Freitag, 07.09.2012
Einkauf
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Nord-Süd-Achse im Einkauf

In Italiens Unternehmenslandschaft finden sich weit verzweigte Netzwerke. Einkäufer profitieren einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit der Italiener. Die Krise hat jedoch auf die Investitionsneigung gedrückt.

Mit 50 italienischen Unternehmen will die Deutsch-Italienische Handelskammer im kommenden Jahr auf deutsche Einkäufer zugehen. Besonders die Lebensmittelbranche soll profitieren. In verschiedenen deutschen Städten sind Präsentationen für den deutschen Einkauf geplant. Gestiegene Steuern schmälern allerdings die internationale Wettbewerbsfähigkeit italienischer Prozenten. Ministerpräsident Mario Monti hatte nach seiner Amtsübernahme zur Sanierung der Staatsfinanzen zahlreiche Steuern angehoben. Die Unternehmenssteuer ist auf 55 Prozent angestiegen.
Der Brillenhersteller Rodenstock bezieht aus Italien Fassungen. Einkaufsleiter Roland Dimbath lobt die „sehr gute, sehr partnerschaftliche Zusammenarbeit“. Norditalien gilt unter Einkäufern, die aus Italien beziehen, als „Musterländle“: schnell, termintreu, zuverlässig. Finanzierungsengpässe bereiten den italienischen Zulieferern allerdings Probleme. Der Zugang zum Kapitalmarkt ist begrenzt; Zinskosten ziehen an.

Beschaffungsmärkte in Italien unter Druck

Auch der GTAI spricht insbesondere der italienischen Nahrungsmittelindustrie Potenzial zu. Neben der Modebranche und dem Maschinenbau würden zunehmend auch Nahrungsmittel internationale Marktchancen besetzen. Die Produktion großer Branchen wie Maschinenbau, Kfz, Chemie und Bau hat sich 2012 in Italien rückläufig entwickelt. Die bisher international starke Automobilzulieferindustrie kämpft mit gestiegenen Preisen, die europäisches Niveau erreicht haben.
Italienische Firmen sind in erster Linie – klein. Lediglich 0,08 Prozent der Unternehmen in Italien beschäftigen nach Auskunft des statistischen Amts Istat über 250 Mitarbeiter. Weniger als 50 Beschäftigte haben 99,4 Prozent der Firmen. Viele kleine Unternehmen sind in Gebietssystemen (italienisch: Distretti) ansässig. Manche dieser Industriedistrikte haben schon Jahrhunderte in Italien überdauert. Fast jedes zweite italienische Produktionsunternehmen findet man in einem Industriedistrikt. Sie kommen auch für knapp die Hälfte der italienischen Ausfuhren auf.

Geringe Markttransparenz in Italien

Die Unternehmen pflegen einen intensiven Austausch und sind auch oft familiär miteinander verflochten. Oft sind sie auf den gleichen Märkten unterwegs. Das italienische Erfolgsmodell der Netzwerke mit vielen kleinen Unternehmen sieht sich jedoch durch die asiatischen Konkurrenten bedroht. Ein Einkäufer, der vor Ort fertigt, bestätigt: „Die Beschaffungsmärkte sind in Italien sehr unter Druck durch die asiatische Konkurrenz“. Durch die anhaltende Wirtschaftskrise konnte Italien nicht so stark investieren und modernisieren wie Asien.
Die starke Fragmentierung der Industrie bedeutet eine relativ geringe Markttransparenz. Auch gibt es große regionale Unterschiede. Das Nord-Süd-Gefälle ist nach wie vor stark. Dies erschwert es dem deutschen Einkauf, einen Überblick über die Zulieferstruktur einzelner Branchen zu gewinnen. Daher arbeiten deutsche Unternehmen oftmals mit Vermittlern zusammen. Die Deutsch-Italienische Handelskammer unterstützt deutsche Unternehmen bei ihren Einkaufsaktivitäten. Italienische Lieferanten werden für die Anfragen speziell ausgewählt und vorqualifiziert.

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Das dritte Italien: Linktipps

 

Definition der Industriebezirke: Räumlich abgegrenzte, industrielle Produktionssysteme mit vor allem kleinen und mittleren Betrieben. Starker Netzwerkgedanke

Georgraphische Verteilung der Industriedistrikte: Belluno (Brillenherstellung), San Daniele (Lebensmittel), Mirandola (Biomedizin), Lecco (Metall), Capannori (Umwelttechnik), Fabbriano (Haushaltswaren und Mechanik)

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Einkäufer-Initiativen in Südeuropa

In diesem Jahr hat der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Beschaffung (BME) eine neue Initiative für den Einkauf in Südeuropa gestartet. Ende Mai reisten elf Mitgliedsunternehmen des BME mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler nach Portugal. In Lissabon und Porto trafen die Einkaufsleiter auf portugiesische Zulieferer.
Als Teil der Initiative „Portugal Plus“, die vom BME seit Mai 2012 begleitet wird, kamen Ende September 17 portugiesische Unternehmen, insbesondere aus den Bereichen Automotive und Formenbau, nach Deutschland. Sie trafen in Berlin, Essen und Stuttgart auf deutsche Einkäufer.
Beim Deutsch-Portugiesischen Unternehmertreffen in Portugal, an dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahm, fand Mitte November der Gegenbesuch statt. BME-Einkäufer und portugiesische Lieferanten trafen in Lissabon zu einem Matchmaking zusammen.
Im Oktober reiste eine BMW-Delegation mit sieben Einkaufsleitern nach Madrid. Sie trafen dort mit 70 spanischen Unternehmern zusammen. Die deutschen Einkäufer erkundeten neue Möglichkeiten für Lieferpartnerschaften in Spanien. Die Spanien-Reise war eine gemeinsame Initiative des BME mit der Außenhandelskammer Spanien und dem Bundeswirtschaftsministerium.

Kontakt
Sabine Ursel
Leitung Kommunikation
Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME)
Tel.: 069/3 08 38-1 13, mobil: 0163/3 08 38 00
E-Mail: sabine.ursel@bme.de
Internet: www.bme.de

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