Dienstag, 03.05.2016

In der digitalisierten Welt ziehen neue Berufsbilder ein. Der Einkäufer wird zum Schnittstellenmanager.

Bildquelle: Wavebreakmedia/Thinkstock/Getty Images

Einkauf
Kollege Roboter verhandelt und zahlt

Ist der operative Einkäufer ein Auslaufmodell?

Mit der Digitalisierung verändert sich das Berufsbild des Einkäufers. Technologisches Know-how, Datenmanagement und Innovationssourcing sind gefordert. Im Gegenzug droht die Automatisierung des operativen Einkaufs, wie eine Studie aufzeigt.

Auf den Einkäufer kommen große Veränderungen zu. Die Digitalisierung ermöglicht eine durchgehende Vernetzung der Abteilungen innerhalb eines Unternehmens und über Unternehmensgrenzen hinweg. Dabei stoßen die Möglichkeiten der Automatisierung in neue Dimensionen vor:„Irgendwann gibt es einen Einkaufsroboter“, sagt Professor Michael Henke, Institutsleiter vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML. Ausgehend von Behältern, die sich selbst durch den Materialfluss steuern und bestellen, sei genauso denkbar, dass diese Behälter in absehbarer Zukunft auch verhandeln können. Bei der Telekom werden bereits heute Serviceroboter eingesetzt. „In fünf Jahren können wir das im Einkauf auch“, erklärt Volker Pyrtek, CEO von Buyin, dem Einkaufs-Joint-Venture der Deutschen Telekom und Orange. Ein großer Teil der taktischen Verhandlungen und Nachverhandlungen ließe sich automatisieren.

Gleichzeitig steigt die Bedeutung des strategischen Einkäufers. Auf ihn kommt eine Schnittstellenfunktion zu den internen und externen Partnern in der Wertschöpfungskette zu. Dies ist eines der Ergebnisse der Studie „Digitalisierung des Einkaufs – Einkauf 4.0“. Gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) hat das Fraunhofer IML die Rolle des Einkaufs im digitalen Strukturwandel der Industrie erforscht. „Die vierte industrielle Revolution bietet dem Einkauf die einmalige Chance, der Forderung nach seiner strategischen Rolle gerecht zu werden“, sagt BME-Hauptgeschäftsführer Christoph Feldmann.

Digitalisierung verzahnt Einkäufer und Lieferanten

Bildquelle: BME e.V./Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML

Prognosen für die Absatzentwicklung von Produkten können im Zuge der Digitalisierung eine viel höhere Treffsicherheit entfalten. Kundenpräferenzen werden vereinzelt bereits über soziale Netze untersucht und ausgewertet. Die neuen Möglichkeiten bedeuten eine veränderte Personalstruktur im Einkauf. „Es ist komplett falsch zu denken, dass jetzt jeder Einkäufer alles können muss“, erklärt Pyrtek. „Wir brauchen neue Mitarbeiter, die in dieser Welt groß geworden sind.“ Damit meint Pyrtek nicht unbedingt Einkäufer, sondern sieht auch in nicht allzu ferner Zukunft den Datenanalysten in der Einkaufsabteilung. Dieser ist allerdings teuer, und kaum ein Unternehmen ist bislang dazu bereit, die Personalkosten im Einkauf um 100.000 Euro für einen Datenanalysten aufzustocken.

In der Studie zeigte sich, dass sich die Sichtweise der befragten Einkaufsleiter auf die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, stark unterscheidet. Als „die nächste Revolution, die unsere Zusammenarbeit in jeder Form verändern wird“, beschrieb ein Studienteilnehmer Industrie 4.0. Vernetzung, Automatisierung, Selbststeuerung – das waren die gängigen Stichworte. Ein Viertel der 25 befragten Einkaufsleiter und CPOs gab an, dass in ihren Unternehmen erste Anwendungen umgesetzt werden.

In erster Linie sind dies Datenerfassung und -bearbeitung, Sensorik, Auslese von Kunden-, Produkt- und Produktionsdaten sowie RFID- und Barcode-Systeme. Im Einkauf ist Digitalisierung bisher in erster Linie in Form von Systemen zur elektronischen Beschaffung über Katalogsysteme angekommen. Elektronische Plattformen an der Schnittstelle zum Lieferanten, die Daten und Informationen austauschen, sind ein nächster Schritt. Immerhin gibt es in 45 Prozent der befragten Unternehmen eine zentrale Einheit, die das Thema Industrie 4.0 federführend betreut.

Apps steuern Kauforder

Eine Vielzahl von Optionen bieten Apps. Beispielsweise kann der Einkäufer frühzeitig eine Warnung vor einem bestimmten Kauforder über eine App auf sein Smartphone erhalten, weil in bestimmten Ländern disruptive Preisentwicklungen verzeichnet wurden. Schon heute ist absehbar, dass für die Entwicklung und Anwendung dieser Technologien an anderer Stelle im Einkauf Einsparungen erfolgen werden. Die Studienautoren nannten eine sinkende Mitarbeiterzahl im Einkauf als eine mögliche Option, vor allem durch den Abbau im operativen Einkauf. „Der operative Einkauf wird aussterben“, beschrieben sie eine Zukunftsvision, die die Befragten genannt haben.

„Vielleicht wird der Einkauf auch ganz verschwinden“, mutmaßt Axel Schulte, einer der Studienautoren und Abteilungsleiter Einkauf und Finanzen im Fraunhofer IML. „Commodities kann man einkaufen, den Einkauf auch.“ Die Studienteilnehmer waren ganz unterschiedlicher Meinung. Trotz der radikalen Veränderungen, die sie antizipieren, reicht die Bandbreite der Visionen zum Einkaufsprofil 4.0 vom ausgelagerten Einkauf über den Einkäufer als Multitalent und Schnittstellenmanager hin zu einer zentralen Funktion, die der Einkäufer auch in Zukunft im Unternehmen behalten wird.

Ein weiterer Treiber für den Wandel im Einkauf ist der stärkere Zukauf von Innovationen in den Unternehmen. Gründe dafür sind mangelndes Know-how in der eigenen Forschung und Entwicklung sowie der schnellere Zugang zu neuester Technologie. Entsprechend steigt die Bedeutung von technologischem Know-how im Einkauf. „Der Einkauf muss Innovationsmotivator sein“, bestätigt Pyrtek.

Bildquelle: BME e.V./Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML

Dauerthema Datenschutz in der Digitalisierung

Als eines der größten Hindernisse gilt der Datenschutz, insbesondere im Hinblick auf die umfangreichen Datenmengen, die generiert werden. Die befragten Einkäufer misstrauen der Datensicherheit. Doch auch die Fehleranfälligkeit bestehender IT-Systeme wird als relativ hoch eingeschätzt. Der Anbietermarkt neuer Technologien sei zudem unübersichtlich und intransparent.

Daten sammeln, auswerten und schützen verursacht hohe Kosten – auf den ersten Blick. Doch die Digitalisierung bringt auch Beispiele hervor, die mit minimalen Investitionen hohe Einsparungen erzielt haben. Michael Krause konnte bei seinem vorherigen Arbeitgeber mit einer verblüffend einfachen Maßnahme eine hohe Einsparung erzielen. Der Supply Chain Manager hat mit einigen seiner Lieferanten vereinbart, dass er Digitalfotos über den gesamten Prozess der Fertigung bis hin zur Auslieferung erhält. Die Bilder werden mit dem abgesprochenen Zeitplan verglichen. Ergebnis war, dass die Liefertreue deutlich anstieg, rund 30 bis 50 Lieferantenbesuche entfallen pro Jahr und ein Vollzeit-Einkäufer konnte durch zwei Teilzeitbeschäftigte auf 450 Euro Basis ersetzt werden

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