lichter angehen. Doch als alleiniger Indikator ist dies zu wenig. Daher entwickelt dieser Einkäufer für sein Unternehmen im Rahmen einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit aktuell ein Einkaufsinformationssystem.
Ein Ausfall in der Lieferkette ist das Worst-Case-Szenario im Einkauf. Denn in einer Werft kann dies schnell dramatische Folgen haben, schildert Peter Hackmann, Pressesprecher der Meyer-Werft. Ein Kreuzfahrtschiff wird nur dann vom Kunden abgenommen, wenn es komplett fertig gestellt und erprobt ist. Selbst kleinere Ausfälle können einen erheblichen Schaden anrichten.

Bewertung von Lieferanten

Die Kirchhoff Automotive Gruppe wendet sich im Zweifelsfall an die, die es wissen müssen. Einkaufsleiter Klaus Lawory fragt regelmäßg Bankauskünfte ab bzw. fallweise dann, wenn er den Eindruck hat, dass die wirtschaftliche Lage eines Lieferanten kritisch wird. Und schließlich erfolgt auch bei ihm der Rückgriff auf das bewährte eigene Bauchgefühl: „Wir halten selbst Augen und Ohren offen. Wir haben damit schon häufig genug Risiken noch vor den Auskunfteien erkennen können“, erklärt er.
Der Mittelständler aus dem Nutzfahrzeugbereich plant dagegen den Aufbau eines unternehmenseigenen Einkaufsinformationssystem im Unternehmen. Sein System sieht einen Mix aus verschiedenen Komponenten für die Beschaffung vor. Vor Ort fragen die Einkäufer des Unternehmens bei den Gesprächen mit den Lieferanten einkaufsrelevante Daten der Lieferanten ab. Dazu zählen Kennzahlen wie Umsatz, Mitarbeiterzahl oder Gewinn. Ergänzt werden diese Informationen mit SAP-Daten. Darunter fallen der Umsatz des Lieferanten mit dem eigenen Unternehmen; welche Teile im Einkauf bezogen werden, oder die Preise der Lieferungen. Dadurch entsteht ein interner Datenmix, der eine Bewertung der Lieferanten erlaubt.

Auskunfteien in der Kritik

Dieser Datenmix im Einkauf soll durch Informationen von Wirtschaftsauskunfteien, Rohstoffpreiskurven und Informationen zu den Rohstoffanbietern ergänzt werden. Auch hier findet der Umsatz des einkaufenden Unternehmens mit dem Lieferanten Eingang in die Datenbank, ergänzt durch die Finanzkennzahlen des Unternehmens.
Wenn Unternehmen selber an Frühwarnsystemen im Einkauf tüfteln, ist dies auch als Antwort auf die Mängel gängiger Lösungen am Markt zu verstehen. Die Systeme von Wirtschaftsauskunfteien werden unter Einkäufern als zu teuer und zu veraltet kritisiert. Dieser Einschätzung setzt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform eigene Zahlen entgegen. Ein halbes Jahr vor der Insolvenz seien fast 70 Prozent der Unternehmen bereits als Unternehmen mit einer schwachen Bonität ausgewiesen worden. Ein Monat vor dem Insolvenzverfahren hätten bei 93,5 Prozent der untersuchten Insolvenzfälle die virtuellen Alarmglocken geschrillt. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. „Bei Prognosen passieren Fehler“, räumt Pressesprecher Michael Bretz ein. Auch wolle man keinen guten Lieferanten schlecht reden.
Die Preise der Auskunfteien für Systemlösungen und Standardauskünfte sind erheblich. Eine Standardauskunft kostet zwischen 25 und 100 Euro. Wer eine Vielzahl von Lieferanten kontinuierlich im Einkauf im Auge behalten muss, denkt schnell über eigene Lösungen für eine Bewertung der Lieferanten nach – oder eine Flatrate.

Flatrate soll Kosten begrenzen

Mit so einer Flatrate ist der Anbieter Creditsafe vor gut zwei Jahren in den Markt gegangen, um im Einkauf eine Bewertung der Lieferanten zu ermöglichen. Markus Krüger, Marketing-Verantwortlicher von Creditsafe, nennt Wachstumszahlen von über 50 Prozent pro Jahr im deutschen Markt. Die Auskunftei bewertet Unternehmen mittels Handelsregisterdaten und Bilanzen. Der Markt ist insgesamt groß und wächst. Rund 1 Milliarde Euro haben Auskunfteien 2011 umgesetzt; davon entfiel die Hälfte auf den Branchenriesen Creditreform.

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