Montag, 18.04.2016
Lieferketten, die sich über den ganzen Globus erstrecken, stellen größere Anforderungen an das Supply Chain Management im Unternehmen.  Bildquelle: Ingram Publishing/Thinkstock/Getty Images

Bildquelle: Ingram Publishing/Thinkstock/Getty Images

Lieferketten, die sich über den ganzen Globus erstrecken, stellen größere Anforderungen an das Supply Chain Management im Unternehmen.

Einkauf
Wie der Aufbau eines Supply Chain Managements gelingt

Supply Chain Manager verbessert Bestände und Lieferqualität

Auch wenn der Einkaufsleiter die besseren Preise verhandelt – mit dem Supply Chain Manager zieht eine neue, integrierte Denkweise für die Verbesserung von Lieferantenqualität, Lagerbeständen oder Cashflow in das Unternehmen ein. So funktioniert es.

Mehr Umsatz, eine bessere Lieferantenqualtität: Der Supply Chain Manager bewältigt ein umfangreicheres Aufgabenportfolio als der Einkaufsleiter. Fokus ist bei ihm die gesamte Versorgungskette. Entscheidend für die Abdeckung der komplexen Prozesse sind verbesserte IT-Systeme, die automatisierte Auswertungen ermöglichen. „Wenn ich es schaffe die Herstellungszeit meines Produktes durch ein besseres Zusammenspiel mit den Lieferanten in meiner Supply Chain  um 30 Prozent zu kürzen, dann habe ich einen immensen Vorteil gegenüber meinen Wettbewerbern, der es mir manchmal auch erlaubt einen höheren Preis zu nehmen“, sagt Frank Sundermann, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft „Durch Denken Vorne Consult“.

Verbesserte Lieferantenqualität

Bei dem mittelständischen Unternehmen Hottinger Baldwin Messtechnik steckte der Aufbau eines Supply Chain Managements (SCM) vor acht Jahren in den Anfängen. Ein Fokus war die Lieferantenqualität. „Es gab damals Lieferanten, die durchaus schneller, zuverlässiger, genauer und hochwertiger hätten liefern können“, blickt Karl-Heinz Pöhlmann, Vice PresidentSupply Chain, zurück. Verspätung bei den Lieferanten, Fehler in den Produkten – dafür gab es bei dem Unternehmen keine Akzeptanz mehr. „Wir mussten eine neue Herangehensweise entwickeln, die das Thema Lieferantenqualität als Teil des Supply Chain Managements neben dem Einkauf neu aufgestellt hat.“

Die engere Anbindung an die Lieferanten gelang über IT-Systeme, so dass die Performancedaten im Wareneingang heute automatisiert in das SAP-System einlaufen und dort auch gleich ausgewertet werden. „Das ist unser direkter Hebel, um die Lieferanten gezielt zu verbessern“, sagt Pöhlmann. Zusammengefasst sind im Supply Chain Management bei dem Messtechnikunternehmen heute die  Bereiche Planung, Einkauf, Fertigung, Logistik, Auftragswesen und Retouren.

Supply Chain Management erhöht Umsätze

Bei dem finnischen Mode- und Textilhaus Marimekko traten zunehmend Probleme aufgrund zu hoher Lagerbestände auf der einen Seite und Out-of-Stock-Situations auf der anderen Seite auf. Das manuelle Bestandsmanagement ermöglichte keine differenzierten Prognosen. 2011 ersetzte eine IT-Lösung die bisherige Vorgehensweise. Die Software bestimmt heute den optimalen Bestand und greift dabei auf historische Absatzmuster und Saisonalitäten zurück. „Wir wollten ein System, das wir schnell integrieren können und das anpassungsfähig ist“, sagt Mari Nenonen, Supply Chain Manager bei dem Modehaus. Das finnische Designunternehmen mit 144 Filialen in 40 Ländern konnte dadurch den Lagerbestand im Distributionszentrum um 22 Prozent senken, der Umsatz auf Konzernebene stieg um 22 Prozent.

Ein Supply Chain Manager optimiert Logistik und Bestandskosten, der Einkaufsleiter verhandelt dagegen in erster Linie die günstigeren Preise im Einkauf mit Blick auf die offenen und versteckten Kosten (Total Costof Ownership). Das kann für das Unternehmen im Einzelfall werthaltiger sein als eine Optimierung der Bestände. „Die Automobilbranche hat alle Prozesse extrem in Richtung just in time gefahren, um die Bestandskosten so niedrig wie möglich zu halten“, sagt Tilman Eichstädt, Professor an der BBW Hochschule.

Flüchtlingskrise demontiert Supply-Chain-Planung

Durch die Flüchtlingskrise entstehen an den Grenzen jedoch nunmehr lange Wartezeiten für LKW. „Das hat den Effekt, dass allen die Supply-Chain-Planung um die Ohren geflogen ist“, ergänzt Eichstädt. Hohe Kosten für Sondertransporte seien entstanden; die Kosten für solche regelmäßigen „Notoperationen“ würden nicht frühzeitig berücksichtigt. Höhere Bestände vermeiden solche „Trouble Shooting Costs“. Eine Studie von GT Nexus bestätigt die Volatilität der Lieferkette. Mehr als 40 Prozent der Betriebe aus dem verarbeitenden Gewerbe verzeichneten 2015 eine Störung ihrer Supply Chain.

Auch Finanzierungsaspekte können in die Verantwortung eines Supply Chain Managers übergehen. An diesem Punkt hat Kai Aßhauer angesetzt. Bei ihm laufen die Fäden für die Kontrolle der Wertschöpfungskette, der Überwachung der Materialzu- und -abflüsse sowie der Fertigungskapazitäten zusammen. Ein Aspekt ist dabei die Berücksichtigung von Liquidität und Zahlungszielen. Der Supply Chain Manager hat in einem jüngsten Projekt die Zahlungsziele von Kunden und Lieferanten verglichen und eine neue Taktung verhandelt. „Wir konnten unter Berücksichtigung der Durchlaufzeit die Kapitalbindung deutlich reduzieren“, erklärt Aßhauer.

Info

4 Schritte für den Aufbau eines Supply Chain Managements

Lieferantenqualität verbessern: IT-Systeme ermöglichen Einspielen und Auswertung von Performancedaten im Wareneingang in das SAP-System.

Lagerbestände optimieren: Einsatz von Software, die historische Absatzmuster und Saisonalitäten berücksichtigt und entsprechende Bedarfe errechnet.

Kapitalbindung reduzieren: Vergleich von Zahlungszielen von Kunden und Lieferanten, Verhandlung einer neuen Taktung unter Berücksichtigung der Durchlaufzeiten. Das reduziert die Kapitalbindung und verbessert den Cashflow.

Total Cost of Ownership: Im Supply Chain Management nicht die versteckten Kosten einer Unterbrechung der Lieferkette vernachlässigen. Bei risikobehafteten Lieferketten können höhere Bestände günstiger sein als die Kosten für Sondertransporte und Fertigungen.