Mittwoch, 18.02.2015
Stahlbasierte Güter und Isoliermaterialien sind bei Thermax im Einkaufsportfolio.

Bildquelle: Thermamax

Stahlbasierte Güter und Isoliermaterialien sind bei Thermax im Einkaufsportfolio.

Einkauf
Beim Einkauf in China den Lieferantenwechsel vorher berechnen

TCO senkt den chinesischen Kostenvorteil

In China sind die Geschäftsbeziehungen mitunter sprunghaft. Wer das vorher berechnet, kommt oftmals zu ganz neuen Strategien und Entscheidungen im Einkauf. Der TCO-Ansatz geht weit über den Materialpreis hinaus.

Als Zulieferer der Automobilindustrie kauft Thermamax in erster Linie stahlbasierte Güter und Isoliermaterialien ein. Bert Bullerschen ist seit März 2014 Einkaufsleiter des mittelständischen Unternehmens. Ab einem bestimmten Schwellenwert und insbesondere beim Global Sourcing kalkuliert er mit weiteren Kosten, die den manchmal günstigen Anschaffungspreis recht schnell relativieren.

Der TCO-Ansatz (Total Cost of Ownership) verspricht Hilfestellung für den Einkäufer, wenn es darum geht, alle Kosten über den Lebenszyklus eines Projektes einzubeziehen. Inwieweit berücksichtigen Sie solche Kosten in Ihren Einkaufsentscheidungen?

Die Einbeziehung weiterer Kostenfaktoren über den reinen Materialpreis hinaus ist nicht nur in Fragen des Global Sourcing wichtig. Es ermöglicht auch eine Denkweise und eine Systematik: An was muss ich jetzt alles denken, um eine saubere Entscheidung zu treffen?

Wo genau spielt dieser Ansatz eine Rolle für Sie?

Er kann bei Make-or-Buy-Entscheidungen relevant sein, also im Hinblick auf die Auslagerung bestimmter Wertschöpfungstiefen. Dies betrifft wiederkehrende Entscheidungen bei Produktionsmaterialien.

Wie geht Ihre Einkaufsabteilung in ihrer Entscheidungsmatrix vor?

Bei Maschinen berücksichtigen wir die Service- und Transportkosten. Wir versuchen, im Prozess alles zu durchdenken, also nicht nur den Anschaffungspreis. Wir schauen, was haben wir im eigenen Haus für ein Kalkulationsergebnis, handelt es sich um eine Fertigungskernkompetenz, welche Auslastung habe ich im eigenen Betrieb? Daraus leitet sich die erste Entscheidung ab, also ob wir das Produkt selber fertigen oder es kaufen.

Bert Bullerschen, Einkaufsleiter von Thermamax, spricht mit europäischen Lieferanten nachdem er die Zusatzkosten, die bei einer Beschaffung in China entstehen, berechnet hat.

Die Umsetzung erfolgt über Excel-Tabellen?

Genau, wir arbeiten mit Excel-Tabellen und ergänzen die Standardangaben mit unseren Erfahrungswerten. Zunächst müssen die Beschaffungskosten oberhalb eines Schwellenwertes liegen, damit es überhaupt sinnvoll ist, Einkaufskapazität in diese Berechnungen hineinzustecken. Unsere Überlegungen gehen dann in diese Richtung: Wie ist die Versorgungssicherheit, wenn ich beispielsweise in China einkaufe? Oftmals sind die Geschäftsbeziehungen dort viel sprunghafter. Falls es nicht funktioniert: Wie schnell brauche ich, um eine europäische Quelle wiederzubeleben? Habe ich eine zweite Quelle gepflegt? Beim Global Sourcing sollte die Einkaufseinsparung mindestens 20 Prozent sein. Nur dann kommt ggfs. bei einer Hinzuziehung von Folgekosten noch eine Kostenersparnis gegenüber einer hiesigen Beschaffung heraus.

Wie sehen diese Überlegungen anhand eines konkreten Beispiels aus?

Der Preis für ein Produkt aus China, das ich einmal intensiv geprüft habe, lag zwischen 40 und 60 Prozent unter dem europäischen Preisniveau. Das Problem war allerdings, dass für die Entwicklung des Produkts ein spezielles Know-how notwendig war. Dieses war nicht im eigenen Haus vorhanden oder über chinesische Lieferanten zu beziehen. Zu den Entwicklungskosten kamen weitere Kostenblöcke wie Unsicherheiten bei der Qualität, Logistik- und Verpackungskosten hinzu. Zusätzliche Lagerbestände, um nicht in einen Versorgungsengpass zu geraten, drückten weiterhin den chinesischen Kostenvorteil.

Sie haben es demnach nicht in China beschafft?

Doch. Wir haben aber ganz offen mit den europäischen Lieferanten gesprochen und ihnen vorgeschlagen, in eine Lieferanten-Partnerschaft einzusteigen. Ziel der Vereinbarung war, dass die hiesigen Lieferanten den chinesischen Preis schlagen. Hierbei wurden Größenordnungen genannt, die realistisch sind. Also, das chinesische Preisniveau plus TCO in einer Annäherung. Die europäischen Lieferanten haben diesem Vorschlag zugestimmt und große Lieferanteile behalten. Durch den TCO-Ansatz kamen beide Seiten zu einer transparenten Entscheidungsfindung.

Wie genau können Ihre Berechnungen sein?

Sie bekommen das nie auf eine Schärfe von +/-3 Prozent hin. Man muss nun mal mutige und beherzte Schätzungen betreiben. Wenn Sie ein Heer von Controllern hinsetzen, werden Sie nie fertig.