Mittwoch, 23.03.2016

Nur persönliche und umfassende Besuche beim Lieferanten in Asien können Missstände bei den Arbeitsbedingungen offenlegen.

Bildquelle: Kzenon/Thinkstock/Getty Images

Einkauf
Wie alt ist der chinesische Fabrikarbeiter?

Kinderarbeit ernstes Problem beim Einkauf in Asien

Einkäufer finden bei ihren Lieferantenbesuchen in Asien oft eklatante Missachtungen von Arbeitsstandards. Marco Knuist hat erschreckende Bilder gesehen.

Jahrelang ist Marco Knuist in der Automobilindustrie als Einkaufsleiter in der Supply Chain tätig gewesen. Er prüfte die Werke der Zulieferer in Osteuropa, China, Indien, den USA oder Südamerika.

Markt und Mittelstand: Was genau war Ihre Aufgabe als Prüfer der Zulieferer?
Marco Knuist: Aus Einkaufsleiter war ich für die Lieferanten Compliance des Social Accountability Standard 8000 verantwortlich. Dieser Standard dient der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und basiert auf den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation und der Vereinten Nationen.

MuM: Sie haben konkrete Beispiele gefunden, wo Standards eklatant verletzt wurden?
Knuist: Wir haben einmal aufgrund eines ganz schlechten Bauchgefühls während des Besuchs bei einem Produzenten von Blechteilen in Indien spontan entschieden, noch zu einem Zulieferer dieses Lieferanten zu fahren. Dort erhielten die Blechteile noch eine Oberflächenbehandlung. Tatsächlich standen die Mitarbeiter barfuß in der Fertigung herum. Große Bäder mit Chemikalien waren offen aufgestellt. Das war unter allen Standards.

Mit Lieferanten, die sich nicht an die vereinbarten Standards gehalten haben, hat Marco Knuist, der jahrelang Einkaufsleiter in der Automobilindustrie war, nicht zusammengearbeitet.

Bildquelle: privat

MuM: Wie haben Sie reagiert?
Knuist: Ich habe den Einkäufer gefragt, ob er davon wusste. Er hat die Frage bejaht, und ich habe ihn spontan entlassen. Jeder Einkäufer muss wissen, wo er einkauft und ist verantwortlich für seine Lieferanten.

MuM: Was ist das größte Problem bei den Lieferantenbesuchen?
Knuist: Sie sehen nicht, ob es sich bei den Arbeitern um Kinder handelt. Ist der chinesische Arbeiter 14 oder 20 Jahre alt? Das ist gerade in Asien schwer zu erkennen. Mit zweifelhaften Lieferanten haben wir keine Geschäftsbeziehung aufgebaut.

MuM: Wie hat sich die Situation in Asien generell entwickelt?
Knuist: In Indien gibt es noch viel zu tun. Arbeitszeiten werden dort oft nicht reglementiert. Kinderarbeit gibt es vielleicht noch im Westen von China und in Indien, im Osten von China ist es wesentlich weniger geworden. In Indonesien schlafen Mitarbeiter auch in den Werken, wofür sie noch eine Miete zahlen – das ist absurd.

MuM: Wie reagiert die Automobilbranche auf solche Missstände?
Knuist: Das Thema wird sehr ernst genommen. Die meisten Tier 1-Lieferanten sind sehr empfindlich, dass diese Themen nicht auftauchen, denn das ist im Wettbewerb ein wesentlicher Nachteil.

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