Montag, 07.03.2016

Arbeiter beim Umsetzen von Ziegeln in Bangladesh. Oftmals führen Frauen in dem asiatischen Land körperlich schwere Arbeiten aus. Audits sollen zweifelhafte Arbeitsbedingungen aufdecken. Eine aktuelle Studie hat die Wirksamkeit dieser Audits stark kritisiert.

Bildquelle: Dmitry Chulov/Thinkstock/Gett Images

Einkauf
Schärfere Audits bei Lieferanten zwingend notwendig

Keine Akzeptanz für Missachtung von Arbeitsstandards

Die meisten Audits finden Verstöße gegen Arbeits- und Umweltstandards. Eine Studie argumentiert, Audits verschärfen Missstände in der Lieferkette. Mittelständler sollten Lieferanten genau prüfen.

Zur Überprüfung von festgelegten Standards bei Lieferanten werden Audits durchgeführt. Meist prüft ein Auditor, inwieweit ein Lieferant die vereinbarte n Ziele erreicht.  Oftmals tragen Audits bei Lieferanten allerdings nicht dazu bei, Missstände in der Lieferkette zu verbessern. Die zunehmende Zahl der Audits  zementiert lediglich die bestehenden Mängel, glaubt das Sheffield Political Economy Research Institute in seiner Studie „Ethical Audits and the Supply Chains of Global Corporations“ herausgefunden zu haben. Dieser Befund wäre bitter, sollen regelmäßige Audits, die von Nichtregierungsorganisationen wie beispielsweise der Fair Wear Association oder den Unternehmen selbst durchgeführt werden, doch dafür sorgen, dass Arbeits- und Sozialstandards in den Werken der Zulieferer auch tatsächlich eingehalten werden.

Die Motivation liegt auf der Hand: Kein Unternehmen will mit Zwangs- oder Kinderarbeit in Verbindung gebracht werden. Die Zweifel an solchen Audits bei Lieferanten wachsen jedoch. Beispiel Bangladesh: Zu der Tragödie in Rana Plaza, wo bei dem Einsturz eines Fabrikgebäudes im April 2013 mehr als 1.000 Menschen starben, kam es, obwohl vorher Audits stattgefunden hatten. Sheffield geht sogar so weit, dass die Audits mit verantwortlich dafür seien, dass Verstöße nicht aufgedeckt werden. „Verstöße gegen Arbeits-, Sicherheits- und Umweltstandards treten oft in zertifizierten und auditierten Lieferketten auf. Unsere Interviews zeigen, dass Unternehmen ein Auditingsystem aufgesetzt haben, das in ihrem Sinne funktioniert, jedoch den Arbeitnehmern und der Umwelt wenig nutzt“, sagt Genevieve LeBaron, Ko-Autorin und Politikdozentin an der University of Sheffield.

Audits bei Lieferanten finden meist Mängel

Für Evi Hartmann, Professorin an der Universität Erlangen-Nürnberg, stehen die positven Aspekte eines Audits im Vordergrund.

Bildquelle: Universität Erlangen-Nürnberg

Die Kritik zielt nicht nur auf Unternehmen, sondern auch auf Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Da auch sie Audits bei Lieferanten durchführen, die von den britischen Politologen gleichfalls als mangelhaft eingestuft werden, würden sie dazu beitragen, dass sich Staaten aus der Verantwortung ziehen. Die Zustände im eigenen Land würden nicht mehr sorgfältig geprüft werden. Doch diese These der Briten provoziert Widerspruch: „Nur schlampige Audits zementieren Missstände“, wehrt die Professorin Evi Hartmann von der Universität Erlangen-Nürnberg ab. „Die Autoren versuchen mit ihren Aussagen aufzurütteln, indem sie ganz scharf formulieren.“
In der Realität verlaufen die meisten Audits bei Lieferanten nicht ohne Beanstandungen. Auditoren räumen ein, dass sie Missstände vorfinden, aber sie verweisen auch darauf, dass ihre Audits dazu beitragen, diese zu beheben. Es könne keinesfalls der Schluss gezogen werden, dass Audits komplett abgeschafft werden sollten, meint Hartmann. Vielmehr müsse mehr Wert auf umfassende Audits gelegt werden. Allerdings bestreitet die Studie auch nicht den positiven Effekt vieler Audits, kritisiert aber, dass oftmals nur eine Verlagerung der problematischen Zustände in die tieferen Ebenen der Lieferkette stattfindet.

Auftraggeber gehen zunehmend dazu über, die Lieferkette ihrer Zulieferer zu prüfen. Wenn diese Missstände aufweist, kann ein Rufschaden auch sie treffen. Beispiel Berlin: Nach dem Abschluss der neuen Rahmenverträge mit der öffentlichen Hand für Drucker, Notebooks und Server mussten bei einem Elektronikkonzern die Sektkorken etwas verspätet knallen. Der Umweltmanager und andere Vertreter des Unternehmens erhielten eine Einladung nach Berlin. „Lassen Sie uns die Probe aufs Exempel machen“, hieß es dort. Was damit gemeint war, blieb nicht lange unklar: „Wir möchten wissen, wie nachhaltig Ihre Lieferkette ist, wenn Sie solch einen großen Auftrag von einer Bundesbehörde bekommen.“ Die Dame wurde konkret: „Gucken wir uns doch Foxconn in Tschechien an. Können wir dort einen Termin machen?“

Mit dem Kunden beim Lieferanten

Audits bei Lieferanten werden zu einem wichtigen Faktor für Kunden und Auftraggeber. Foxconn, ein asiatischer Hersteller von Computer- und Elektronikteilen, hatte kurz vor der Auftragsvergabe Schlagzeilen mit angeblich extrem schlechten Arbeitsbedingungen gemacht. Es gab Berichte, wonach es auch in der Fabrik im ostböhmischen Pardubice schwere Missstände geben sollte.  So gab es vor der Auftragserteilung einen gemeinsamen Besuch von Lieferant und Prüfer der öffentlichen Hand bei Foxconn. Er ergab jedoch keine Auffälligkeiten.

Wie kann sich ein Mittelständler davor schützen, dass seine Lieferkette eklatante Missstände im Hinblick auf Arbeits- und Sozialstandards aufweist?  Eine Möglichkeit ist die genaue Prüfung von Zertifikaten. Einige solcher Testate haben sich über Jahre hinweg einen guten Ruf aufgebaut, wie beispielsweise der Forest Stewardship Council (FSC). Für ein FSC-Label müssen Unternehmen ein Verfahren aufbauen, dass die gesamte Produktkette vom Wald bis zum Endkunden ausleuchtet.  Eine genaue Planung des Besuchs beim Lieferanten ist ferner zwingend, um einen hohen Qualitätsstandard beim Audit zu erreichen. Der Auditor kann beispielsweise Personalakten und Sozialräume prüfen und Zugang zu Räumen zu erfragen, die nicht Teil des Audits sind.

Lesen Sie dazu ab dem 14. März den Artikel „So schützen Sie sich vor Missständen in der Lieferkette“ sowie „Kinderarbeit in der Lieferkette keine Seltenheit“ ab dem 21. März.