Montag, 14.03.2016

Kein Bereich sollte tabu sein, wenn ein Auditor einen Zulieferer besucht. In der Regel werden Missstände gefunden.

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Einkauf
Lieferanten-Besuche wichtig für Mittelständler

So schützen Sie sich vor Missständen in der Lieferkette

Damit will kein Unternehmen in Verbindung gebracht werden: Kinderarbeit, 20-Stunden-Schichten, Zwangsarbeit in der Lieferkette. Audits bei Lieferanten können helfen, sind aber nicht zwangsläufig effektiv.

Immer mehr Stakeholder fordern Unternehmen dazu auf, eine nachhaltige Lieferkette sicherzustellen. Bei der Auftragsvergabe der öffentlichen Hand kommt es mittlerweile gleichfalls zu Nachfragen bezüglich der Lieferkette des Kunden. Ein Elektronikkonzern erhielt beispielsweise nach dem Abschluss der neuen Rahmenverträge für Drucker, Notebooks und Server von der Beschaffungsabteilung der öffentlichen Hand die Aufforderung, gemeinsam den Zulieferer Foxconn in Tschechien zu besuchen. Dieser Lieferant war kurz zuvor mit Vorwürfen extrem schlechter Arbeitsbedingungen konfrontiert worden: Zwölf-Stunden-Schichten und Löhne von 500 Euro, wobei ein Fünftel des Lohns noch an Prämien geknüpft war.  

Wie kann sich ein Mittelständler davor schützen, dass seine Lieferkette eklatante Missstände im Hinblick auf Arbeits- und Sozialstandards aufweist? Eine Möglichkeit sind Audits, in denen zuvor festgelegte Standards bei den Lieferanten überprüft werden. Meist übernehmen Auditoren solche Prüfungen, die beim Unternehmen vor Ort stattfinden.

Audits bei Lieferanten gut vorbereiten

Siegfried Dewaldt ist leitender Auditor bei Hewlett Packard.

Bildquelle: HP

Vor dem Besuch beim Lieferanten ist die genaue Planung entscheidend. Audits werden in der Regel angekündigt. Für unangemeldeten Besuch beim Lieferanten ist der Spielraum klein. Jedoch besteht durchaus die Möglichkeit, den Zutritt zu Räumen in der Fertigung zu erfragen, die nicht Teil des Audits sind. Oder der Revisor führt eine genaue Prüfung der Personalakten und Sozialräume
durch. „Wir gehen durch Fabriken, Lagerhallen, Kantinen, Küchen“, zählt Siegfried Dewaldt auf.

Er ist seit vielen Jahren als leitender Auditor für Hewlett Packard (HP) tätig und prüft Lieferanten auf Basis des Verhaltenskodex der Electronic Industry Citizenship Coalition (EICC). Diese gemeinsame Organisation von Elektronikherstellern hat einen Verhaltenskodex für die Elektronikfertigung aufgesetzt. HP ist eines der Gründungsmitglieder. Bei HP prüft Dewaldt heute als Auditor die Zulieferer im europäischen Raum. Für ein Großunternehmen wie HP ist die unternehmensinterne Prüfung derZulieferer durch Audits keine Frage mehr. Der Verhaltenskodex für Lieferanten legt Mindestauflagen bei Umwelt- und Arbeitsstandards fest. Für Lieferanten, die ausländische  Wanderarbeiter beschäftigen, gelten zusätzliche Auflagen. Der Kodex gilt für die gesamte Lieferkette.

Lieferanten mit Sanktionen belegen

„Es geht nie ohne Beanstandungen beim Audit“, erklärt ein Nachhaltigkeitsmanager. Der Mittelstand kann allerdings auch ein persönliches Asset ausspielen, das Unternehmen dieser Größenordnung auszeichnet: persönliche Beziehungen zu den Lieferanten. Bei dem Naturtextilienversandhaus Hess Natur kannte der Unternehmensgründer Heinz Hess viele Lieferanten persönlich. Eine Nichtregierungsorganisation wie die Fair Wear Foundation ist in der Textilbranche hoch angesehen. Auch Hess Natur ist dort Mitglied.

Dewaldt prüft bei den Lieferanten, welche Prozesse etabliert worden sind, damit das Mindestalter eingehalten wird und der Bewerber sein Alter auf den Unterlagen nicht manipulieren kann. „Wenn sich ein Lieferant nicht an die Spielregeln hält, gibt es Punktabzug in der Lieferantenbewertung“, sagt Dewaldt. Das kann bis zur Auslistung des Lieferanten gehen. „Die meisten Lieferanten sind empfänglich für Tipps und Informationen, um bessere Arbeitsbedingungenzu erreichen“, ergänzt er. Viele Lieferanten würden solche Verbesserungen als einen Wettbewerbsvorteil ansehen.

Gemeinsame Audits bei Lieferanten

Prof. Bernd Waas von der Universität Frankfurt am Main überprüft die Einhaltung internationaler Standards.

Bildquelle: Universität Frankfurt am Main

Eine weitere Möglichkeit der Absicherung für ein Unternehmen ist, einen eigenen Unternehmensvertreter bei den Kontrollen der Drittauditoren mitzuschicken. „Neu sind auch strategische Allianzen zwischen Großunternehmen und Mittelständlern“, erklärt Professorin Evi Hartmann von der Universität Erlangen-Nürnberg. Ein gemeinsames Audit sei ohnehin besser und würde immer zu einer tieferen Einsicht in die Prozesse beim Lieferanten beitragen.

„In solchen Allianzen bilden Großunternehmen und Mittelständler gemeinsame Teams, welche Prozessstandards und Bewertungskriterien definieren. Darauf aufbauend werden eigens akkreditierte Drittauditoren zu Lieferanten geschickt“, sagt Hartmann. Man könne mehr auditieren; die kleineren Unternehmen könnten von den größeren lernen. Die Prüfungen setzen an vielen Stellschrauben an.

In den „Application of International Labour Standards“ der International Labour Organisation (ILO) untersuchen auf knapp 700 Seiten hochrangige Richter, Hochschulprofessorenund andere Rechtsexperten die Einhaltung der ILO-Standards in den Ländern, die sich zur Einhaltung der Standards verpflichtet haben. Deutschland wird in dem Sachverständigenausschuss durch den Arbeitsrechtler Professor Bernd Waas von der Universität Frankfurt am Main vertreten. „Der Konferenzausschuss pickt sich die wichtigsten Fälle von Vertragsverletzungen raus und konfrontiert die Regierungen damit“, erklärt Waas. Sanktionen gibt es nicht. Dennoch hält Waas den Prozess für effektiv. „Die Regierungen müssen in den Dialog mit uns eintreten und sich gegebenenfalls
auch vor den anderen Regierungen rechtfertigen. Deshalb würde ich nicht sagen, dass dies nicht auch eine Art Sanktionsmechanismus ist“, wehrt der Jurist ab.

Türkei Brennpunkt bei Sozialstandards

„Ohne ein funktionierendes Rechtssystembleiben die meisten Audits ein Lendenschutz, damit die Unternehmen nicht ganz entblößt dastehen“, kritisiert ein Insider der Textilbranche. „Alter ist immer ein Thema, auch noch in Europa.“ In einem Fall sei man in einer türkischen Fabrik auf ein 14-jähriges Kind gestoßen und habe den Eltern angeboten, das Schulgeld zu übernehmen, damit das Kind nachmittags in die Schule gehen könne und nur vormittags arbeiten müsse. Die Eltern lehnten ab, das Kind hat die Fabrik verlassen und in einer anderen Fabrik stattdessen weiterhin ganztags gearbeitet. „Die Türkei ist teilweise schlimmer als China bei den Sozialstandards“, sagt er.

Auch die ILO bietet Hilfe an, um die Bedingungen in den Ländern zu verbessern. Berater sollen unterstützend zur Seite stehen. Durch den Dialog habe sich vieles zum Guten verändert, wie man an
den älteren Berichten sehen könne, meint Hochschulprofessor Waas. Aber: „Es gibt auch einen ausgeprägten informellen Sektor, wo Sie das Arbeitsrecht schlicht und einfach vergessen können.“ Das haben die Prüfer der Bundesbehörden in Tschechien nicht vorgefunden. Die gemeinsame Reise
mit Vertretern des Elektronikkonzerns zu Foxconn verlief erfolgreich. Es gab keine Beanstandungen.

Info

Wie kann ich mich schützen?

In den Audits Personalakten prüfen, verschlossene Türen öffnen und Mitarbeiter befragen.

(1) Problem: Manche Arbeitnehmer werden in den Unterlagen nicht erfasst und erscheinen nicht während der Audits in den Fabriken.
Lösung: Bei einem angemeldeten Besuch auf einem Besuch in einer Tochterfirma bestehen. Dort in Stichproben die Mitarbeiter mit den Angaben in den Personalakten vergleichen.

(2) Problem: Missachtung der Arbeitszeiten: Dieses Problem tritt gerade bei Produktionsspitzen auf.
Lösung: Bereits einen Tag vor dem offiziellen Audit vor den Werktoren die Zeiten der Arbeitnehmer erfassen, also, wann sie in die Fabrik hinausgehen und wann sie wieder das Gebäude verlassen.

(3) Problem: Das Alter der Mitarbeiter ist oftmals sehr schwer einzuschätzen. Dies gilt insbesondere im asiatischen Raum.
Lösung: Mit einer Vielzahl von Mitarbeitern persönlich sprechen ohne Anwesenheit des Managements und das Alter erfragen.

(4) Problem: Hilfsmittel für den Arbeitsschutz werden von den Mitarbeitern nicht benutzt. Das Management missachtet eine Überprüfung des Einsatzes dieser Mittel.
Lösung: Hilfsmittel wie Ohr- oder Mundschützer sich zeigen lassen und prüfen, ob sie Gebrauchsspuren aufweisen.