Freitag, 10.04.2015
Der Einkauf in der Automobilbranche ist hoch-professionell organisiert.

Bildquelle: Mercedes-Benz Cars

Eine Produktionsstätte von Daimler in Indien. Asien rückt in den Fokus der OEMs.

Einkauf
OEMs sourcen verstärkt lokal

So kauft die Automobilbranche ein

Keine Branche hat Einkauf und Beschaffung so professionell gestaltet wie die Automobilbranche. Hier sind die 5 wichtigsten Regeln der Profis – und was der Mittelstand davon lernen kann. Ein Überblick über den Einkauf in der Automobilbranche.

Die Automobilbranche mischt die Karten neu. Bereits seit dem legendären Opel-Einkaufschef Jose Ignacio Lopez ist klar, welche Branche im Einkauf vorneweg geht: Einkäufer der OEMs verstehen ihr Handwerk. Der Einkauf in der Automobilbranche ist schon lange keine reine Beschaffung mehr, sondern sieht seine Aufgabe in der Optimierung und dem Controlling von Lieferketten. Auch die Verankerung in der Geschäftsführung flankiert den Einkauf mit einem großen Spielraum. Bei Mercedes Benz zeigte sich dies durch die Berufung des langjährigen Einkaufsleiters Klaus Zehender in den Bereichsvorstand im vergangenen Jahr.

Bei der Entwicklung von Innovationen werden Zulieferer verstärkt in die Produktentwicklung einbezogen. Der Automobilzulieferer Dräxlmeier konnte durch den Einsatz der Kenaf-Pflanze in der Türverkleidung des BMW i3 eine Gewichtseinsparung von 3 kg pro Fahrzeug erreichen. Durch die Gewichtsverringerung sinkt der Verbrauch. BMW hatte anhand eines Lastenheftes den Einsatz nachwachsender Rohstoffe für die Türverkleidung des BMW i3 vorgegeben, woraufhin Dräxlmeier die Innovation entwickelte.

Die OEMs produzieren verstärkt im Ausland; auch der lokale Einkauf steigt deutlich. Bis 2018 sollen 62 neue Produktionsstätten entstehen, davon 32 in China, in Brasilien sieben und in Thailand sechs. Dies ergab die Deloitte-Studie „Umbruch in der Automobilzulieferindustrie: Standortoptimierung und Sourcing“. Im Zuge dessen werden Automobilzulieferer mit einem Umsatz über 50 Millionen Euro regelmäßig angefragt, ob sie um die Produktionsstätten der OEMs herum eigene Produktionen aufbauen wollen. „Die produktionsnahe Beschaffung leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Wirtschaftlichkeitsziele“, sagt Klaus Zehender. In diesem Jahr sollen in China 200.000 Autos vom Band laufen. Bisher werden im BBAC-Werk in Peking 60 Prozent lokal gesourct. „Wir wollen die Lokalisierung noch weiter vorantreiben“, sagte Klaus Zehender, Einkaufsleiter für Mercedes-Benz Cars, auf einem Pressegespräch in Stuttgart.

Der Einkauf in der Automobilbranche ist im Vergleich zu anderen Branchen personalintensiv. Ein Automobilzulieferer wie Inteva Products (Umsatz rund 1,92 Mrd Euro) beschäftigt rund 100 Einkäufer. Bei der Daimler Group sind etwa 600 Mitarbeiter im Einkauf tätig. „Der enge Kontakt zwischen Herstellern und Zulieferern ist ein Hauptgrund für die starke internationale Wettbewerbsposition der deutschen Automobilindustrie“, glaubt Eckehart Rotter, Sprecher des Automobilverbands VDA. Was können Einkäufer aus dem Mittelstand von ihren Kollegen aus der Automobilbranche lernen?

Einkauf-Profiregel 1: Im Einkauf jährlich Preisanpassung fordern

Jedes Jahr werden die Automobil-Zulieferer von ihren Kunden, den Automobilherstellern, mit der Forderung nach Produktivitätsverbesserungen konfrontiert. Diese Preisanpassungen müssen kompensiert werden durch Optimierung der eigenen Wertschöpfung sowie durch Verbesserung der Kostenstrukturen bei Zukaufteilen durch den Einkauf. „Solche jährlich wiederkehrenden Forderungen nach Produktivitätsverbesserungen sind im Mittelstand noch wenig verbreitet“, erklärt Einkaufsleiter Enno Biermann. Getrieben durch die OEMs sind auch in der Zulieferindustrie in der Automobilbranche die Kostenstrukturen optimiert. Andreas Pohle spricht von einer Tannenbaum-Struktur in der Zulieferkette der Automobilbranche, weil die Zulieferkette in der zunehmenden horizontalen Breite bis Tier 7 eng verzahnt ist. „Die Lieferkette wird in der Automobilbranche sehr konsequent und ganzheitlich gedacht“, sagt der Geschäftsführer der AMC Group. Eine Optimierung finde in der Beschaffung entlang der gesamten Zulieferkette statt.

Allerdings hat diese einseitige, hierarchische Steuerung in der Beschaffung auch einen Nachteil: „Die Kommunikation in der Lieferkette ist bescheiden“, kritisiert Marco Knuist, Senior Director Supply Chain Management beim Automobilzulieferer Inteva Products. Die Ausrichtung in der Lieferkette erfolgt von oben nach unten und zu wenig horizontal.

Einkauf-Profiregel 2: Kostenkalkulationen von Lieferanten und Vorlieferanten erfassen

Mit einer parallel geführten, eigenen Kalkulation werden in der Automobilbranche die Kostenkalkulationen des Zulieferers überprüft. „Der Einkauf oder extra dafür aufgestellte Abteilungen erstellen eine Parallelkalkulation, um die Kostenstrukturen zu überprüfen“, erklärt Thomas Rinn, Partner und Einkaufsexperte bei der Strategieberatung Roland Berger.

Überprüft wird alles, was Kosten verursacht: Löhne, Ausschussraten, Energie und Material, Overheads. Oder Ausschussraten. Ein Einkäufer aus der Automobilbranche zum Beispiel ermittelt die typische Ausschussrate einer Laserschneidemaschine bei seinem Lieferanten und nutzt die gewonnenen Informationen, um Optimierungspotenziale durchzusetzen. Solche Detailkenntnisse ermöglichen im Einkauf ein starkes Argumentationsgerüst für Preisverhandlungen.

Ein großer internationaler Automobilhersteller hat für die Eigenfertigung von Subkomponenten in Projektteams die Zulieferwerke bereist, um sich über die Herstellung, Läger und Logistik zu informieren. Es zeigte sich, dass der Zeitpunkt, an dem Varianten entstehen, entscheidend war für die Effizienz in der Beschaffung. Daraus entstand ein Workshop mit der Zielsetzung, den Variantensprung möglichst weit nach hinten zu verlegen. 41 Maßnahmen wurden entwickelt und schließlich ein neues Konzept der Fließfertigung installiert. Ziel-, Durchlauf- und Bearbeitungszeiten wurden neu aufgesetzt. Die Einsparung belief sich auf 22 Prozent.

Neben den Lieferanten sind auch die Vorlieferanten in der Automobilbranche Teil des Kostenscreenings. Gemeinsame Innovations-Workshops werden auch mit ihnen durchgeführt. „Das Wissen der Lieferanten über ihre Produkte ist unglaublich hoch“, bekräftigt Geschäftsführer Tobias Német, Geschäftsführer von ROI Management Consulting. „Wenn wir solche Workshops mit einer 50:50 Ergebnisbeteiligung anbieten, sind die Zulieferer und Vorlieferanten an einer Zusammenarbeit sehr interessiert“, erklärt Yusuf Arslan, Einkäufer bei einem großen Automobilhersteller.

Einkauf-Profiregel 3: Zusammenarbeit mit den Lieferanten standardisieren

Doch ohne Misstrauen kommt selbst die Automobilbranche nicht aus. „Wir können unseren Lieferanten nicht trauen“, sagt der Einkäufer eines großen OEMs. Wichtig ist daher im Einkauf eine durchdachte Prozess-Standardisierung für die Zusammenarbeit zwischen Lieferant und Einkäufer. Eine wissenschaftliche Studie in Zusammenarbeit mit der AMC Group zeigte auf, dass OEMs und Zulieferer in der Beschaffung nicht an einem Strang ziehen. Einige Lieferanten wurden im Tagesgeschäft besser informiert als andere.

Daher gilt: Wenn die Zusammenarbeit zwischen Kunde und Zulieferer nicht standardisiert ist, ergeben sich schnell Informationsungleichgewichte gegenüber einigen Zulieferern. Zwar weiß der Einkäufer genau darüber Bescheid, was er erreichen will, bindet aber seine Lieferanten nicht unbedingt optimal in den Produktentwicklungsprozess ein, weil er ihm nicht vertraut. Doch ohne ein vertrauensvolles Verhältnis und einer intensiven Kommunikation zwischen Einkäufer und Lieferant lassen sich keine optimalen Innovationen generieren.

Einkauf-Profiregel 4: Lieferanten-Selbstauskunft etablieren

Einkäufer Yusuf Arslan verschickt jedes Jahr an alle Lieferanten eine Aufforderung zur Selbstauskunft: Erfasst werden von den Zulieferern unter anderem Umsätze, Gewinne, Eigenkapitalquote oder Zertifikate. „Wir sichern uns über diese Lieferanten-Selbstauskünfte ab.“ Insbesondere die Versorgungssicherheit wird dadurch in der Beschaffung gewährleistet, denn die Selbstauskünfte offenbaren zu einem frühen Zeitpunkt Probleme in der Lieferkette.

Einkauf-Profiregel 5: Mit Vorlieferanten Setzteil-Vereinbarungen festlegen

Mit einer Setzteil-Vereinbarung  sichert sich die Automobilbranche bis Tier 2 direkt ab. Setzteile sind Einzelteile in einer Lieferkette ab Tier 2, die vom Endkunden bestimmt, aber vom Lieferanten zukauft und verarbeitet werden. Wenn ein Lieferant beispielsweise Scheinwerfer liefert, entsteht mit diesem Vertrag ein Dreiecksverhältnis zwischen Einkäufer, Lieferant des Scheinwerfers und Vorlieferant der Glühbirne. Der Einkäufer des OEMs erfasst mit dieser Vereinbarung, zu welchem Preis und zu welchem Zeitpunkt die Glühbirne beim Lieferanten angeliefert wird.

Die jahrelange Prozessoptimierung in der Automobilbranche hat ihren Preis. Die Spielräume zur Kostensenkung werden in der Beschaffung geringer. Insbesondere bei der Preisentwicklung von Rohstoffen und Energiepreisen sind die Möglichkeiten gering, Kosten zu senken und die Lieferkette weiter zu optimieren.