Montag, 29.09.2014
Siemens bietet seinen Lieferanten Supply-Chain-Finance-Lösungen an.

Bildquelle Siemens AG, www.siemens.com/press

Der Offshore-Windpark London Array. Die Turbinen stammen von Siemens. Der Konzern bietet seinen Lieferanten Supply-Chain-Finance-Lösungen an.

Einkauf
Mit bilanzentlastenden Instrumenten zu mehr Umsatz

Supply Chain Finance setzt Kapital frei

Supply Chain Finance: Zur Umsatzsteigerung lassen sich Finanzierungsinstrumente nutzen. Bei längeren Zahlungszielen kann sich das lohnen. Eine Alternative ist die Standardisierung in der Lieferkette.

Manche Lieferanten von Großunternehmen müssen lange Zahlungsziele hinnehmen. Bis zu 90 Tage ist in den Verträgen vereinbart. Deutschlandweit sind solche Praktiken unüblich. Wenn überhaupt, testen nur Unternehmen mit einer hohen Marktmacht solche Spielräume. Ende Juli hat zudem der deutsche Gesetzgeber eine EU-Richtlinie zur Eindämmung langer Zahlungsfristen umgesetzt. Spätestens nach 60 Tagen ist demnach eine Rechnung zu bezahlen. Lieferanten können und wollen oftmals nicht so lange warten, bis ihre Rechnungen bezahlt werden. Alternativ stehen ihnen verschiedene Möglichkeiten offen, um in ihrer Lieferkette Kapital freizusetzen.

Supply Chain Finance: Logistiker finanzieren Bestände

Unternehmen, die stark wachsen, haben oft das Problem, dass sie den Umsatz vorfinanzieren müssen und die Kreditlinien nicht entsprechend anpassen können oder wollen. Logistiker wie die Simon Hegele Supply Chain Services  übernehmen und finanzieren die Ware im eigenen Namen und auf eigene Rechnung. Dadurch reduziert sich der Warenbestand in der Kundenbilanz. Das Rating verbessert sich zusammen mit dem Cashflow und dem Working Capital.

Im Lebensmittelhandel übernehmen beispielsweise Getränkefachgroßhändler als Händler und Logistiker die Finanzierung in der Lieferkette. „Sie treten als Händler und Logistiker in die Rolle eines Bestandsfinanzierers ein, holen die Getränke beim Logistiker ab und vereinzeln die Lieferungen für die einzelnen Supermärkte“, sagt John Eke, Geschäftsführer von Exxent Consulting. Auch andere Anbieter drängen in den Markt. Nachteil der Bestandsfinanzierung ist eine stärkere Abhängigkeit zwischen Logistiker und Kunden. Auch braucht es einen gewissen Vorlauf, bis das System angewandt werden kann; dieser kann bis zu sechs Monate betragen. Bislang sind noch wenige Anbieter am Markt. Die Finanzierung erfolgt in der Regel auf Basis von Euribor Plus.

Supply Chain Finance: Reverse Factoring ist BaFin-pflichtig

Einige Unternehmen wie Otto und Siemens bieten ausgewählten Lieferanten Reverse Factoring an. Das Prinzip ist ähnlich: Der Cashflow der Lieferanten verbessert sich, Kapital wird in der Lieferkette freigesetzt. Beim Reverse Factoring übergibt der Lieferant eine Rechnungskopie an einen Factor. Einkäufer und Factoringgesellschaft sind Vertragspartner.

Der Vertrag beinhaltet die Forderung gegenüber dem Factor. Dieser überweist den Betrag direkt oder bei Fälligkeit an den Lieferanten, der mit der Factoringgesellschaft einen ergänzenden Vertrag geschlossen hat. Als Bankgeschäft ist Reverse Factoring BaFin-pflichtig. Alle drei Geschäftspartner, also Käufer, Lieferant und Bank sind über eine Softwareplattform miteinander verbunden. Die Kosten liegen zwischen 1 und 3 Prozentpunkte höher als der Euro Interbank Offered Rate. Factoring wird besonders rege in den Branchen Handel, Dienstleistungen, Maschinenbau und im Ernährungssektor eingesetzt.

Finetrading: Ware ist off-balance

Beim Finetrading tritt der Finetrader als Zwischenhändler auf. Er kauft von dem Lieferanten die Ware und verkauft diese an seinen Kunden, den Einkäufer der Ware. Der Warenfluss geht den direkten Weg. „Damit entsteht ein Vorteil gegenüber dem Reverse Factoring, was ja auf einem reinen Handel bzw. Abkauf der Forderungen beruht“, nennt John Eke einen Pluspunkt. „Der Finetrader übernimmt juristisch die Ware, ist keine Bank und die Ware ist damit off-balance für das beauftragende Unternehmen.“

Lieferant und Einkauf können gleichermaßen profitieren: Der Lieferant erhält zeitnah das Geld für seine offenen Forderungen. Der Einkäufer kann den Skontobetrag ziehen und gewinnt Zeit bis zur endgültigen Bezahlung der Rechnung. Der Finetrader erhebt Gebühren, die ca. 10 Prozent der Kapitalkosten betragen. Hinzu kommen Stundungsgebühren, die sich danach richten, wie lange der Käufer benötigt, um die volle Summe zurückzuzahlen

Statt Supply Chain Finance: Bestände straffen

Eine andere Möglichkeit, um den Kapitalbedarf in der Lieferkette stark zu verringern, bietet die Einbindung der Lieferanten über Standardisierung, Forecasting und Sequenzierung in der Liefer- und Finanzierungskette. Damit lässt sich der Kapitalbedarf in der Supply Chain stark verringern, um hier den Finanzierungsbedarf zu senken. Erster Schritt ist die Einbindung der eingekauften Teile in eine Warenstruktur. Im Automobilbau bereits gängige Praxis, erfolgt die Fertigung im Maschinenbau zumeist nach Kundenwunsch, was eine Straffung der Bestände erschwert.
Bei einem Sondermaschinenbauer wurde der Kapitalbedarf in der Lieferkette stark verringert, um hier den Finanzierungsbedarf zu senken. Der Mittelständler hat dies in die Praxis umgesetzt, indem die eingekauften Teile in eine Warenstruktur eingepasst wurden. „Die Strukturierung auf der Commodity Ebene hat es uns erlaubt, den Hebel für die Finanzierung anders anzusetzen“, sagt der Verantwortliche für die Supply Chain.

Im Vordergrund stand die Frage: „Wie erzeuge ich eine hohe Gleichteilsituation von verschiedenen Produkten?“, erklärt er. Über eine Wertanalyse und Value Engineering wurden bei dem Sondermaschinenbauer die Stücklisten der Produkte untersucht. „Ziel war es, Gleichteile bei gleichbleibender Qualität zu erzeugen.“ Auf horizontaler Ebene wurden beispielsweise gleiche Schrauben verschiedener Bauart identifiziert, die sich zusammenfassen ließen. Im Ergebnis konnte der Sondermaschinenbauer 20 Prozent mehr Gleichteile bestellen.
Im zweiten Schritt wurden die Bestände im Lager gesenkt: „Eine kurzfristigere Lagerung ist nur möglich, wenn man weiß, dass die Teile über die Gleichheit verbraucht werden.“ Der Lagerbestand sank um 20 Prozent. Viele Unternehmen, gerade im Maschinenbau, bevorraten drei bis vier Monate des Umsatzes im Bestand. Der Sondermaschinenbauer hat sich davon verabschiedet. „Wir bezahlen die Rechnung erst, wenn das Teil gebraucht wird“

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