Montag, 10.03.2014
Im ukrainischen Stryi fertigt der deutsche Automobilzulieferer Leoni Bordnetze.

Bildquelle: Leoni AG

Im ukrainischen Stryi fertigt der deutsche Automobilzulieferer Leoni Bordnetze. Beschäftigt sind dort über 5.000 Mitarbeiter.

Einkauf
Einkäufer befürchten steigende Rohstoffpreise

Krim-Konflikt:Lieferketten in Gefahr

Deutsche Unternehmen bereiten sich auf Lieferausfälle durch die Krim-Krise vor. Befürchtet werden auch steigende Rohstoffpreise und Störungen der Geschäftsbeziehungen zu Russland.

Bislang gibt es keine Produktionsausfälle in der Ukraine oder auf der Krim. Deutsche Unternehmen beziehen nach wie vor ungehindert Produkte aus der Ukraine. Allerdings haben erste Unternehmen Schreiben erhalten, die auf die Gefahrensituation einer Lieferverzögerung, beispielsweise durch Beeinträchtigungen bei der Zollabwicklung, hinweisen.

Die Unternehmen bereiten sich auf eine Verschärfung der Situation vor. „Im Falle von Grenzschließungen Richtung Westen, wohin unsere fertigen Produkte per Lkw gehen, ziehen wir eine Belieferung per Luftfracht in Betracht“, sagt Pressesprecher Sven Schmidt von dem Automobilzulieferer Leoni gegenüber Markt und Mittelstand.

Der Automobilzulieferer hat in der ukrainischen Stadt Stryj ein Werk, wo Kabelsätze und Bordnetze für europäische Automobilhersteller gefertigt werden. Das Werk liegt rund 100 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, nach Kiev sind es etwa 600 Kilometer. Um auf einen Ausfall vorbereitet zu sein hat Leoni Notfallpläne für verschiedene Szenarien ausgearbeitet: „So haben wir bereits mit dem Ausbruch der Unruhen Maßnahmen eingeleitet, wie zum Beispiel die Materialversorgung erhöht“, erklärt Sven Schmidt.

Gunnar Gburek, Fachbereichsleiter Logistik des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik bestätigt, dass die Transportwege in den Westteil der Ukraine, insbesondere nach Kiew, weitestgehend frei seien.

Krim-Konflikt: Steigende Rohstoffpreise befürchtet

Der Einkaufsleiter eines europäischen Automobilzulieferers befürchtet als Folge der Krim-Krise einen Anstieg der Rohstoffpreise für Gold, Silber, Gas, Öl, Kupfer und Aluminium. „Eine Kostenexplosion bei Rohstoffen und die sinkende Nachfrage – in Krisenzeiten wird eher gespart und Ausgaben in die ungewisse Zukunft verschoben – könnten uns große Probleme bereiten.“ Das Unternehmen habe sich noch immer nicht vollständig von der Finanzkrise erholt.

Eine Angebotsverknappung und steigende Preise für Öl befürchtet Daragh McDowell vom Risikoanalysten Maplecroft nicht. „Russland ist darauf angewiesen, Öl und Gas auf dem Weltmarkt zu verkaufen.“ Allerdings könnten Investoren verstärkt in Platingruppenmetalle anstatt in Unternehmensanteile investieren und damit Preissprünge auslösen.

Krim-Konflikt: Geschäftsbeziehungen mit Russland gefährdet

Die Situation auf der Krim wird als volatil und gefährlich eingeschätzt. „Russland hat die militärischen Truppen auf der Krim als selbstverteidigende Einheiten, die nicht unter russischer Kontrolle stehen, bezeichnet, aber ihre gute Ausstattung und Organisation widerlegen diese Behauptung, sagt Risikoanalyst Daragh McDowell von Maplecroft. Er hält Sanktionen aus Russland, die europäische und amerikanische Firmen treffen würden, aktuell eher für unwahrscheinlich.

Die russische Volkswirtschaft sei auf ausländische Investoren angewiesen. Eine Erschließung von Kohlenwasserstoffstätten für die Öl- und Gasindustrie sei ohne die Technologie aus den Industrieländern nicht möglich. In der Rhetorik und im Hinblick auf Maßnahmen seien die USA aktiver als die EU, da das Handelsvolumen zwischen der USA und Russland deutlich geringer sei als zwischen Russland und der EU, ergänzt er. Deutschland bezog 2012 Importe aus der Ukraine im Wert von rund 1,6 Milliarden US-Dollar.

Laut BDI sind in der Ukraine rund 1.000 deutsche Unternehmen aktiv, in Russland sind es zwischen 6.000 und 7.000 deutsche Unternehmen. „Das größere Damokles-Schwert ist derzeit Russland“, sagt Tobias Federkeil, Experte für politische Risiken beim Industrieversicherungsmakler und Risikoberater Marsh. Gefahr droht aus Russland durch die Androhung, Eigentum und Konten ausländischer Firmen einzufrieren oder zu konfiszieren. Ein entsprechendes Gesetz wird durch das Oberhaus, den Föderationsrat, vorbereitet, wie der Deutschlandfunk meldete.

Deutsche Firma muss Liste mit wehrfähigen Männern erstellen

Ein mittelständischer Unternehmer, der seit über zehn Jahren eine Produktionsstätte in der Ukraine nahe der russischen Grenze betreibt, berichtet von einer ganz anderen Gefahr. Sein Produktionsleiter hat ihn am Montag angerufen und berichtet, dass er eine Liste mit allen wehrfähigen Männern im Unternehmen an die ukrainische Behörde geben musste.

Von 200 Mitarbeitern stand rund ein Viertel auf der Liste. „Allein schon die Mobilmachung würde uns erhebliche Probleme bereiten“, berichtet der Unternehmer, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht öffentlich lesen möchte. „Mit Lieferschwierigkeiten müssen wir rechnen“, sagt er. Hinzu kommt, dass das Unternehmen von der Ukraine aus den russischen Markt beliefert. Ein Umsatzrückgang ist für ihn absehbar.

Bei dem Industrieversicherungsmakler Marsh gehen verstärkt Anfragen zur Situation in den beteiligten Regionen ein, wie Geschäftsführer Georg Bräuchle mitteilte. Doch für eine Absicherung politischer Risiken sei es jetzt zu spät, da diese aktuell auf dem Versicherungsmarkt kaum zu versichern seien. „Das ist sehr, sehr schwierig bis unmöglich“, sagt Bräuchle. Schadensmeldungen habe es im Zusammenhang mit der Krim-Krise noch nicht gegeben.

Allerdings ist ein Ausfall aufgrund einer politischen Krise in der Regel nicht mitversichert. „Solche Situationen lösen meist keinen Versicherungsfall aus, dafür braucht es eine Spezialdeckung für politische Risiken“, erklärt Bräuchle. Für Unternehmen ist die Vorbereitung auf mögliche Krisen und Lieferketten entscheidend. "Im Idealfall hat das Unternehmen keine Bottlenecks sondern mehrere Lieferanten für kritische Produkte, oder es hat Ausfälle über spezielle Versicherungslösungen im vorausschauenden Risikomanagment abgesichert", erklärt Tobias Federkeil.

Info

Die größten Risiken des Krim-Konflikts

 

  • Staatspleite der Ukraine

  • Verfall der Landeswährung Griwna

  • Verzögerungen bei der Zollabwicklung

  • Beeinträchtigungen der Transportwege, insbesondere auf der Krim

  • Steigende Rohstoffpreise (Gold, Silber, Gas, Aluminium, Kupfer, Aluminium, PGMs)

  • Global: sinkende Nachfrage durch entstandene Unsicherheit. Dies könnte viele Unternehmen, die sich von der Finanzkrise noch nicht vollständig erholt haben, hart treffen.

 

 

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